Interview

Was ein Sportpsychologe der deutschen Mannschaft rät

Fragende Gesichter (von links): Özil, Draxler, Kroos.

Fragende Gesichter (von links): Özil, Draxler, Kroos.

Foto: firo

Essen  Nach der 0:1-Niederlage gegen Mexiko empfiehlt der Düsseldorfer Sportpsychologe Jürgen Walter vor allem Mental-Training.

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Beim 0:1 gegen Mexiko lieferte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft eine verkrampfte Vorstellung ab. Jürgen Walter, Sportpsychologe aus Düsseldorf und Vorsitzender des NRW-Landesverbands deutscher Psychologen, weiß, was jetzt zu tun ist. Im Interview mit dieser Redaktion rät der 62-Jährige den Spielern, sich mit positiven Erlebnissen zu beschäftigen – und weniger zu trainieren.

Herr Walter, welchen Eindruck hatten Sie von der deutschen Nationalmannschaft?

Jürgen Walter: Streng genommen war ich entsetzt, weil die Spieler spätestens nach dem 0:1 nicht mehr frei gespielt haben. Ich habe wenig Spielfreude gesehen, keinen Mut. Die Leichtigkeit hat gefehlt und die Körpersprache zeigte nicht den unbedingten Siegeswillen. Das Spiel schien sehr geprägt von dem Gedanken: Ich darf bloß keinen Fehler machen.

Glauben Sie, dass die Erdogan-Affäre da immer noch in den Köpfen steckt?

Jürgen Walter: Ganz lösen können die Spieler sich davon nicht. Sicherlich, im Spiel denken sie nicht daran. Das hängt dann eher damit zusammen, dass die Vorbereitung nicht so konzentriert lief, dass sie abgelenkt wurden durch solche Diskussionen.

Was empfehlen Sie Spielern in so einem Spiel?

Jürgen Walter: Einen Gedankenstopp. Wenn ich merke, wenn ein Gedanke keine Tatsache, sondern eine Vermutung ist und zusätzlich nichts nützt, muss ich mir positive Gedanken holen. Das heißt: ‚Denk an die nächste Aktion, den nächsten Pass, den nächsten Einwurf. Die nächste Aktion soll gut werden‘. Das muss man vorher üben. Der Mensch ist keine Maschine.

Bis zum Spiel gegen Schweden am Samstag (20 Uhr/ARD) ist noch etwas Zeit. Was kann die Mannschaft machen, um die Köpfe freizubekommen?

Jürgen Walter: Ich würde Entspannungsübungen empfehlen, Gedanken- und Fantasiereisen, sich immer wieder vorstellen, was man schon erreicht hat und erreichen will – und durchaus mal das Endspiel 2014 gegen Argentinien mit Verlängerung gucken. Das kann man auch dreimal machen, um sich zu erinnern: Das haben wir geschafft, das können wir wieder.

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Klingt so, als ob die Spieler die Zeit nicht nur mit Training verbringen sollen.

Jürgen Walter: Ganz genau: Sie müssen weniger trainieren, sie können das Spielerische doch. Ich würde keine Übungen mehr machen, die Spieler wissen, was zu tun ist, sie können es nur nicht abrufen. Das sind austrainierte Profis, das ist nicht das Thema, sondern der Kopf. Den müssen sie freikriegen.

Was kann Bundestrainer Joachim Löw da machen?

Jürgen Walter: Der kann nichts richtig, nichts falsch machen. Löw kann weiter Druck machen, dann sind die Spieler übermotiviert oder den Druck rausnehmen, aber dann sind die Spieler nicht fokussiert genug. Ich würde an seiner Stelle den Spaßfaktor in den Vordergrund rücken, nicht mehr viel trainieren, eher das Mentale in den Vordergrund stellen, um die negativen Gedanken aus dem Kopf zu kriegen. Das kann man mit ein, zwei Terminen machen oder mit Übungen zur Spielfreude. Außerdem hat der DFB mit Prof. Hans-Dieter Hermann einen sehr guten und erfahrenen Sportpsychologen. Es ist nur die Frage, ob die Spieler die sportpsychologischen Angebote auch nutzen.

Warum?

Jürgen Walter: Weil die Spieler möglicherweise immer noch Hemmungen haben, sich einem Sportpsychologen anzuvertrauen. Dabei geht der Schuss nie nach hinten los.

Würde es helfen, Zeit mit der Familie zu verbringen?

Jürgen Walter: Das kann nicht schaden. Man kann eigentlich nichts verkehrt machen, Hauptsache der Druck geht raus und die Freude über den Erfolg überwiegt der Sorge vor dem Misserfolg. Man darf den Druck nicht erhöhen: Ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst. Die Mannschaft muss gar nichts. Sie muss nicht gegen Schweden gewinnen, sondern sie wird gewinnen, weil sie es will und weil sie es kann.

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