Frauenfußball-Interview

Voss-Tecklenburg: Darum ist auch Klopp mein Trainer-Vorbild

Mit Fuß und auch Finger sicher am Ball: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Mit Fuß und auch Finger sicher am Ball: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Foto: Lukas Schulze / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sieht Deutschlands Frauen-Nationalmannschaft nicht als WM-Favorit. Ein Interview.

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Einer der ersten Gratulanten war Männer-Bundestrainer Joachim Löw. Und ihr Vorgänger Horst Hrubesch wird weiter als Fan bei den Spielen dabei sein. Die neue Frauen-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg geht mit einer gehörigen Portion Rückendeckung in das Jahr 2019. Die 51-jährige Duisburgerin soll Deutschland nach der enttäuschenden EM 2017 in den Niederlanden wieder in die Erfolgsspur führen. Nicht von ungefähr nennt die ehemalige Vize-Weltmeisterin das Stadion von Olympique Lyon als ein persönliches Ziel. Dort steigen im Juli die WM-Halbfinals und das Endspiel.

Frau Voss-Tecklenburg, mit 17 Jahren wurden Sie 1985 Deutsche Meisterin mit dem KBC Duisburg. Nach dem 1:0-Finalsieg über Bayern München ausgerechnet in Ihrem Heimatstadtteil Meiderich haben Sie damals forsch gesagt, Ihre Ziele seien viel höher als dieser Titel. Ihr Vorhaben ist wirklich gelungen, oder?

Martina Voss-Tecklenburg: Da konnte ich aber nicht ahnen, dass ich irgendwann einmal Bundestrainerin sein werde. (lacht) Ich war immer ehrgeizig, mental stark, verbissen, wollte jedes Kartenspiel gewinnen und habe mein Umfeld manchmal überfordert. Dass ich aber mit dem Fußball Geld verdienen würde, das war 1985 nicht realistisch. Es gab ja nicht einmal eine Bundesliga. Ich bin zehn oder 15 Jahre zu früh geboren worden.

Als schnelle, technisch gute Offensivspielerin waren Sie Ihrer Zeit voraus. Würden Sie heute mithalten können in der Bundesliga oder der Nationalmannschaft?

Voss-Tecklenburg: Ich denke schon, weil ich dann ja auch professioneller trainiert hätte. Und meine Mentalität wäre dieselbe gewesen. Wobei: Die Verbissenheit ist mit dem Alter einer gewissen Empathie gewichen. Ich bin ziemlich dankbar dafür, wie sich die Dinge sportlich für mich entwickelt haben. Aber es gibt auch Wertvolleres als Fußball. Freundschaften zum Beispiel.

Die WM in Frankreich im Sommer ist eine große Herausforderung. Der Weltmeister-Titel fehlt in Ihrer Sammlung noch. Wie realistisch ist das größte Ziel einer Karriere?

Voss-Tecklenburg: Es gibt viele Favoriten und es wird für niemanden ein Selbstläufer. Wir sind hinter den USA zwar Weltranglistenzweiter. Wir gewinnen aber gegen die besten 20 Nationen nicht, nur weil wir Deutschland sind. Wir müssen unser Bestes abrufen. Erst in der Leistung, dann auch im Ergebnis. Der Frauenfußball hat lange darauf hingearbeitet, dass sich die sportliche Qualität vieler Nationen hebt. Das erhöht die Herausforderung bei einem WM-Turnier, steigert aber auch den Druck auf eine Bundestrainerin, beispielsweise die Olympia-Qualifiktion für 2020 als eine der drei besten europäischen Nationen zu schaffen.

Sie haben als Trainerin in der Bundesliga und beim Schweizer Nationalteam ja reichlich Erfahrung gesammelt. Welche sind Ihre Trainer-Vorbilder?

Voss-Tecklenburg: Der frühere Frauen-Bundestrainer Gero Bisanz und Verbandstrainer Helmut Horsch, der auch lange die U21 der Frauen betreut hat. Aus dem Männerbereich Jürgen Klopp, bei dem ich in Dortmund 2011 hospitiert habe – was ein von mir forcierter Zufall war.

Zufall?

Voss-Tecklenburg: Nach meiner Beurlaubung beim MSV Duisburg im Jahr 2011 habe ich drei Monate nichts gemacht. Ich brauchte aber neuen Input und bin eines Morgens zum BVB-Training gefahren, habe mich neben die Autogrammjäger am Zaun platziert und Jürgen einfach angesprochen. Zum Glück kannte er mich, und wir haben unsere Telefonnummern ausgetauscht. Ich habe mit ihm dann dreieinhalb Wochen über Training und Taktik im Gespräch reflektiert. Das war sehr wertvoll.

Was zeichnet Klopp aus?

Voss-Tecklenburg: Er weiß Werte zu vermitteln, bringt ein Team zusammen, bringt Spieler dazu, mit Freude zu laufen und immer 100 Prozent zu geben. Das hat mich beeindruckt. Soll ich ein Beispiel geben?

Bitte.

Voss-Tecklenburg: Die Dortmunder haben sich im Training immer zu Höchstleistungen getrieben, niemand stand rum, alle haben sich gepusht. Ich kann mich noch erinnern, wie Dede damals Robert Lewandowski nach einer laschen Aktion mal angepflaumt hat: „Geh richtig hin und geh nicht spazieren!“

Ist die Mentalität ein gewichtiger Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball?

Voss-Tecklenburg: Zumindest ist bei Männern das Selbstvertrauen auf dem Platz in der Regel höher. Taktische Dinge haben Frauen auch schnell drauf, manchmal sind die Spielzüge aber zu fest. Es fehlt etwas die Kreativität im Spiel. Letztlich ist aber Fußball immer Fußball.

Der unterschiedlich bezahlt wird – fast wie im richtigen Leben?

Voss-Tecklenburg: Da würde ich differenzieren. Mich regt auf, wenn Männer und Frauen trotz gleicher Ausbildung und Tätigkeit unterschiedlich bezahlt werden. Die Wirtschaft oder auch der Profifußball sind dagegen Märkte, die Gelder aus speziellen Feldern generieren und deshalb ihre eigenen Regeln und einen völlig unterschiedlichen Marktwert haben.

Und doch scheint der Frauenfußball auf dem richtigen Weg. Bei der WM 2019 gibt es 50 Millionen Euro zu verdienen, in Kanada vor vier Jahren waren es 15 Millionen.

Voss-Tecklenburg: Viele Spielerinnen können vom Fußball leben. Manche verdienen im Ausland sogar fünfstellig. Aber es gibt immer noch Baustellen. Gerade in der Bundesliga. Spiele werden morgens um 11 Uhr angepfiffen, es gibt finanzielle Engpässe und Mannschaften, die auf Nebenplätzen spielen müssen oder sportlich einfach nicht konkurrenzfähig sind – obwohl es andere Möglichkeiten geben würde. Außerdem kommen zu wenig Zuschauer. Diese Themen werde ich im Gespräch mit den Vereinen auch ganz klar ansprechen.

Erfahrungen im Männerfußball haben Sie beim Oberligisten SV Straelen gesammelt. Sie waren zwei Jahre Managerin. Dort, wo Ihr Ehemann Hermann Tecklenburg Sponsor ist.

Voss-Tecklenburg: Eine Saison lang war alles gut, dann lief es nicht mehr so rund. Es gab viel Stress im Hause Voss-Tecklenburg. Ich habe irgendwann gesagt: Entweder trennen wir uns, oder ich höre auf. (lacht)

Sehen Sie bald eine Frau als Trainerin in der Männer-Bundesliga?

Voss-Tecklenburg: Zumindest glaube ich daran, vielleicht braucht es noch zehn Jahre.

Wer wäre eine Kandidatin?

Voss-Tecklenburg: Ich würde diesen Job Inka Grings zutrauen, vielleicht erst einmal über eine Station in der Regionalliga.

Ein Streit mit Ihrer damaligen Lebensgefährtin Inka Grings in der Nationalmannschaft hat Sie 2000 die Olympia-Teilnahme in Sydney gekostet. Wurmt Sie das immer noch?

Voss-Tecklenburg: Ach, das ist alles längst aufgearbeitet. Inka ist eine meiner besten Freundinnen. Mit der Zeit wird der Mensch klüger, auch ich.

Wo sehen Sie sich persönlich in zehn Jahren oder später?

Voss-Tecklenburg: Vielleicht schreibe ich ein Buch.

Welche Person würden Sie gern für einen Tag sein, eine Schriftstellerin?

Voss-Tecklenburg: Vielleicht eher Donald Trump, dann würde ich zurücktreten. (lacht)

Macht aber nicht so viel Spaß, oder?

Voss-Tecklenburg: Stimmt. Dann nehme ich Sebastian Vettel. Einmal im Formel-1-Auto über den Stadtkurs von Monte Carlo brausen. Das wär’s.

Mögen Sie Geschwindigkeit?

Voss-Tecklenburg: Schon, in der Schweiz war das bei den strengen Kontrollen und den höheren Strafen aber kein Vorteil. Erfahrungswert. (lacht)

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