Serie: Große Schalke-Trainer

Huub Stevens, der Schalker Rekordjäger

„Wir zwei kennen uns auch irgendwo her...“. Huub Stevens als Schalker Trainer beim Viertelfinale gegen Werder Bremen im April vor dem glänzenden DFB-Pokal.

„Wir zwei kennen uns auch irgendwo her...“. Huub Stevens als Schalker Trainer beim Viertelfinale gegen Werder Bremen im April vor dem glänzenden DFB-Pokal.

Foto: Foto: ina Fassbender / dpa

Gelsenkirchen.  In der Serie „Die großen Schalke-Trainer“ geht es heute um Huub Stevens. Der „Knurrer von Kerkrade“ hat bei den Königsblauen alles erlebt.

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Sein erster „Vorstellungstermin“ auf Schalke war nicht gerade Werbung in eigener Sache. An jenem 10. September 1996 kassierte Hubertus Jozef Margaretha (kurz: Huub) Stevens im Parkstadion eine empfindliche 0:3-Pleite im Hinspiel der 1. UEFA-Cuprunde. Auch beim 2:2 im Rückspiel musste der von ihm betreute JC Roda Kerkrade die fußballerische Überlegenheit des Gegners anerkennen. Dennoch hatte Stevens, der charismatische Niederländer mit den zurück gegelten Haaren und dem Herz aus Gold, reichlich Eindruck hinterlassen bei Rudi Assauer.

Die Einstellung und vor allem die taktische Ordnung, mit der Roda aufgetreten war, imponierte dem damaligen S04-Manager. So war es keine Verlegenheitslösung, dass gut vier Wochen später, am 9. Oktober 1996, jener Huub Stevens als Nachfolger des geschassten Jörg Berger in der Schalker Kabine auftauchte und freundlich in die Runde grüßte.

Andreas Müller, damals einer der erfahrensten im Schalker Team, erinnert sich: „Als Huub vor uns stand, herrschte augenblicklich ein wahnsinniger Respekt. Vor seiner Ausstrahlung standen alle stramm, auch gestandene Nationalspieler wie Marc Wilmots oder Olaf Thon.“ Doch Stevens wusste auch fachlich zu überzeugen: „Als er übernahm, brachte er mit seinen holländischen Methoden neue Komponenten ein, so dass wir noch explosiver wurden“, erinnert sich Müller. „Anfangs waren wir nach seinen Trainings ziemlich platt, aber zusammen mit der guten Grundlagenkondition, die wir aus der Vorbereitung unter Berger hatten, war dies wohl die perfekte Mischung.“

Keine vier Jahre später wurde Stevens feierlich zum Schalker „Jahrhunderttrainer“ ernannt, gewählt vom blau-weißen Anhang. Zu verdanken hat er diesen ewigen Ehrentitel natürlich dem unvergesslichen UEFA-Cup-Triumph in seiner Premierensaison 1996/97. Ganz nebenbei war der frühere niederländische Nationalspieler der erste Trainer, der den Pott gewann, obwohl er bereits in der 1. Runde aus dem Wettbewerb geflogen war ...

Dass Stevens seit jener Zeit untrennbar mit dem Ausspruch „Die Null muss stehen“ verbunden ist, unterstreicht einerseits seine historische Leistung. Andererseits haftet ihm dadurch der Ruf des notorischen Defensiv-Denkers an. „Huubs Arbeit war schon sehr auf Disziplin und Organisation ausgerichtet, andererseits machte er auch mal überraschende Dinge“, erinnert sich der spätere S04-Manager Müller:

Kultsatz: Die Null muss stehen

Als Stevens 2000/01 mit Ebbe Sand, Emile Mpenza, Gerald Asamoah, Andy Möller und Jörg Böhme fünf überragende Offensivspieler im Kader hatte, ließ er sie alle gemeinsam auflaufen. Schalke schoss in jener Saison mehr Tore als alle nationalen Wettbewerber, durfte sich vier Minuten als Deutscher Meister wähnen und gewann eine Woche später den DFB-Pokal, durch ein 2:0 über Union Berlin.

„Die Null muss stehen“ war vor allem auf die Heimspiele der UEFA-Cup-Saison 1996/97 gemünzt – insbesondere auf jene gegen Teneriffa und Inter Mailand, als Stevens mit Martin Max und Youri Mulder den kompletten Sturm ersetzen musste. Dass Schalke am Ende dennoch den Titel gewann, lag auch daran, dass man daheim kein einziges Tor kassiert hatte. Und am ganz speziellen Umgang des Trainers mit seiner Truppe: Vor dem Elfmeterschießen im Finale gegen Inter zückte Stevens einen Zettel, auf dem er die Ziffern 1 bis 5 notiert hatte: Schalkes Elferschützen. Während hinter der 2, 3, 4 und 5 noch kein Name vermerkt war, stand hinter der 1: „Ingo“ – und das, obwohl Ingo Anderbrügge zuvor in der Bundesliga zwei Strafstöße verschossen hatte. Für Stevens war Vertrauen eine wichtige Währung. Und Anderbrügge zahlte den Vorschuss zurück, indem er den Ball mit ca. 130 km/h ins Tor knallte.

Der UEFA-Cup-Triumph machte den Namen Huub Stevens in ganz Europa bekannt. Auf Schalke war er fortan unantastbar, durfte sich auch schwächere Phasen erlauben – eine wichtige Voraussetzung für spätere Erfolge. Nach dem Beinahe-Double 2001 verteidigte S04 2002 den DFB-Pokal durch ein furioses 4:2 im Finale gegen Leverkusen. Insgesamt führte Stevens den Klub seines Herzens zweimal in die Champions League und dreimal in den UEFA-Cup. In der zurückliegenden Saison rettete er Schalke vor dem Abstieg.

Die jüngste Mission war Stevens’ dritte Amtszeit als Knappen-Chefcoach – das ist Vereinsrekord, ebenso wie die 314 Pflichtspiele auf der Trainerbank. Stevens’ erste Amtszeit (1996 bis 2002) war zudem die längste eines S04-Trainers in der Bundesliga. „Als Huub im Frühjahr 2002 in mein Büro kam und sagte: ,Ich gehe nach Berlin’, da konnte ich es zuerst gar nicht fassen“, erinnert sich Müller. „Huub hat auf Schalke so ziemlich das Maximale erreicht. Nur das Verpassen der Schale 2001 dürfte ihm bis heute wehtun.“

Als der „Jahrhunderttrainer“ während seiner Zeit bei RB Salzburg (2009 bis 2011) von einem TV-Reporter auf Schalkes „Meisterschaft der Herzen“ angesprochen wurde, wandte er sich missmutig um und ließ den Fragesteller vor laufender Kamera stehen. Momente wie dieser brachten Stevens den Beinamen „Knurrer aus Kerkrade“ ein, dabei stammt er eigentlich aus Sittard. Doch ein harter Hund ist der heute 65-Jährige tatsächlich, wie Müller verrät: „Huub hatte eine schwere Kindheit, verlor früh den Vater. So etwas prägt und härtet ab. Wenn Huub dich anschaut, mit seinem stechenden Blick, dann spürst du: Der meint das, was er sagt, absolut ernst.“ Seine sensible Seite kehrte Stevens eher selten hervor: Im März verriet er auf die Frage, warum er sich eine dritte Amtszeit bei S04 antue: „Ich habe es aus Liebe getan.“ Nach dem Klassenerhalt erklärte Stevens sichtlich gezeichnet: „Ich bin froh, dass es vorbei ist.“ Bei seinem voraussichtlich allerletzten Spiel als Coach, daheim gegen Stuttgart, stand übrigens die Null – auf beiden Seiten.

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