Bundesliga

Geisterspiele: "Wenn ein Spieler aufblüht, stimmt was nicht"

Niederlechner schießt, Horn pariert: Den Fehlschuss vom Punkt erklärt der FCA-Profi hinterher mit einem Zwischenruf, der ihn gestört haben soll.

Niederlechner schießt, Horn pariert: Den Fehlschuss vom Punkt erklärt der FCA-Profi hinterher mit einem Zwischenruf, der ihn gestört haben soll.

Foto: Firo

Essen.  Brauchen Fußballprofis die Fans beim Elfmeter? Sportpsychologe sagt, welche Effekte Geisterspiele haben - und welche sie nicht haben sollten.

Die ersten fünf Spieltage in der Fußball-Bundesliga sind gespielt, die erste These wurde schon ausgiebig diskutiert: Verkehrt sich ohne Fans der Heimvorteil in einen Nachteil? Wissenschaftler aus Potsdam lieferten dazu sogar schon Zahlen. Eine weitere These stellte Augsburg-Profi Florian Niederlechner am Wochenende auf: Die fehlenden Fans wirken sich negativ auf das Elfmeterschießen aus.

Niederlechner trat beim 1:1 gegen den 1. FC Köln zum Elfmeter an. Im Stadion herrschte Ruhe, doch kurz vor dem Schuss war ein Zwischenruf zu hören. FC-Keeper Timo Horn parierte. Niederlechner erklärte das bei Sky hinterher so: „Ich habe den größten Fehler gemacht, den man als Elfmeterschütze machen kann. Ich habe den Ball hingelegt, rechts ist eigentlich meine Ecke, wo ich bisher jeden gemacht habe, und dann kam von hinten ein Kommentar, den ich wegen der scheiß Geisterspiele gehört habe. Der hat gerufen, du weißt, wo er immer hin schießt. Das hat mich dazu gebracht, dass ich mich umentschieden habe."

Zwischenrufe im Fußball-Stadion "gehören zum Spiel"

Leere Ränge als Problem für Elfmeterschützen? Weil jedes Wort zu hören ist? Sportpsychologe Jürgen Walter aus Düsseldorf kann dieser These nicht zustimmen: „Das klingt nach dem Motto: Sieger haben einen Plan, Verlierer eine Ausrede", sagt der 64-Jährige im Gespräch mit dieser Redaktion, der Leistungssportler aus unterschiedlichen Disziplinen berät. "Ich muss als Fußball-Profi wissen, was passieren kann: dass jemand reinschreit, pfeift oder sonst etwas. Das gehört zum Spiel. Darauf muss ich mich mental einstellen. Notfalls stelle ich mir das im Training vor.“

Die Bundesliga ist die erste Top-Liga in Europa, die den Spielbetrieb trotz Corona-Pandemie wieder aufgenommen hat. Der Ausschluss des Publikums hat vielerlei Effekte. Schiedsrichter beschrieben, dass ihre Entscheidungen mehr respektiert würden. Statistisch gesehen hat es zudem nach der Corona-Pause weniger Heimsiege als üblich gegeben.

Höhere Konzentration ohne pfeifende Fans?

Diskutiert wird auch, ob manche Spieler ohne Zuschauer bessere Leistungen bringen -- weil sie weniger Druck spüren, oder weil Pfiffe ausbleiben. Ein Beispiel: Schalke-Torwart Alexander Nübel, der wegen seines Wechsels zum FC Bayern München von den eigenen Fans ausgepfiffen wurde und patzte. Durch die Geisterspiele ist Nübel die Anfeindungen los.

Doch Diplom-Psychologe Walter würde gerade eine Leistungssteigerung alarmieren. „Aus sportpsychologischer Sicht ist gerade das bedenklich. Wenn ein Spieler plötzlich aufblüht, befreit aufspielt, stimmt etwas nicht. Dann muss man sich fragen: Warum hängt meine Leistung von den Zuschauern ab? Ich habe den Eindruck, dass einige Spieler derzeit besser spielen als ohne Fans. Das sollten sie hinterfragen.“

Sportpsychologe Walter: Pokalspiele gutes Beispiel für Motivationsschub

Walter weiter: „Als Profi sollte man die Fähigkeit haben, die Emotionen der Fans umzuwandeln, sie zu steuern. Ein Beispiel: Ich werde ausgepfiffen, also bin ich wichtig. Die negative Energie drehe ich in positive um und lasse mich davon antreiben, noch bessere Leistung zu bringen.“ In Pokalspielen habe sich dieser Motivationseffekt schon oft gezeigt.

Am Dienstag tritt der Viertligist 1. FC Saarbrücken im Pokalhalbfinale gegen Bayer Leverkusen an (20.45 Uhr/Sky und ARD) und hofft auf eine weitere Sensation. Schon Leverkusens Bundesliga-Konkurrent Fortuna Düsseldorf hatte der Underdog aus dem Pokal geworfen. „Manche Spieler benötigen gerade die Unterstützung der Fans", sagt Walter. "In Pokalspielen lässt sich gut beobachten, was diese bewirken kann. Als Spieler muss man sich deshalb jetzt klar machen: Es gucken alle vor den Fernsehern zu: Zuhause, in den Kneipen. Alle sehen die Fehler und regen sich auf. Das muss man sich vorstellen und daraus die Motivation ziehen, seine Leistung abzurufen.“

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