Analyse

Warum der BVB aktuell die beste Abwehr in Europa stellt

Ömer Toprak (hier im Zweikampf mit Köln Jhon Cordoba) kassierte mit dem BVB noch kein Bundesliga-Gegentor.

Ömer Toprak (hier im Zweikampf mit Köln Jhon Cordoba) kassierte mit dem BVB noch kein Bundesliga-Gegentor.

Dortmund.   In Europas fünf Top-Ligen ist der BVB der einzige Klub ohne Gegentor. Ob das System auch gegen höchste Qualität funktioniert, muss sich zeigen.

Die drei Männer verstanden einander ohne Worte. Als die Kollegen in Schwarz und Gelb noch über die eigenen Tore jubelten, blickten sie einander an, sendeten sich kurze Gesten der Entschlossenheit. Selbst als die Partie beim 3:0 gegen den Hamburger SV längst entschieden war. Roman Bürki, als Torwart eingebunden in diese Kommunikation mit seinen Innenverteidigern Sokratis und Ömer Toprak, klärt über die Botschaft auf: „Heute steht wieder die Null! Wir geben bis zum Schluss alles dafür!“ Ausrufezeichen.

Null Gegentore in 450 Minuten

Fünf Spiele sind absolviert in der Fußball-Bundesliga, und die Tabelle weist Borussia Dortmund als Spitzenreiter mit Unverletzlichkeitsnimbus aus: null Gegentore in 450 Minuten. Null. In den fünf großen europäischen Ligen ist Dortmund der letzte unbefleckte Standort, nicht Madrid, nicht London, nicht Mailand oder Paris. Eine europäische Sehenswürdigkeit: die beste Abwehr Europas. Die beste Abwehr Europas? War sie nicht in der Liga der Besten, der Champions League, von Tottenham ordentlich hergespielt worden? Ja, war sie. „Eine Ausnahme“, sagt Sportdirektor Michael Zorc.

An statistischen Zufall in der Liga mag vor allem im Borussen-Land niemand glauben. Viele im Umfeld des BVB hätten vor der Saison „das Gefühl gehabt, dass wir zu offensiv spielen, dass das nicht funktionieren kann“, sagt Bürki: „Wir haben genau das Gegenteil bewiesen.“ Genugtuung schwingt also auch ein wenig mit bei dieser mit Inbrunst gepflegten Serie, die in der Tat so kaum zu erwarten war, weil der neue Trainer Peter Bosz eine neue Taktik implementierte.

Sokratis erklärt das Konzept

Jene Vorwärtsverteidigung, die es dem Gegner nicht gestatten soll, den Ball länger als drei Sekunden zu besitzen. Dazu muss das Kollektiv in der richtigen Sekunde das richtige tun, vom Stürmer bis zum Torwart. „Wenn einer ein bisschen schläft, haben wir ein Problem“, sagt Abwehrchef Sokratis.

In der Vorbereitung auf die Saison funktionierte diese Art der Schwarmintelligenz – kaum. Seit Beginn der Saison plötzlich steht die Gelbe Wand in der Liga. Das ist wichtig. Schließlich schreibt man der Kunst des Verteidigens langfristig den größeren Erfolg zu. „Wie man so sagt: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften“, meint Roman Bürki nicht ohne darauf zu verweisen, dass es „der falsche Zeitpunkt“ sei, „auf die Tabelle zu schauen“. Der Hinweis ist obligatorisch, wenn sich BVB-Profis gestatten, Erfolgsaussichten im Vergleich mit dem großen und in den vergangenen fünf Jahren nahezu unbezwingbaren FC Bayern München auszuloten.

Aber einen scheuen Blick herab – nach Süden – erlaubt sich der Tabellenführer mit dem neuen Selbstbewusstsein schon. „Wir müssen nur gucken, wer in den letzten fünf Jahren die beste Verteidigung hatte“, sagt Abwehrchef Sokratis: „München“. Was daraus resultiert? Der Befehl, nicht nachzulassen: „Bayern ist der Favorit. Aber wenn wir so weiterspielen, können wir es spannend machen.“

Vor Ort in Dortmund wird sich schon sehr bald zeigen, ob die Ausnahme zur Regel wird, sobald der Gegner höhere individuelle Qualität besitzt als bisher. Gladbach, Real Madrid, Leipzig, Bayern, Tottenham, Schalke lauten die Gegner in sechs der kommenden sieben Heimspielen.

Leserkommentare (3) Kommentar schreiben