Kommentar

50+1-Debatte: Bundesliga-Klubs vor Zerreißprobe

Viele Fans demonstrieren für den Erhalt der 50+1-Regel.

Viele Fans demonstrieren für den Erhalt der 50+1-Regel.

Foto: dpa

Essen.  Die Bundesliga hat beschlossen, dass Investoren weiterhin nicht die Mehrheit übernehmen dürfen. Aber: Nicht jeder Klubchef hatte seine Hausaufgaben erledigt. Ein Kommentar.

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Der BVB-Geschäftsführer ließ im wichtigsten Moment der Sitzung erst gar keinen Zweifel aufkommen: Er sei für die 50+1-Regelung, wonach immer noch der Verein über sein eigenes Schicksal entscheidet und nicht ein fremder Investor. „Für mich ist die Sache klar“, sagte Hans-Joachim Watzke auf der Mitgliederversammlung der Fußball-Bundesliga in Frankfurt am Main. „Ich bin für 50+1, aber scheue die Debatte nicht."

Offenbar hatte nicht jeder Klubchef seine Hausaufgaben erledigt und eine Haltung gefunden, wie man es von einer Führungskraft erwarten darf. Die Vertretung der 36 Mannschaften der ersten und zweiten Liga gab ein zerrissenes Bild ab. Andreas Rettig, der Geschäftsführer des Zweitligisten FC St. Pauli, hatte dadurch leichtes Spiel, seinen Antrag auf Beibehaltung der 50+1-Regelung durchzubringen.

Rund ein Dutzend Wortmeldungen von Rettig zählten Sitzungsteilnehmer halb belustigt, halb verärgert mit. Ernstzunehmenden Gegenwind bekam der frühere DFL-Geschäftsführer nicht. Nicht mal die Bayern meldeten sich zu Wort, obwohl sie später mit RB Leipzig gegen den Pauli-Antrag stimmten. Am Ende waren es nur vier Gegenstimmen. Mit 18 Ja-Stimmen wurde der Antrag angenommen.

Peinlich war die schweigende Mehrheit

Peinlich war die schweigende Mehrheit in der Veranstaltung. Obwohl die Fanszene die Dringlichkeit der Entscheidung mehrfach angemahnt hatte, kamen zwei Klubs erst gar nicht zur Mitgliederversammlung — die Zweitligisten Jahn Regensburg und 1. FC Kaiserslautern. Neun Klubs enthielten sich. Drei Klubs — kein Witz — waren anwesend, aber verweigerten die Stimmabgabe komplett. Das alles wirkte so, als ob jeder dritte Klubchef ein eindeutiges Votum pro oder contra fürchtet.

Die Stimmung war schon vorher aufgeheizt, als der Antrag auf eine geheime Abstimmung diskutiert wurde. Der Wunsch auf geheime Abstimmung war ja durchaus berechtigt, um ein ehrliches Meinungsbild aus der Bundesliga zu erhalten. Das Thema 50+1 ist brisant. Aber die Versammlung verhedderte sich im Kleinkrieg zu dieser Formalie so sehr untereinander, dass der Antrag auf geheime Abstimmung nicht die erforderliche Mehrheit fand. Das ist mehr als verwunderlich.

Denn wenn einer Position bezog, um 50+1 doch abzuschaffen, zum Beispiel Martin Kind von Hannover 96, der sich seit Monaten ein Scharmützel mit der Anhängerschaft liefert, dann wurde er aus dem 50+1-Lager kurzerhand abgefertigt. Sogar der Vorwurf der Erpressung stand plötzlich im Raum, weil einer aus der Versammlung Richtung Kind gesagt haben soll: „Man könnte von Erpressung reden, aber das will ich nicht.“ Solidaritätsbekundungen blieben in der Runde aus.

Rettig darf sich als Sieger fühlen

Rettig darf sich deshalb als Sieger fühlen und auf über 3000 Fangruppen verweisen, die ihn jetzt für die Beibehaltung von 50+1 feiern. DFL-Präsident Reinhard Rauball, ganz Jurist, konnte das Ergebnis nur widersprüchlich in Worte fassen: Einerseits sei die Prämisse mit 50+1 gesetzt, andererseits kündigte er eine „Grundsatzdebatte“ an, was ja inhaltlich in Widerspruch zur Prämisse steht. Er versuchte an Einigkeit zu retten, was zu retten ist.

Vielleicht läuft die Debatte nämlich noch ganz anders. Die gewünschte Rechtssicherheit ist jedenfalls nicht hergestellt. Entweder zieht Martin Kind jetzt doch vor Gericht, um die Mehrheit an Hannover 96 zu erlangen. Oder das Kartellamt schaltet sich ein. So oder so, die Klubchefs, die Deutschlands Vereinsfußball anführen sollen, haben sich nicht zum ersten Mal in einer Grundsatzfrage zur Zukunft des deutschen Fußballs blamiert. Die Liga steht vor einer Zerreißprobe.

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