Eigentlich wäre die Rollenverteilung der beiden ungleichen Klubs zum ersten Mal seit Jahrzehnten umgekehrt. Der FC Schalke 04 kommt aus einem zweijährigen Existenzkampf mit Insolvenzangst und drohender Drittklassigkeit. Der VfL Bochum hat vier Bundesligajahre hinter sich, drei erfolgreiche inklusive. Noch vor fünf Monaten gewann der VfL beim FC Bayern mit 3:2. Beim aktuellen Deutschen Meister. Der VfL kann mehr in seinen Kader investieren als Schalke, äußerte Ambitionen, in die Bundesliga zurückkehren zu wollen. Die Schalker sind aber froh, wenn sie einmal nicht gegen den Abstieg spielen müssen. Alles klar also für das Zweitliga-Topspiel am Samstagabend (20.30 Uhr/Nitro und Sky)?
Schalke-Trainer Miron Muslic: rhetorisch begabt, Pressekonferenzen als virtuelle Happenings
Naja, die Saison 2025/2026 ist gerade drei Pflichtspiele alt, und doch scheint alles wie immer. Klein ist nicht plötzlich Groß. Obwohl der Schalker Fußball bisher nicht immer ansehnlich war, gibt es rund um die Veltins-Arena gerade ein Hochgefühl. Die Fans, die ihren Verein zwar immer verehren, egal wie der Tabellenstand ist, aber zuletzt oft enttäuscht worden waren, entwickeln aktuell Stolz auf ihre Mannschaft. Viel hat das mit Trainer Miron Muslic zu tun, der seine rhetorische Begabung und die Eigenschaft, Stimmungen ideal einschätzen zu können, auf Schalke voll ausleben kann und von vielen verehrt wird wie zuletzt Domenico Tedesco.
weitere Videos
Muslics Powerpressing ist eine Taktik mit Wiedererkennungswert. So etwas hatte Schalke lange nicht. Die Pressekonferenzen mit dem 42-Jährigen haben den Charakter virtueller Happenings mit Online-Abrufzahlen im hohen fünfstelligen Bereich. Manchmal wirkt es, als würden die Schalke-Fans den Trainer aktuell selbst dann feiern, wenn er nur das ABC vortragen würde. Muslic trifft den Ton der Fans und nimmt auf, was er hört. Zum Beispiel, als es um den Begriff „Revierderby“ für das Schalke-Spiel gegen Bochum ging. Derby – ein Wort, das VfL-Fans benutzen und auch Bochums Trainer Dieter Hecking.
„Wir freuen uns unglaublich auf dieses Spiel“, sagte aber Muslic in der Pressekonferenz am Donnerstag und ergänzte: „Die Schalke-Fans haben mir aber gesagt, dass es ein Nachbarschaftsduell ist. Derbys spielen wir gegen die Mannschaften, die am Montagabend im DFB-Pokal gespielt haben.“ Schalkes Fans feiern auch diesen Spruch, richtige Rivalen sind für sie Borussia Dortmund und Rot-Weiss Essen. Ja, sogar Rot-Weiss Essen, obwohl das letzte Pflichtspiel der Profis von S04 und RWE am 13. September 1992 stattfand. Vor rund 33 Jahren. Die Bochumer Fans sehen das ganz anders, die Sozialen Netzwerke waren in dieser Woche voll von Empörung über vermeintlich arrogante Abkanzlung.
Schalker nehmen Grönemeyer-Sticheleien bei Konzerten gelassen
Arrogant ist aber das falsche Wort, auch Ignoranz träfe es nicht. Bochum ist eben für viele aus Gelsenkirchen eine nette Nachbarstadt, die wunderbar mit Straßen- und S-Bahn erreichbar, aber nicht wirklich als Konkurrenz zu sehen ist. In der es sich im Ruhrpark nett einkaufen und im Bermuda-Dreieck entspannen lässt. Und wenn Herbert Grönemeyer in der Veltins-Arena bei seinen Konzerten „Bochum“ anstimmt und mit einem Spruch die Schalker hochnimmt, gibt es zwar leise Proteste, aber auch einige Schalker können sich mit der Tief-im-Westen-Ruhrgebietshymne identifizieren. Manche tauschen die Grönemeyer-Zeile „Machst mit nem Doppelpass jeden Gegner nass“ eben einfach gegen „nie die Schalker nass“ aus.
Auch interessant
Auch interessant
Auch interessant
Auch interessant
Auch interessant
Auch interessant
Sportlich aber sieht sich Schalke, unabhängig von Liga und Tabellenstand, ganz klar überlegen, wahrscheinlich wird das immer so bleiben. Und was einige Kennzahlen angeht, ist das berechtigt: Seit Vorbereitungsstart hatte Schalke mehrfach über 1000 Fans beim Training – unerreichte Zahlen. Schalkes Arena ist immer mit über 60.000 Fans ausverkauft – Spitze in Liga zwei. Schalke peilt die 200.000-Mitglieder-Marke an – Nummer drei in Deutschland. Das Medieninteresse ist trotz der Dauerkrise ungebrochen. Bei all dem kann der VfL Bochum nicht mithalten, trotz der Bundesligajahre. Und das obwohl es zuletzt deutlich besser lief.

Die Favoritenrolle vor dem Duell am Samstagabend hat der VfL ebenfalls nicht. Das hätte vor der Saison wohl niemand vermutet. Dabei sind beide Mannschaften identisch gestartet: ein Sieg, eine Niederlage, ein Rumpel-Erfolg nach Verlängerung im DFB-Pokal. Schalke spürt den Muslic-Rückenwind, die Bochumer aber sind skeptisch, haben sehr große Personalsorgen. Trainer Hecking sagte mit Blick auf die Elf des Gegners: „Im Vergleich zu uns hat Schalke eine gestandene Mannschaft, auch wenn sie neu zusammengestellt wurde. Da sind schon ein paar Spieler dabei, die wissen, wie es geht.“
Um die Sinne seiner Spieler für die Konkurrenz im Ruhrgebiet zu schärfen, bat Muslic auf den höchsten Punkt Gelsenkirchens zum Blick auf die Nachbarstädte. „Wir wollten ein Gefühl vermitteln, wie wichtig Schalke für die Menschen in der Stadt ist – und welchen Stellenwert Spiele gegen unsere direkten Nachbarn haben“, erklärte Muslic. Das Bochumer Ruhrstadion und die Veltins-Arena trennen nur 23 Kilometer.









