Irre Drehungen und Wendungen gab es bei vielen Trainersuchen des FC Schalke 04 in der jüngeren und nicht mehr ganz so jungen Vergangenheit – das, was am Mittwoch passierte, war aber noch einmal eine Steigerung. Morgens noch meldete Sky, Christian Titz (1. FC Magdeburg) sei der Top-Kandidat, alles könne ganz schnell gehen, tagsüber erkaltete diese Spur schnell, ebenso wie die zu Lukas Kwasniok (Paderborn), den es nach Köln zieht. Als der Tag fast vorbei war, explodierte Schalke plötzlich. Der neue S04-Trainer heißt Miron Muslic. Der erste Reflex vieler Schalker: Miron Wer?

Schalke-Vorstand Baumann sorgt für eine Überraschung

Niemand hatte vermutet, dass der neue Sportvorstand Frank Baumann, der erst am Sonntag offiziell loslegt, einen in Deutschland weitgehend unbekannten Trainer holt, den alle erst einmal googeln müssen. So war es schon bei Karel Geraerts im Oktober 2023, auch bei Kees van Wonderen im September 2024. Beide Verpflichtungen gingen gewaltig schief. Nun folgt der dritte Anlauf.

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Miron Muslic, 42 Jahre alt, stieg gerade mit Plymouth Argyle FC aus der zweiten in die dritte englische Liga ab, stand dort eigentlich noch bis Juni 2028 unter Vertrag. Die Anfrage aus Deutschland für den Trainer nahm der Klub wütend zur Kenntnis, schrieb in den sozialen Netzwerken: „Wir haben Miron Muslic widerwillig erlaubt, Kontakt zu einem deutschen Zweitligisten aufzunehmen. Wir sind über diese Entscheidung frustriert, nachdem wir klare Strukturen eingeführt haben, um ihm zu helfen.“ Muslic kann Plymouth via Ausstiegsklausel verlassen, auf Schalke erhält er einen bis Juni 2027 gültigen Vertrag.

Schalke-Trainer Muslic: ein großartiges Jahr mit Cercle Brügge

Doch was macht ihn für Schalke so attraktiv? Muslic, 1992 aus Bosnien-Herzegowina nach Österreich geflüchtet, verbrachte seine aktive Zeit in Österreich, wurde beim SV Ried zum Erstligaprofi und zum Trainer – zunächst in der Akademie, dann als Profi-Assistent. Im Dezember 2020 war der SV Ried auch seine erste Cheftrainer-Station. Nach nur zehn erfolglosen Spielen (drei Unentschieden, sieben Niederlagen) trat er schon drei Monate später zurück, seine Laufbahn schien zu enden, bevor sie begonnen hatte. „Ich finde, es ist okay, mal zu scheitern. Ich finde, es ist okay, mal am Boden zu liegen. Im Fußball, wie auch im Leben. Aber man muss immer wieder aufstehen. Und das habe ich gemacht. In einer Phase, wo in ganz Fußball-Österreich niemand an mich geglaubt hat“, sagte er über diese Zeit.

Über gute Kontakte erhielt er im Oktober 2021 einen Job als Co-Trainer des belgischen Dauer-Abstiegskandidaten Cercle Brügge, der im Schatten des Stadtrivalen Club Brügge steht, im Schnitt zwischen 5000 und 6000 Zuschauer hat. Rund ein Jahr später, im September 2022, wurde Muslic zum Cheftrainer befördert, und zu einem Geheimtipp unter europäischen Trainern. In der Saison 2022/2023 stabilisierte er Cercle und führte den Klub 2023/2024 in die Conference League. Europapokal, ein unwirklich scheinender Erfolg. Cercle wurde mit der jüngsten Mannschaft Belgiens zum effektivsten Pressingteam der Top-Ligen Europas. Sein Vorbild: der Fußball von Jürgen Klopp bei Schalkes Erzrivale Borussia Dortmund. „Ich wollte immer schon aktiv, intensiv und hoch spielen. Dortmund mit Klopp, ich dachte mir immer, wie das geht, dass jedes Mal vier Dortmund-Spieler in Ballnähe sind. Diese Idee hat mich immer schon fasziniert“, sagte Muslic einmal.

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Doch nur eine Saison lief wirklich perfekt. Mit der Dreifach-Belastung aus Meisterschaft, Pokal und Europapokal kam Cercle nicht zurecht, rutschte auf den vorletzten Platz ab, geriet in Abstiegsgefahr. Muslic ging am 2. Dezember 2024, übernahm nur drei Wochen später die nächste Aufgabe im Tabellenkeller, schon immer war England sein Fußball-Ziel gewesen, über den englischen Fußball sagte er einmal: „Die Art und Weise, wie ich Fußball sehe, passt zu dem fußballverückten England. Es ist aktiv, es ist ehrlich, es ist nach vorne.“

Plymouth war Letzter, als er kam, stieg später als Vorletzter ab. Sein größter Erfolg war ein 1:0-Erfolg über Meister Liverpool in der vierten Runde des FA-Cups, der Plymouth ein Fünftrundenspiel bei Manchester City (1:3) ermöglichte. Muslic sollte der Mann der Zukunft in Plymouth sein, jetzt ist er es auf Schalke.

Es ist ein Coup von Frank Baumann, bevor sein Vertrag überhaupt beginnt. Intern hatten die Schalker stets verkündet, im Suchprofil stünde Zweitliga-Erfahrung ganz oben auf der Liste, denn genau das sei bei Geraerts und van Wonderen ein Problem gewesen. Schalke ist für ihn die größte Chance seiner noch jungen Trainer-Karriere: eine große Bühne, alle zwei Wochen vor 60.000 Zuschauern spielen. Der neunte Cheftrainer in den vergangenen neun Jahren übernimmt.