Die äußeren Umstände könnten für Mathis Albert vielleicht unterschiedlicher kaum sein. Am Samstag feierte der 16-Jährige sein Bundesliga-Debüt für Borussia Dortmund und avancierte prompt zum drittjüngsten Spieler der Vereinshistorie. Und zum jüngsten US-Amerikaner im deutschen Oberhaus. Und das vor 81.365 Zuschauern im Signal-Iduna-Park. Ein „surreales Gefühl“ sei das gewesen, postete der Teenager auf Instagram. Nur vier Tage später aber dribbelt Albert in einer ganz anderen Welt.

Die Wahrheit über den U19-K.o. in der Bundesliga

Der BVB steht sensationell im Halbfinale des Premier League International Cups. Einem Turnierformat, bei dem englische U21-Auswahlen auf die Top-Talente Europas treffen können. Für die Schwarzgelben geht es am Mittwochabend allerdings gegen Real Sociedad aus Spanien (20 Uhr/Live bei BVB-TV). Eigentlich würden die Halbfinals in Englands großen Stadien ausgetragen. Doch weil eben keine Premier-League-Teams mehr dabei sind, treten Albert & Co. stattdessen in einem Ausweichstadion an. Und zwar von Aldershot Town - einem Provinzplatz, knapp anderthalb Stunden südwestlich vom Stadtzentrum Londons. Ganz weit weg von dem Gefühl von 81.000 Zuschauern in Dortmund.

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Mit dem Viertelfinalsieg gegen Everton haben sich die BVB-Talente unter der Leitung von U23-Coach Daniel Rios und U19-Trainer Felix Hirschnagl für das dennoch unbestrittene Highlightspiel qualifiziert. Dortmund ist eine der großen Überraschungen des Turniers, vor allem, weil die Mannschaft mit der jüngsten Startelf antrat – das Durchschnittsalter im Viertelfinale lag bei gerade einmal 19,1 Jahren. Dahinter steckt ein bewusst gewählter Ansatz des Vereins: Talente werden frühzeitig in höhere Altersstufen geschoben, um ihre Grenzen auszuloten. Die individuelle Ausbildung soll vor Titeln stehen. Doch das hat auch Schattenseiten. So verpasste die U19 am Samstag erstmals seit elf Jahren den Sprung ins Achtelfinale der Deutschen Meisterschaft.

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Gegen den 1. FC Heidenheim gab es einen 3:1-Sieg, doch der reichte aufgrund des schlechteren Torverhältnisses nicht für den notwendigen Platz in der Gruppe. Allein Samuele Inacio, Luca Reggiani oder Albert wären spielberechtigt gewesen, ganz zu schweigen vieler anderer Talente, die sich längst in der Regionalliga West in der Herrenauswahl probieren dürfen. Stattdessen spielten teils U16-Spieler. „Das Thema ist vielschichtig und – mit ein bisschen Koketterie – stellt sich die Frage: Was wollen wir? Wollen wir Deutscher Meister werden oder zwei, drei Debüts unserer Jungs bei den Profis ermöglichen?“, sagt Thomas Broich, Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, im Gespräch mit dieser Redaktion.

Er und NLZ-Leiter Paul Schaffran hätten gewusst, dass sie für ihren Weg „ein dickes Fell brauchen“, erklärt er. „Das Ganze ist auf Strecke angelegt. Es ist trotzdem legitim und superwichtig, über die U19 zu sprechen. Denn hätten wir ausscheiden müssen? Sicherlich nicht. Wir waren in den Spielen auf Augenhöhe und in der Lage, sie für uns zu entscheiden. Genau das ist vielleicht auch gut, um die Augen dafür zu öffnen, wo wir noch besser werden müssen. Denn eines steht fest: Fürs Prestige ist das alles andere als cool.“ Aber dieses „accelerated learning“ habe eben eine gute und eine weniger gute Seite, sprach der ehemalige Australien-Profi einen sperrigen Begriff an, der intern viel bedeutet.

Borussia Dortmund v Sport-Club Freiburg - Bundesliga
Samuele Inacio bei seinem starken Startelfdebüt gegen den SC Freiburg.© Getty Images | Lars Baron

„Accelerated learning“ (zu Deutsch: beschleunigtes Lernen) ist ein Konzept, das beim FC Nordsjaelland gelebt wird. Und in Dortmund durchaus als eine von vielen Inspirationen dient. Beim dänischen Klub, der immer wieder Vorzeigetalente hervorbringt, verfolgt man ein ehrgeiziges Ziel. Ein 21-jähriger Spieler soll dort das Niveau eines 27-jährigen Profis in anderen Klubs des Landes haben. Ähnlich soll das auch beim BVB gelebt werden, um die Talente frühzeitig an den Herrenfußball heranzuführen und höchstmöglich zu fordern.

Premier League Cup war wichtig für Inacio & Co.

„Felix (Hirschnagl, Anm. d. Red.) ist ein Gewinner durch und durch und wirkt nach außen vielleicht ein wenig wie der Leidtragende“, sagt Broich über das Abschneiden seiner U19, „umso mehr feiere ich es, wie konsequent er unseren gemeinsamen Weg mitgeht, ohne sich je zu beklagen. Die Verantwortung liegt nicht beim Trainer, sondern bei uns. Trotzdem ist es auch eine herausragende Reise: fast 40 Pflichtspiele für die Jungs – Bundesliga, Youth League, Premier League International Cup. Da waren und sind genügend K.-o.- und Highlightspiele dabei, um sich weiterzuentwickeln und die eigenen Grenzen auszutesten. Wir haben viele Erkenntnisse gewonnen und wollen die Jungs so früh wie möglich in den Männerfußball bringen.“

Mit Inacio, Reggiani und Albert hat das im Verlaufe der Rückrunde unter Niko Kovac funktioniert. Und das soll nur der Anfang sein. Die beiden Letztgenannten sind gegen Real Sociedad am Mittwoch im Halbfinale dabei und wollen ins Finale. „Das Turnier ist eine hervorragende Entwicklungsplattform, auf der wir sehen können: Wie weit können wir uns pushen?“, sagt Ex-Profi Broich und erklärt: „Es ist noch mehr Männer-Competition als die Youth-League, und auch das hat Luca, Samu und Mathis als hervorragende Beispiele in den Spielen extrem geholfen, um sich zu adaptieren. Es ist ein K.-o.-Spiel und das nehmen wir als solches an. Bei der ersten Teilnahme von Borussia Dortmund haben wir nicht damit gerechnet, so weit zu kommen. Wir gehen aus der Underdogrolle ins Spiel – und das passt ganz gut zu uns.“

Der Kader für das Halbfinale: Held, Wehrbein - Ritter, Kabar, Riedl, Adje, Reggiani, Krevsun, Reitz - Hoy, Fahrenhorst, Duarte dos Santos, Faust - Albert, Zarqelain, Diallo, Etcibasi.