Es waren noch 15 Minuten zu spielen, als Nico Schlotterbeck sich auf den langen Weg zur Eckfahne machte, um einen Einwurf tief in den Strafraum des VfB Stuttgart zu katapultieren. Eile hatte er keine. Er schaute, zögerte und zögerte. Und schleuderte den Ball schließlich direkt in die Arme von Torwart Alexander Nübel. Bezeichnender hätte der BVB-Auftritt im Schwabenländle bis zur 94. Minute kaum beschrieben werden können.
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Borussia Dortmund hatte sich bis dahin am Karsamstag gegen den VfB im Bundesliga-Topspiel immerhin zu einem Unentschieden (0:0) gekrampft. Dachten alle. Plötzlich aber nahm Karim Adeyemi in der Nachspielzeit den Ball an, legte ihn sich vor und traf zum 1:0. Der BVB tütete dank eines zweiten Last-Minute-Treffers von Julian Brandt den Last-Minute-Sieg zum 2:0 eiskalt ein. Weil die Dortmunder vermeintlich zu provokativ vor der Canstatter Kurve jubelten, explodierte die Stimmung beinahe noch kurz vor Schluss. Sogar ein Stuhl flog von den Rängen aufs Feld. So oder so: Am Ende feierte nur der BVB.
Es war zuvor über weite Strecken allerdings ein spielerischer Armutsgipfel der Dortmunder gewesen, der dank weitgehend stabiler Defensive zu dem am Ende starken Sieg reichte. Aufgrund erneuter Patzer der Konkurrenz reichte der sogar, um die komfortable Situation auf dem zweiten Tabellenplatz weiter auszubauen. Doch über die Art und Weise, wie die Mannschaft von Niko Kovac an der Mercedes-Benz-Straße auftrat, wird zu reden sein. Vor allem, mit der Vorgeschichte.

Ganz nebenbei war das ja die große Premiere für den neuen Sportdirektor Ole Book, der in der Länderspielpause aus Elversberg kam. Der Nachfolger von Sebastian Kehl hatte bei seiner Vorstellung vor zehn Tagen mutigen und attraktiven Fußball für die Zukunft angekündigt. „Ich denke, das kollidiert überhaupt nicht“, konterte wiederum Kovac anschließend die sofort aufflammenden Vorwürfe, sein Fußball stehe dagegen eher für Pragmatismus. Also für das vermeintliche Gegenteil. Nun ja. Die 90 Minuten in Bad Cannstatt zumindest waren nicht der beste Beleg dafür. Sondern für erfolgreichen Pragmatismus.
BVB irritiert in Stuttgart mit Planlosigkeit
Der neue Mann nahm in der MHP-Arena zwischen Torwarttrainer und Co-Trainer auf der Bank Platz und hatte beste Sicht auf seine Truppe, die richtig Lust hatte zu pöhlen. Nur Fußball spielte sie in den 90 Minuten lang leider kaum. Ja, Book hatte schon zuvor in seiner ersten Woche gespürt, dass Dortmund ein anderes Pflaster ist als das Saarland. Denn der Klub mutierte nach einem Knall-Interview zu Borussia Schlotterbeck.
Der 26-jährige Innenverteidiger hatte nach dem Länderspiel gegen Ghana (2:1) in Stuttgart öffentlich vehement dementiert, dass er beim BVB vor einer Verlängerung seines bis 2027 laufenden Vertrags stehe, und zugleich angedeutet, angesichts des Wechsels auf dem Sportdirektorenposten von Sebastian Kehl zu Book noch abwarten zu wollen. Mit einem Lächeln auf den Lippen lief Schlotterbeck bei seiner Rückkehr 34 Minuten vor Anpfiff als erster Dortmunder Feldspieler auf den Platz. Fanproteste gab es, anders als in den manchmal überschätzten Kommentarspalten in den Sozialen Netzwerken, im Stadion keine.

Ohne den verletzten Felix Nmecha, für den Carney Chukwuemeka im Mittelfeld begann, startete ausschließlich der VfB mutig und attraktiv. Wie schon bei den vergangenen Gastspielen der Borussia in Bad Cannstatt (1:5, 0:2, 1:2) dominierten die Schwaben die Anfangsphase. In der 19. Minute musste Gregor Kobel gegen einen Schuss von Angelo Stiller abheben, nachdem Ramy Bensebaini den Ball zuvor folgenschwer gegen Nikolas Nartey vertändelt hatte. Das Torschussverhältnis sprach Bände: 1:5.
BVB-Keeper Gregor Kobel pariert wieder stark
Entsprechend fielen auch die Mienen von Book, Sammer, Ricken, Watzke und Cramer aus. Als die BVB-Bosse nach gut einer halben Stunde nacheinander im TV eingeblendet wurden, strahlten sie mindestens so wenig (Spiel-)Freude aus wie ihre Profis auf dem Feld. Dass hier der Tabellenzweite beim Tabellendritten zu Gast war, ließ sich kaum erkennen.
Dortmund pöhlte, Stuttgart spielte Fußball. Die Qualität nahm allerdings im Laufe des Spiels auch spürbar ab. Nur so wirklich gefährlich wollten die Schwaben von Trainer Sebastian Hoeneß nicht werden, und so ging es mit einem 0:0 in die Pause. Diskutiert wurde zudem zwischenzeitlich eine Rote Karte gegen Chukwuemeka, der nach einem Einsteigen gegen Nartey Gelb sah (29.).
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Kovac sah zunächst keinen Anlass, einen Wechsel vorzunehmen, und somit verlief der zweite Durchgang unverändert. Stuttgart lief an, Dortmund verwaltete die Null. Lorenz Assignon prüfte Kobel mit einem strammen Versuch (55.). Das blieb die gefährlichste Chance. In der 63. Minute hatte auch der BVB-Trainer genug gesehen. In Karim Adeyemi und Fabio Silva kamen zwei frische Kräfte, ein wenig später kam auch Julian Brandt. Und so der Sieg.






