Nach so einem Abend hat Dortmund gelechzt, sich gesehnt und der Signal-Iduna-Park hat genau so einen seit Wochen nicht mehr erlebt. Was erst einmal seltsam klingt, schließlich ist Borussia die beste Heimmannschaft der Bundesliga. Doch beim 4:0-Sieg gegen den FSV Mainz 05 brauchte es für die Mannschaft von Niko Kovac keinen Fehlstart, kein Murren von den Rängen, kein Gegentor als Weckruf. Kein Zittern, kein Hinterherlaufen, kein Last-Minute-Wahnsinn. Es machte einfach mal durchgehend Spaß, dem Team beim souveränen Siegen zuzusehen.

Doppelpacker Serhou Guirassy (10. Minute, 42.), Maximilian Beier (15.), ein Eigentor von Dominik Kohr (84.), aber vor allem Hattrick-Vorlagengeber Julian Ryerson, der alle Treffer mit punktgenauen Flanken servierte, sorgten dafür, dass der BVB im Fernduell um die Meisterschaft mit dem FC Bayern München am Freitagabend vorlegte. Der Rückstand wurde über Nacht wieder auf drei Punkte verkürzt. Gegen den Karnevalsverein vom Rhein feierte Borussia Dortmund den sechsten Ligasieg in Folge – und untermauerte eindrucksvoll, dass der Klub angreifen, die Bayern fordern will. Die Münchner müssen am Samstagnachmittag beim SV Werder Bremen nachlegen.

BVB entwickelt sich zum Standard-Monster

Sechs Tage nach dem glücklichen 2:1-Erfolg beim VfL Wolfsburg änderte der Cheftrainer seine Anfangself nur auf einer Position. Und das notgedrungen. Für den gesperrten Nico Schlotterbeck (5. Gelbe Karte) rückte Ramy Bensebaini in die Startelf. Der Algerier war separat angereist, weil er auch gesundheitlich angeschlagen war. Auf der Bank saßen mit Samuele Inacio (17) und Luca Reggiani (18) erneut zwei Talente aus der eigenen Jugend. Letzterer feierte im zweiten Durchgang seine umjubelte 45-Minuten-Heimpremiere.

Eigentlich, ja eigentlich hatten die Mainzer die Partylaune im Gepäck, das war unschwer zu erkennen bei einem Blick in den Gästeblock. Komplett bunt war der, Verkleidungen herzlich willkommen und Konfetti warfen die mitgereisten Anhänger vor dem Anstoß in den Fastnachthimmel. Doch an ihrem Lieblingswochenende des Jahres feierte nur Borussia Karneval.

Borussia Dortmund - FSV Mainz 05
Spitzer Winkel, kein Problem: Maximilian Beier köpft gegen Daniel Batz ein.© dpa | Thissen

Die 10. Minute: Besagter Ryerson flankte den Freistoß vom Strafraumeck in die Mitte, Guirassy setzte sich im Duell gegen Kohr durch und köpfte zur frühen Führung ein. Fünf Minuten später war es Beier, der nach Ryersons Hereingabe am zweiten Pfosten einschädelte. Und kurz vor der Pause war erneut Guirassy nach scharfem Eckball von „Flankengott“ Ryerson zur Stelle. Für den Norweger waren es seine Bundesliga-Assists acht, neun und zehn.

Was dabei so absurd ist: Wieder fielen drei BVB-Tore nach Standards. Im Winter hatte sich der Klub von Spezialtrainer Alex Clapham getrennt, der eigentlich hauptberuflich für Ecken, Freistöße und Co. zuständig war. Seit genau diesem Abschied, seit das Trainerteam um Kovac sich selbst darum kümmert, sind die Dortmunder bei ruhenden Bällen irgendwie plötzlich deutlich gefährlicher. Sie kommen scharf vor das Tor und sorgen beinahe immer für Gefahr.

Was war mit den unangenehm erwarteten Gästen von Urs Fischer, die in der Formtabelle sogar vor den Bayern standen? Die hatten in der ersten Minute eine Gelegenheit durch Jae Sung Lee, als Gregor Kobel zupacken musste. Ein Abseitstor von Kapitän Silvan Widmer zählte nicht (38.). Insgesamt war Dortmund aber die reifere Mannschaft und ließ sie im Vergleich zu den vergangenen Wochen kaum noch ins Spiel kommen. Die BVB-Verantwortlichen um Geburtstagskind Sebastian Kehl forderten in der 22. Minute noch Elfmeter, als Felix Nmecha zu Boden ging, doch Schiedsrichter Welz entschied nach einem Kontakt von da Costa auf Weiterspielen.

Borussia Dortmund - FSV Mainz 05
Da bedankt man sich gerne: Guirassy (h.) herzt seinen Vorlagengeber Julian Ryerson.© dpa | Thissen

Im zweiten Durchgang feierte der 18-jährige Reggiani seine Bundesliga-Premiere vor heimischen Publikum, er kam für den bereits verwarnten Niklas Süle ins Spiel. Der junge Italiener profitierte zuletzt von den vielen Abwehrausfällen, rückte kurzfristig von der U19 zu den Profis auf und machte seine Sache souverän. Viel passierte nicht mehr, Kohr schenkte noch zum 4:0-Endstand ein (84.). Für Borussia geht es jetzt Schlag auf Schlag: Am Dienstag wartet das Duell mit Atalanta Bergamo in den Champions-League-Playoffs, in der Liga heißen die zwei kommenden Gegner RB Leipzig (21.2.) und FC Bayern (28.2.). Dieser Abend zeigte: Der BVB scheint bereit.