Oft müssen kleine Geschichten her, um Abenden einen besonderen Glanz verleihen. Borussia Dortmund hat seinen Zuschauern ja schon länger keinen Fußball mehr aus der obersten Feinkostküche serviert. Spoiler: Auch diesmal beim 2:2-Dämpfer gegen Champions-League-Außenseiter Bodö/Glimt nicht, stattdessen hat Schwarzgelb zwei Führungen hergeschenkt. Doch in dieser ungewöhnlich warmen Dezembernacht war zumindest mal wieder etwas Magie drin. Ausgelöst aber nur von einem Mann, der gar nicht auf dem Platz stand und allein dessen Name mehr auslöste als jedes Ergebnis der vergangenen Wochen: Marco Reus.

Marco Reus steht auf der Südtribüne neben Kevin Großkreutz

„Unser neuer Botschafter! Er ist und bleibt Borusse. Unsere ewige Nummer elf“, brüllte Stadionsprecher Norbert Dickel ins Mikrofon und verkündete vor Anpfiff seine neue Funktion im Verein. Die Klublegende, die in Los Angeles seine Karriere ausklingen lässt, kam am Mittwoch nach Hause, um bei TV-Sender DAZN über seinen Klub zu philosophieren. Anschließend verfolgte der Ex-Kapitän den Fußballkrampf gegen Bodö/Glimt in einem schwarzen Kapuzenpulli auf der Südtribüne neben Kevin Großkreutz. Und sah, wie seine Ex-Kollegen die praktisch vorzeitige Qualifikation für die Playoffs der Champions League – und eine bessere Position im Kampf um die Top acht verpassten.

Torwart Gregor Kobel kann nur noch hinterherschauen: Bodö/Glimt trifft zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich gegen den BVB.
Torwart Gregor Kobel kann nur noch hinterherschauen: Bodö/Glimt trifft zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich gegen den BVB.© firo Sportphoto | Ralf Ibing

Erstmal jubeln durfte Reus in der 18. Spielminute: Fabio Silva, der an Stelle von Serhou Guirassy startete, legte für Julian Brandt auf. Der Zehner wuchtete den Ball aus zwölf Metern alleine vor Torwart Nikita Haikin zum 1:0 hinein. Es sah alles nach dem perfekten BVB-Abend aus, bis sich Aleesami Haitam nach einer kurz ausgeführten Ecke hochschraubte und zum Ausgleich für die Norweger traf (42.). Die Gäste waren mutig, hatten bereits zuvor durch Stürmer Kasper Högh gefährliche Szenen (8./Kobel parierte, 12./der Pfosten rettete).

Dass Bodö keine Laufkundschaft werden würde, zeigten die bisherigen Spieltage in der Königsklasse. In Prag und gegen Tottenham spielten sie jeweils 2:2. Gegen Juventus hatten sie trotz 2:3-Niederlage bewiesen, dass sie mithalten können. Nach der Pause schnappte der BVB erneut zu. Wieder war es Brandt, der den Ball nach Haikins Appraller über die Linie drückte (51.). Anschließend liefen die Borussen an, aber vergaben beste Chancen. Und Bodö glich durch Jens Peter Hauge (75.) spät aus – ein dicker Dämpfer.

Marco Reus zwischen den Fans auf der Südtribüne.
Marco Reus zwischen den Fans auf der Südtribüne.© Bernd Thissen/dpa | Bernd Thissen

BVB lächzt nach Identifikationsfiguren wie Marco Reus

Bodös Saison ist ja seit dem 30. November eigentlich schon vorbei. Die Norweger beendeten sie als Vizemeister hinter Viking FK. Trotzdem war das Spiel vor 81.365 Zuschauern ein Höhepunkt vor Weihnachten, geschätzte 6000 Gästefans aus der nur 43 000 Einwohner großen Stadt im hohen Norden machten Stimmung, rollten sogar frech ein Banner mit dem Schriftzug „THE REAL YELLOW WALL“ aus, übersetzt „DIE ECHTE GELBE WAND“.

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„Ihr habt zumindest die richtigen Farben“, konterte Dickel in Richtung der gelben Gäste im Block. Reus sah auf der Gegenseite in vorderer Reihe zumindest eines der unterhaltsameren BVB-Spiele der letzten Woche gegen den krassen Außenseiter (Gesamtmarktwert von 60 Millionen Euro). Doch sein Herzensklub muss sich diesen Königsklassen-Rückschlag selbst ankreiden: zu ineffezient, zu unkonzentriert in den entscheidenden Momenten. Nach dem Spiel gab es Pfiffe.

Ein vermisstes BVB-Strahlen: Marco Reus bei seiner Rückkehr nach Dortmund.
Ein vermisstes BVB-Strahlen: Marco Reus bei seiner Rückkehr nach Dortmund.© Getty Images | Christof Koepsel

So blieb noch offen, was die Klub-Legende vor dem Spiel über das brisanteste Thema am Borsigplatz verriet. „Schlotti ist jemand, der schon sehr viel Selbstbewusstsein hat. Ich glaube, es würde dem BVB und auch Schlotti gut tun, wenn man zusammenkommt“, sagte Reus über den Vertragspokers seines Kumpels Nico Schlotterbeck. Eins machte dieser Champions-League-Abend jedenfalls schon klar: Es bleibt aus Fan-Sicht zu hoffen, dass BVB auch in Zukunft wieder Identifikationsfiguren wie Marco Reus schafft. Die Fans dürsten nach jenen Augenblicken, in denen Reus allein mit seiner Rückkehr selbst in grauen Wochen eine besondere Strahlkraft verleiht. Der aktuelle Kader gibt da nicht so viel her.