Die Reaktionen auf diesen Schuss von Serhou Guirassy fielen höchst unterschiedlich aus. Borussia Dortmunds Stürmer joggte pflichtbewusst zur Eckfahne, so recht nach Jubel war ihm nicht. Ramy Bensebaini hingegen ballte die Hände zur Faust und zeigte sie in Richtung der Auswechselbank. Es gibt offensichtlich zwei Arten, um pure Erleichterung über den Einzug in die zweite Runde des DFB-Pokals zu zeigen.

Diese einte am Montagabend im Stadion an der Hafenstraße alle Menschen in Schwarz und Gelb. Der BVB quälte sich gegen Rot-Weiss Essen, den tapferen Drittligisten. Lange sah es so aus, als ob die Essener es in die Verlängerung schaffen würden – so einfallslos agierte schließlich der favorisierte Bundesligist. In der 79. Minute aber bekam Guirassy den Ball mit dem Rücken zum Tor, etwa 18 Meter waren es bis dahin. Der Guineer legte ihn sich auf rechts – und zog dann ansatzlos wie trocken ab. Der Ball schlug rechts unten im Tor ein, es war Dortmunds Siegtreffer beim 1:0 (0:0) gegen RWE.  

BVB: Jobe Bellingham zunächst auf der Bank

Trainer Niko Kovac musste im ersten Pflichtspiel der neuen Saison neben den Langzeitverletzten auf einen weiteren Profi aus seiner Stammelf verzichten. Rechtverteidiger Julian Ryerson fehlte, weil er einen Schlag auf die Wade abbekommen hatte. Für den Norweger begann Yan Couto. Jobe Bellingham hingegen saß nur auf der Bank. Der Königstransfer des Sommers hatte sich einer Zahn-OP unterziehen müssen. Dass für den Engländer Felix Nmecha anstelle von Vize-Kapitän Julian Brandt den Spielgestalter gab, war durchaus eine Überraschung.

„Ich weiß, dass dort die Hütte brennt“, hatte Kovac im Voraus gewarnt. Und spätestens als kurz vor Anpfiff zwei Ultras über die Lautsprecher-Anlage des Stadions die 19.300 Fans auf allen vier Tribünen auf den Pokal-Kracher einschworen, durfte sich Kovac bestätigt gefühlt haben. Jeder Zweikampf, jede Offensivaktion der Essener wurde bejubelt.

Von RWE-Angriffen gab es in der ersten Halbzeit sogar überraschend viele. Der Drittligist lauerte auf Umschaltmomente, in den Minuten vor der Pause hatten die Essener gleich zwei große Chancen auf den Führungstreffer. In der 41. Minute musste BVB-Torwart Gregor Kobel wie ein Handball-Torwart das Bein ausstrecken, um Ramien Safis Schuss zu parieren. Yan Couto hatte zuvor das Abseits aufgehoben, sodass der Niederländer frei auf Kobel zulief (41.). Neun Minuten zuvor riss Kobel bei Kaito Mizutas Schuss die Hand hoch und wehrte ab.

RWE-Angreifer Ramien Safi stellte die BVB-Defensive vor Probleme.
RWE-Angreifer Ramien Safi stellte die BVB-Defensive vor Probleme.© FUNKE Foto Services | Thorsten Tillmann

Die Dortmunder, bei denen Innenverteidiger Filippo Mane ein nervöses Profi-Debüt gab, enttäuschten zunächst auf ganzer Linie. Es war ein inspirationsloser Auftritt, es wirkte, als ob jeder der Spieler erstmal mit sich selbst zurechtkommen musste, ehe an ein gemeinsames Spiel zu denken war. Selbst aus hohen Ballgewinnen resultierte kaum Torgefahr, weil die Essener aber auch gut eingestellt waren mit ihrer tiefstehenden Fünferkette. Ganz früh hatte der BVB zwei Torabschlüsse, die als Blaupause hätten dienen können für den Cup-Fight. Erst in der 36. Minute aber hatten die Dortmunder wieder eine Möglichkeit. Pascal Groß hatte einen perfekten Pass in die Schnittstelle gespielt, doch Maximilian Beier bekam den Ball nicht am starken RWE-Keeper Jakob Golz vorbeigelegt.

Kovac war merklich unzufrieden mit dem Spiel seiner Mannschaft. Der 53-Jährige schlug in den ersten Minuten der zweiten Hälfte immer wieder die Hände zusammen, tigerte hadernd durch seine Coaching-Zone. Es war Zeit für Veränderungen. Brandt und Bellingham kamen für Groß und Beier (62.). Torchancen gab es bei diesem müden Montags-Kick bis dahin weder auf der einen noch auf der anderen Seite.

BVB kommt vor Bundesliga-Start mit blauem Auge davon

Bellinghams Präsenz war gleich zu spüren, doch auch er verhalf dem BVB nicht zu einer sofortigen Steigerung. Die Essener hingegen glaubten mit ihren unermüdlichen Fans im Rücken immer mehr an die Sensation. Und dann kam Guirassy wie aus dem Nichts und machte alle Essener Pokal-Träume zunichte.

BVB-Spieler Yan Couto wird abtransportiert, RWE-Profi Kelsey Owusu entschuldigt sich für sein Foul.
BVB-Spieler Yan Couto wird abtransportiert, RWE-Profi Kelsey Owusu entschuldigt sich für sein Foul.© FUNKE Foto Services | Thorsten Tillmann

Dortmund kam noch einmal mit einem blauen Auge davon. Vor dem Bundesliga-Start am Samstag beim FC St. Pauli (18.30 Uhr/Sky) riss der Auftritt in Essen aber niemanden vom Hocker. Und womöglich vergrößern sich die Abwehrsorgen: Denn kurz vor dem Schlusspfiff wurde Yan Couto rüde von Kelsey Owusu gefoult. Der Rechtsverteidiger musste von Sanitätern abtransportiert werden.