Nach dem letzten Bundesliga-Spieltag hatte sich Borussia Dortmund eigentlich auf zwei ruhigere Wochen bis zum Auftakt in die Klub-WM-Vorbereitung eingestellt. Doch diese Ruhe währte nicht lange: Reinhold Lunow kündigte überraschend an, erneut als Präsident von Borussia Dortmund kandidieren zu wollen – und eröffnete damit einen vereinsinternen Wahlkampf, der sich bis in den Herbst ziehen könnte.
BVB: Watzke muss die Kandidatur erstmal aufarbeiten
„Das hat mich überrascht, weil es anders besprochen war“, sagt Hans-Joachim Watzke in einem Interview mit dem kicker. Hintergrund: Lunow hat ihm einst zugesichert, seinen Stuhl grundsätzlich widerstandslos zu räumen, sollte er Präsident des e.V. wollen. Dem ist nun nicht mehr so. „Aber das kann er ja machen, es ist sein gutes Recht. Ich werde über Reinhold Lunow kein schlechtes Wort verlieren, wir waren über viele Jahre befreundet“, sagt Watzke. Er wolle das Ganze für sich erst mal ein bisschen einsortieren.
Sowohl der Wirtschaftsrat als auch der Ältestenrat des Klubs hätten ihn einstimmig gebeten, selbst zu kandidieren, sagt Watzke. „Das nehme ich ernst. Ich werde mir in der Sommerpause Gedanken machen, ob ich das noch möchte.“ Dennoch: „Seit 20 Jahren schauen viele Leute auf mich, vor allen Dingen, wenn es nicht läuft. Das erzeugt eine Menge Druck. Vielleicht wäre es schön, das mal nicht mehr zu haben“, gesteht der BVB-Boss. Und ergänzt: „Ich habe ja noch ein paar andere interessante Aufgaben. Der Job, den ich am meisten liebe, ist aber der beim BVB mit seinem speziellen Weg.“

Borussia Dortmund vereine aus seiner Sicht als einziger Klub über 228.000 Mitglieder mit einem Status als börsennotiertes Unternehmen. Man wolle international erfolgreich sein, „aber auch gleichzeitig unserer großen sozialen Verantwortung gerecht werden, ohne einen der beiden Aspekte zu priorisieren. Wir sind Dauergast in der Champions League, zugleich versuchen wir, der Stadt weiteres Leben einzuhauchen, wenn die Leute gerne zum Tischtennis oder zu unseren Handball-Frauen gehen. Der wichtigste Preis, den ich in meinem Leben bekommen habe, war kein ökonomischer und kein sportlicher, sondern der Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden für unseren Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus.“
BVB: Watzke stärkt weiterhin 50+1
Auch das Thema 50+1 ist für Watzke nach wie vor ein zentrales Anliegen. „Nein, das wäre dann halt so“, antwortet er auf die Frage, ob es eine bittere Pointe wäre, wenn ausgerechnet die Mitgliederversammlung die Fortsetzung seiner eigenen Funktionärskarriere beenden würde. Und er betont: „50+1 bleibt auf jeden Fall nach wie vor mein Thema, und ich habe großen Respekt davor.“ Für ihn sichere die Regel in Deutschland vor allem den Zugang zum Stadion-Erlebnis für breite Bevölkerungsschichten. „Sobald es 50+1 nicht mehr gibt, steigen die Gehälter der Spieler noch weiter, und die Owner versuchen, das über höhere Eintrittspreise zu kompensieren. Das ist so, wohin auch immer Sie schauen, von Frankreich bis nach England.“
Auch wenn Kritiker inzwischen auf eine neue Problematik verweisen – nämlich, dass aktivistische Gruppen Mehrheiten bei Mitgliederversammlungen organisieren könnten – bleibe seine Haltung standhaft: „Trotzdem bin ich nicht bereit, 50+1 dafür zu opfern.“
BVB: Watze-Entscheidung nach dem Sommer
Warum ihn das Amt des Präsidenten reizt – obwohl es keine operative Macht verleiht? Watzke antwortet: „Wenn ich die weiter gebraucht hätte, würde ich sie nicht am Ende des Jahres abgegeben. Das hat mir gar keiner zugetraut, ich kenne ja mein Image. Aber ich habe das bisher gnadenlos durchgezogen und mich sehr, sehr zurückgehalten.“ Auch Lars Ricken habe er stets ermutigt, eigenständig zu handeln: „Triff deine Entscheidungen bitte. Du kannst jederzeit zu mir kommen, aber ich bin froh über jedes Mal, wenn du nicht kommst.“
Lesen Sie auch
Seine Erfahrung gebe er weiter – und spare dabei nicht mit ehrlichen Worten: „Ich habe ihm am Anfang auch gesagt: ‚Lars, du wirst dich manchmal einsam fühlen, öfter mal eine schlaflose Nacht haben. Wenn es läuft, werden andere gefeiert, aber wenn es nicht läuft, schauen alle dich an.‘“ Und doch bleibt für Watzke der Kern seiner Motivation bestehen: „Trotzdem ist es großartig, für den BVB zu arbeiten.“ Ob er sich noch einmal zur Wahl stellt, lässt er weiterhin offen. Klar ist: Hans-Joachim Watzke ringt um eine Entscheidung, die nach dem Sommer erwartet wird.




