Karim Adeyemi sprang auf die Bande und boxte alle Kraft aus sich heraus. Die linke Faust ausgestreckt in der Höhe, die Beine wackelig auf der LED-Anzeige. Die Fans ihm gegenüber schrien und staunten. Augenblicke zuvor war der eingewechselte Offensivspieler von Borussia Dortmund durch die Defensive des VfL Wolfsburg gedribbelt und hatte zum 3:0 eingenetzt (69. Minute). Das nächste Zaubersolo ließ der zunächst auf die Bank degradierte Star nur wenige Minuten zum 4:0-Endstand (73.) folgen - wow!
BVB: Serhou Guirassy erzielt die frühe Führung
Erst traf Serhou Guirassy für Dortmund doppelt (3., 59.), dann folgte der bärenstarke Adeyemi-Auftritt, der Borussias Verantwortliche auf der Haupttribüne größtmöglich entzückt haben dürfte. Denn dieser Sieg gegen das kriselnde Wolfsburg hatte beinahe historisches in dieser Saison. Vorbehaltlich der Sonntagsergebnisse steht der BVB erstmals seit dem dritten Spieltag, dem 13. September 2024, tatsächlich auf einem Champions-League-Platz. Schwarz-Gelb war pünktlich zum Saisonfinale endgültig wieder da, tat sogar noch etwas für das ohnehin gute Torverhältnis.
Die Fans stimmten bereits nach dem 2:0 durch ihren Stürmer Guirassy ihr „Europapokal“-Lied an, was den ausverkauften Signal-Iduna-Park zum Hüpfen brachte. Dortmund kann wieder feiern. Und berechtigerweise von internationalen Reisen nach Madrid, Mailand und London träumen.

„Die Punkte müssen hierbleiben“, hatte schon Stadionsprecher Norbert Dickel vier Minuten vor dem Anpfiff in sein Mikrofon gebrüllt. Was im Abendspiel auf dem Spiel stand, war ja aber vorher schon sowieso allen klar. Dortmund helfen bei der Aufholjagd im Saisonfinale nur Siege. Und so ließ der Führungstreffer keine 180 Sekunden auf sich warten.
Julian Brandt brachte den Ball zu Stürmer Guirassy, der plötzlich völlig allein auf den Kasten von Wolfsburgs Kamil Grabara zulaufen konnte. Der Torjäger verzögerte kurz, erwischte den Schlussmann damit auf dem falschen Fuß und schob locker-leicht zum 1:0 ein (3. Minute). Der Knipser rutschte auf die Knie und die 81.000 im Stadion sprangen erstmals von ihren Sitzen und freuten sich auf ein schwarz-gelbes Spektakel, das Anlauf brauchte.
BVB-Trainer Niko Kovac ändert Startelf auf einer Position
Die erste Halbzeit war trotz des frühen Tores nämlich lahm. Party machte trotz Rückstand kurzzeitig der überraschend gut gefüllte Auswärtsblock des VfL, der die Nordseite des Stadions in grün und weißen Rauch einnebelte. Dortmund spielte souverän, Innenverteidiger Waldemar Anton grätschte hinten alles ab und so plätscherte das Spiel vor sich hin. Gesprächsthema war abseits des Feldes zu diesem Zeitpunkt unfreiwillig Emre Can.
Lesen Sie auch
Im Vergleich zum 3:2-Sieg bei der TSG Hoffenheim hatte Kovac seine Startelf zwar nur auf einer Position, dafür aber auf einer entscheidenden geändert. Kapitän Can, der zuletzt im Mittelfeld ausgeholfen hatte, musste für den wieder genesenen Pascal Groß auf die Bank. Kovac setzte hinten auf die zuletzt überzeugende Dreierkette aus Niklas Süle, eben Anton und Ramy Bensebaini. Das Signal: Can muss sich gerade hinten anstellen, genauso übrigens wie Adeyemi. Die Reaktion dürfte Kovac Recht geben.

Es brauchte nach zwischenzeitlich langweiligen Minuten also den Pascal-Groß-Trick, der sich den Ball im Strafraum hinter seinem Standbein herzog und damit Wolfsburgs Verteidiger alt aussehen ließ, um das Spiel aufzuwecken. Der Mittelfeldspieler legte clever in die Mitte auf Guirassy zurück, der eiskalt aus neun Metern zu seinem 19. Saisontor einnetzte. Die Südtribüne eskalierte fortan und schrie sich „Europapokal, Europapokaaal“ aus den Kehlen. Die folgenden Minuten hatten etwas von Erleichterung, vielleicht sogar Versöhnung, auf den Tribünen, die stadionweit aufstanden und klatschen. Ihr BVB zauberte, ihr BVB hatte in den vergangenen Wochen alles reingeworfen nach Wochen der Tristesse, Kritik und auch Pfiffen von den Sitzen. Es war zu spüren: Mental haben sich die Fans längst auf Europa-Reisen auch im kommenden Jahr eingestellt.
Fakt ist: Die Ausgangslage vor dem endgültigen Endspurt dieser lange so verdammt schlechten Spielzeit hätte Dortmund sich vor einigen Wochen genau so ausgemalt. Der fünfte Platz, der zur Qualifikation für die Europa League berechtigt, ist erst einmal zementiert und der SC Freiburg muss gegen Bayer Leverkusen morgen erst einmal Punkten, um Rang vier zurückzuerobern. Die weitere Europa-Konkurrenz um RB Leipzig (3:3 gegen Bayern München) und Werder Bremen (2:2 bei Union Berlin) siegte nicht. Dortmund springt auf Platz vier und die Fans feiern die Adeyemi-Show.






