Keine Wolke störte am blauen Himmel. Von den umliegenden Gipfeln des Cinque Torri, Monte Cristallo und Lagazuoi glitzerte der Schnee. Auf der Tribüne drückten zahlreiche deutsche Fans, darunter Bob-Olympiasiegerin Mariama Jamanka, die Daumen. Doch alle Unterstützung half nichts: Lena Dürr erlebte beim Slalom auf der legendären Tofana ihr nächstes olympisches Drama.

Erinnerungen an Wasmeier werden wach

Nach einem glänzenden ersten Lauf und Platz zwei fädelte die 34-Jährige im Finale bereits am ersten Tor ein und schied aus. Ihr Ausfall weckte Erinnerungen an Markus Wasmeier. Der spätere Doppel-Olympiasieger von Lillehammer 1994 war sechs Jahre zuvor in Calgary der große Goldfavorit im Super-G. Aber er blieb ebenfalls gleich am ersten Tor hängen. Vor 15 Jahren bei einem FIS-Rennen hätte sie dieses frühe Missgeschick schon einmal ereilt, erzählte Dürr später. Dass es ihr, auf Silberkurs liegend, ausgerechnet bei Olympia erneut passierte, ließ sie fassungslos ins Leere starren.

Dürr kennt olympische Niederlagen

„Es ist ein beschissenes Gefühl“, meinte sie später. „Ich kann es noch gar nicht realisieren.“ Für Dürr ging mit dem brutalen Aus der Olympia-Fluch weiter: 2018, beim Slalom in Pyeongchang, war die Münchenerin im ersten Durchgang ausgeschieden. Vier Jahre später in Peking ging sie als Führende in den zweiten Lauf, fiel dort zurück und wurde mit sieben Hundertstelsekunden Rückstand Vierte. Auch bei den aktuellen Spielen musste Dürr bereits eine Enttäuschung wegstecken. Am vergangenen Sonntag lag sie im Riesenslalom klar auf Medaillenkurs, leistete sich kurz vor dem Ziel jedoch einen Fehler und stürzte auf Rang neun ab.

MILANO CORTINA 2026 - OLYMPISCHE WINTERSPIELE - CORTINA D’AMPEZZO - SKI ALPIN SLALOM FRAUEN
Lena Dürr wollte nach ihrem Fauxpas nur noch weg.© FFS | Fromm

In der Slalom-Ergebnisliste wird ihr Name nicht einmal auftauchen. Kopfschüttelnd fuhr sie nach ihrem Patzer schnurstracks Richtung Ausgang. Bitter enttäuscht nahm sie kaum Notiz vom aufmunternden Applaus der Zuschauer. Nach der erneut verpassten Medaille wollte die Slalom-Spezialistin nur noch weg. Ganz anders war dagegen die Stimmungslage bei Ski-Königin Mikaela Shiffrin. Die US-Amerikanerin überwand ihr olympisches Trauma mit einer Demonstration der Stärke. 1,5 Sekunden, eine Welt in der alpinen Zeitenjagd, lag sie am Ende vor Weltmeisterin Camille Rast aus der Schweiz. Bronze ging an die Schwedin Anna Swenn Larsson. Die ebenfalls mit großen Ambitionen gestartete Emma Aicher landete auf dem neunten Rang (2,49 Sekunden zurück).

Perfekte Bedingungen auf der legendären Piste

Dabei hätte sich das deutsche Duo keinen besseren Schlusstag für die alpinen Entscheidungen aussuchen können. Die Olimpia delle Tofane machte ihrem Ruf am Mittwoch alle Ehre. Ohnehin gilt sie als eine der attraktivsten Skirennstrecken Italiens. Doch das Traumwetter mit strahlendem Sonnenschein verwandelte die Piste in einen Winterwunderhang. Ihren Namen verdankt die Tofana der markantesten Berggruppe in den östlichen Dolomiten. Erstmals im olympischen Fokus stand sie 1956, als die Männer hier ihre Abfahrt austrugen. Damals gewann der legendäre Österreicher Toni Sailer. Für die Frauen-Wettbewerbe im Riesenslalom und Slalom hatten die Organisatoren einige Anpassungen an der sonstigen Speed-Strecke vorgenommen.

Shiffrin tanzt und feiert auf dem Podest

Damit kam Shiffrin, die vor vier Jahren bei sechs Olympia-Starts medaillenlos geblieben war, mit Abstand am besten zurecht. Als die 30-Jährige nach ihrem famosen Lauf durch den Stangenwald die Ziellinie überquerte, erhoben sich die Zuschauer von ihren Sitzen und spendeten stehende Ovationen. Shiffrin ging erst in die Hocke, legte den Kopf auf die Knie – diesen Moment brauchte sie offenbar für sich. Dann richtete sie sich auf und winkte strahlend ins Publikum.

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Mikaela Shiffrin (Mitte) jubelt ausgelassen mit ihrer Goldmedaille.© FFS | Fromm

Zweimal Silber für die deutschen Alpinen

Später reckte sie bei der Siegerehrung beide Arme in die Luft und tanzte ausgelassen auf dem Podium. Am Rande applaudierte die geschlagene Dürr voller Respekt. „Das sind die Momente, die Olympia ausmachen. Die wollte ich aufsaugen, denn die werde ich nicht mehr erleben. In vier Jahren bin ich garantiert nicht mehr dabei“, sagte die 34-Jährige. Sie wolle vor allem das Gefühl mit nach Hause nehmen, „dass ich ganz vorn mitspielen kann“. Das bleibe fest in ihren Gedanken verankert.

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Der Frauen-Slalom war der letzte Wettbewerb für die Alpinen 2026. Mit den beiden Silbermedaillen für Aicher in der Abfahrt sowie gemeinsam mit Kira Weidle-Winkelmann in der Team-Kombination übertraf der Deutsche Skiverband seine Bilanz der beiden vorangegangenen Spiele. 2018 waren die Skirennfahrer leer ausgegangen, vor vier Jahren reichte es immerhin zu Team-Silber. Zumindest diese Medaille bleibt Dürr als olympisches Andenken.