Es gibt Arbeit, die hinterlässt Spuren. Am Rücken – vom vielen Sitzen am Schreibtisch. Im Nacken – vom Schuften in der Sonne. An den Händen – von Maloche mit schwerem Gerät. Agit Kabayel trägt die Spuren seiner Arbeit im Gesicht. Es ist etwas geschwollen, um sein rechtes Auge zeichnen sich blutige Cuts ab. Berufsrisiko eines Schwergewichtsboxers. Doch da hört man ja oft: Sie sollten erst den anderen sehen.

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Der andere war in diesem Fall Damian Knyba aus Polen. Agit Kabayel hatte ihn Samstagnacht in der dritten Runde durch technischen K.o. besiegt und dadurch seinen Titel als WBC-Interimsweltmeister erfolgreich verteidigt. Mit seinem 27. Profisieg erhöhte er die Chance auf einen WM-Kampf mit Superstar Oleksandr Uysk, der aktuell drei WM-Gürtel hält. Nach einem Schlaghagel des Wattenscheiders war Knyba getaumelt, der Ringrichter beendete den Kampf, der Rest war Getöse. Die 13.000 Zuschauer in der Rudolf-Weber-Halle in Oberhausen waren nur unter großer Kraftanstrengung der phasenweise heillos überforderten Sicherheitskräfte davon abzuhalten, den Ring zu stürmen. Sie wollten ihrem Helden so nah wie möglich sein. Etliche kämpften sich zu ihm durch, begleiteten ihn auf seinem Triumphmarsch durch die Halle, hüllten ihn in eine kurdische Flagge.

Stimmung beeindruckt auch Regina Halmich

Später war es in den Katakomben der Arena still geworden. Agit Kabayel saß allein an einem metallenen Tisch vor Mikrofonen und Kameras. Ein karger Ort, um über seinen großen Boxabend, seinen ersten Kampf in Deutschland seit drei Jahren, zu sprechen. Es war kalt, doch eine Jacke lehnte der 33-Jährige ab. In ihm brannte noch das Feuer des Kampfes. Wie zuvor die Schläge aus seinen Fäusten, sprudelten nun die Worte aus ihm heraus. Auf Deutsch, auf Englisch oder irgendwie dazwischen.

„Ich weiß nicht, ob ich den Boxsport verändert habe. Ich denke einfach, ich habe den Boxsport wiederbelebt“, sagte er. In Deutschland habe es „eine lange Durststrecke“ gegeben, nachdem Wladimir Klitschko 2017 seine Karriere beendet hatte. Doch sein Kampf, der nach fünf Tagen ausverkauft war, habe gezeigt: „Die Leute haben Bock. Wir können mit jedem Kampf nach Deutschland gehen.“ Besonders freute ihn, dass unter den Zuschauern so viele Fans mit kurdischen Wurzeln waren, wie er selbst sie hat. Er trage die Heimat seiner Eltern genauso im Herzen wie Deutschland. Auch die ehemalige Dauerweltmeisterin Regina Halmich zeigte sich von der Kulisse begeistert: „Ich habe wirklich Gänsehaut, das erinnert mich an die gute alte Boxzeit. Das Boxen in Deutschland lebt wieder – und das tut so gut.“

Die dichte, intensive, mit sehr viel Testosteron aufgeladene Stimmung – die nicht vorhandenen Schlangen vor den Damentoiletten dienten als verlässlicher Beleg für eine geringe Frauenquote auf den Rängen – war für Agit Kabayel so überwältigend, dass sie ihn zunächst lähmte. „Beim Einlaufen war ich verblüfft“, gestand er. Als er 2023 in Bochum um den EM-Titel boxte, kamen 3500 Zuschauer. Nun waren es 13.000. Auch bei seinen drei Kämpfen in Riad, die ihn in die Weltspitze befördert hatten, war die Intensität nicht vergleichbar. „Das war eine neue Situation. Die haben unglaublich Stimmung gemacht, ich war abgelenkt.“ Kabayel startete schwach, der rund zehn Zentimeter größere Pole konnte seine Vorteile ausspielen, verpasste Kabayel einen empfindlichen Cut an der Augenbraue.

Bochum-Stadion zu klein für nächsten großen Kampf

In der Pause war es dann Coach Sükru Aksu, der seinen Boxer wieder zurechtruckelte. Er erinnerte ihn an sein Weltklasseniveau. „Den musst du putzen“, habe er zu Kabayel gesagt. Immer besser gelang es Kabayel nun, die Zuschauer auszublenden. „In der dritten Runde war ich voll im Fokus, ich wusste genau, was ich tun musste: Körper, Kopf, Körper, Kopf. Dann kommt das Finish ganz von allein – und so war es.“

Boxen: Agit Kabayel - Damian Knyba
Der hat gesessen: Kabayel (r.) gegen Knyba. © dpa | Thissen

Noch im Ring bestätigte sein britischer Promoter George Warren erneut, dass als Nächstes ein Kampf in einem deutschen Stadion geplant sei. Der Wunschgegner der Fans war nicht zu überhören: „Usyk, Usyk“, schallte es von den Rängen. „Habe ich den Kampf gegen Usyk verdient?“, fragte später auch Kabayel. „Ich denke schon. Er ist ungeschlagen, ich bin ungeschlagen – warum also nicht? Ich bin ready, let’s go.“

Da der Ukrainer aber wohl im Frühjahr gegen den US-Amerikaner Deontay Wilder antreten wird, stellte Warren einen möglichen Überbrückungskampf Kabayels im Sommer in Aussicht. Ein Wunschstadion hat der Wattenscheider nicht. Natürlich dachte er an den VfL Bochum, doch, so ehrlich muss er sein: „Bochum könnte zu klein sein.“ Düsseldorf und Gelsenkirchen kämen von der Größenordnung her eher infrage.

Ein Leben lang für dieses Ziel gekämpft

Der 33-Jährige ist endlich an dem Punkt in seiner Karriere, an dem sich die jahrelange Arbeit auszahlt. „Ich habe mein Leben dafür gegeben, dass ich jetzt dieser Mann bin. Ich habe mit 16 Jahren angefangen, nie eine große Pause gemacht. Von Anfang an, war die Reise, Weltmeister im Schwergewicht zu sein.“ Wie ernst man diese Ambitionen nehmen kann, dafür lieferte Kabayel am Samstag den nächsten Beweis. Auf ihm ruhen die Hoffnungen, das deutsche Boxen wieder langfristig ins Rampenlicht zu führen. „Zu 100 Prozent gehört dieser Sport zu Deutschland“, sagte er. „Wir haben so viele Legenden in diesem Land gehabt. Wir dürfen ihn nicht vergessen, nicht mit Füßen treten.“ Doch er forderte auch ein: „Wir müssen es endlich akzeptieren, dass auch ein Agit Kabayel Deutschland repräsentieren kann. Und wenn wir das tun, können wir wirklich Großes erreichen.“

Boxen: Agit Kabayel - Damian Knyba
Da macht es rumms: Kabayel (r.) gegen Knyba.© dpa | Thissen

Doch jetzt ist für ihn erstmal Pause angesagt. „Ich will einfach nur nach Hause“, sagte er sehnsüchtig. „Meine Eltern, meine Frau sehen, meine Tochter halten.“ Weitergehen wird es noch früh genug. Schlag auf Schlag.