Eine nach der anderen freudentaumelte herein. Die Heldinnen des Abends. Antje Döll, Kapitänin der deutschen Handball-Nationalspielerinnen, gab zunächst beim internationalen TV auf Englisch Auskunft. Aimée von Pereira blieb beim dänischen Fernsehen stehen – die deutsche Abwehrentdeckung spielt in Kopenhagen, spricht die Sprache fließend. Mitten im Interview kam Nieke Kühne vorbei, griff ihr von hinten an die Schultern, schüttelte sie durch. Rief ihr noch ein paar Worte der Begeisterung zu. Tenor: Wir haben es wirklich geschafft!

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Jenseits der Interviewzone wummerten in der Dortmunder Westfalenhalle noch Partyhits aus den Lautsprechern. Jubelrufe brandeten immer wieder auf. Die 10.522 Zuschauerinnen und Zuschauer in der erneut ausverkauften Halle hatten im Viertelfinale dieses Heim-Turniers eine Erlösung erlebt. Nach dem 30:23-Sieg über Brasilien erreichten die deutschen Handballerinnen erstmals seit 2007 wieder ein WM-Halbfinale.

Viola Leuchter hebt ab – meist folgte dann auch ein Treffer.
Viola Leuchter hebt ab – meist folgte dann auch ein Treffer. © firo | Jürgen Fromme

Irgendwann fanden auch Emily Vogel und Alina Grijseels ihren Weg aus der Halle. Während die Spielmacherin noch lange Umarmungen entgegennahm, ehe sie zum Mikrofon-Marathon antrat, legte Emily Vogel direkt los. In ihren Augen glitzerten noch Freudentränen. Kurz zuvor hatte ihre Stimme versagt, als sie sich – überwältigt von diesem großen Moment ihrer Karriere – über das Hallenmikro bei den Zuschauern bedankt hatte.

Vogel endlich auch in der Nationalmannschaft top

Auch jetzt schwankte sie immer wieder zwischen Weinen und Lachen. So lange hatte die 27-Jährige gemeinsam mit Alina Grijseels auf diesen Moment gewartet. 2021, 2023 waren sie schon dabei, als der Medaillentraum bereits im Viertelfinale platzte – genauso wie vergangenes Jahr bei den Olympischen Spielen in Paris. Es waren schwere Rückschläge für die ambitionierten Top-Spielerinnen, beide bereits mehrmals zu Deutschlands Handballerinnen des Jahres gewählt. Im Verein haben sie schon Titel gewonnen: Grijseels unter anderem mit dem BVB, Vogel mit Budapest. In der Nationalmannschaft lief bislang nicht alles zusammen.

Zwei Handballwelten: die erfahrene Emily Vogel (links) und Youngster Nieke Kühne.
Zwei Handballwelten: die erfahrene Emily Vogel (links) und Youngster Nieke Kühne. © Federico Gambarini/dpa | Federico Gambarini

In diesem Jahr ist das anders. Und das, obwohl sie erst im März als Kapitäninnen-Duo abgesetzt wurden, Vogel sogar zwischenzeitlich nicht für Länderspiele nominiert war. Doch statt zu murren, drehten beide auf. Grijseels lenkte klug das Spiel – und Emily Vogel? Sie hatte mit fünf Treffern großen Anteil am Erfolg. Immer, wenn es in dieser Partie knifflig wurde, Brasilien herankam, war sie plötzlich da: in der Deckung, mit Assists und als Torschützin. „Das war klasse heute. Sie hat von Anfang an Mut bewiesen“, freute sich Bundestrainer Markus Gaugisch. „Sie ist voll in die Aktionen reingegangen. Und ich freue mich, dass sie diese Form hier jetzt auch im Nationalmannschaftstrikot auf die Platte kriegt.“

Gaugisch lobt beide für Umgang mit Kapitänsfrage

Alina Grijseels nimmt es im WM-Viertelfinale auch mit zwei Brasilianerinnnen auf.
Alina Grijseels nimmt es im WM-Viertelfinale auch mit zwei Brasilianerinnnen auf. © firo | Jürgen Fromme

Als „phänomenal gut“ bezeichnete er die Art und Weise, wie sie und Grijseels mit der Veränderung auf der Kapitänsposition umgegangen sind. „Beide haben sofort den Blick nach vorne gerichtet und bringen sich jetzt maximal ein. “

Die letzten Minuten wurden für Vogel und Grijseels dann aber zum emotionalen Härtetest. „Ich habe gerechnet und dachte, wir können das nicht mehr verlieren, egal, was wir fabrizieren“, sagte Vogel. „Dann hat Alina mich angeguckt und gesagt: ,Emy, noch ein bisschen‘, weil sie gesehen hat, ich kämpfe.“ Auch Grijseels schossen in dem Moment schon die Tränen in die Augen. „Zu Emy zu schauen, hat da beim Zusammenreißen nicht geholfen“, sagt sie und lacht. „Ich habe gesehen, dass es ihr genauso geht wie mir.“

Da fallen sie sich in die Arme: Emily Vogel (hinten), Alina Grijseels (Mitte) und Aimée von Pereira.
Da fallen sie sich in die Arme: Emily Vogel (hinten), Alina Grijseels (Mitte) und Aimée von Pereira. © dpa | Federico Gambarini

Nach dem Schlusspfiff brach es dann aus ihnen heraus, ausgelassen tanzten sie durch die Halle, „weil wir fucking lange auf den Moment gewartet haben“, erklärte Vogel. „In Dortmund diesen Schritt zu schaffen, ist für mich etwas Besonders, das werde ich sicher nicht vergessen“, sagte Grijseels, die bis auf zwei Jahre Unterbrechung seit 2014 das BVB-Trikot trägt.

Emily Vogel auf den Spuren ihrer Mutter

Das große Ziel Halbfinale ist geschafft. Bei WM-Co-Gastgeber Niederlande entscheidet sich am Freitag in Rotterdam, ob es am Sonntag um Gold oder Bronze geht. Leichter werden die Gegner definitiv nicht: Wahrscheinlichster Finalgegner ist Norwegen, das im Viertelfinale Montenegro demontierte. Doch die Chance auf eine Medaille war noch nie so groß. Die Mannschaft ist in überragender Form, die Abwehr agiert zuweilen brillant. Verbesserungspotenzial gibt es vor allem im Abschluss, bei der Chancenverwertung. „Gegen Frankreich darfst du dir das nicht erlauben“, sagte Gaugisch mit Blick auf den Halbfinal-Gegner, als Trainer naturgemäß nie gänzlich zufrieden. Aber: „Ich freue mich, dass man sieht, wie gut wir Handball spielen.“ Es sei ein Lohn für Spielerinnen, „die schon durch tiefe Täler gegangen und trotzdem drangeblieben sind“.

Ich freue mich, dass sie diese Form jetzt auch im Nationalmannschaftstrikot auf die Platte kriegt.

Markus Gaugisch,, Handball-Bundestrainer über Emily Vogel

Auch Emily Vogel spürt einen „unnormalen“ Glauben an eine Medaille. „Vierte werden will ja keine“, saget Grijseels. „So dicht dran waren wir noch nie. Alles ist möglich“, sagte Vogel. Der Halbfinal-Einzug fühle sich zwar bereits wie Gold an. „Aber warum nicht bis zum Ende gehen?“

Zum zweiten Mal bei dieser WM war die Westfalenhalle ausverkauft.
Zum zweiten Mal bei dieser WM war die Westfalenhalle ausverkauft.© firo | Jürgen Fromme

Ja, warum eigentlich nicht? Den einzigen WM-Titel gewannen deutsche Handballerinnen 1993 – gegen Dänemark. Mit dabei: Andrea Bölk, Mutter von Emily Vogel, geborene Bölk. „Ich freue mich riesig für Emy. Sie hechelt seit Jahren einer guten Platzierung hinterher“, sagte die 57-Jährige. „Jetzt ist alles Zugabe. Die Last und der Druck sind abgefallen. Wenn man unter den letzten Vier steht, ist alles möglich.“ Sie muss es wissen.