Julian Weber tropfte der Schweiß von der Nase. Er stand da in den Katakomben des Nationalstadions von Tokio. Blass. Erschöpft. Trotz regenfeuchter, schwüler Temperaturen hatte er seine schwarze Trainingsjacke bis oben zugezogen. Als wollte er sich ein bisschen unsichtbar machen. Doch der deutsche Speerwerfer ist keiner, der sich versteckt. Auch in einem der schwierigsten Momente seiner sportlichen Karriere stellte er sich hin und versuchte zu erklären, was ihm gerade passiert war. Schon wieder passiert war. „Ich versuche es sachlich zu sehen“, sagte er, aber: „Es ist scheiße, einfach schade.“
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Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft hat der 31-Jährige, der mit der Weltjahresbestweite von 91,51 Metern in Japans Hauptstadt gereist war, erneut eine Medaille verpasst. Mit 86,11 Metern belegte er beim Sieg von London-Olympiasieger Keshorn Walcott aus Trinidad und Tobago (88,16) Platz fünf. Silber ging an Ex-Weltmeister Anderson Peters (Grenada/87,38), Bronze an Curtis Thompson (USA/86,67). Bitter: Webers 87,21 Meter aus der Qualifikation hätten für eine Medaille gereicht. Nach seinem letzten Wurf, in den er alles reingelegt hatte, legte er sich rücklings auf den Boden.
Dreimal in diesem Jahr über 90 Meter geworfen
„Das ist schwierig. Es ist einfach vorbei jetzt. Die Chance, die man absolut hätte wahrnehmen können, die Medaille, die einem gefühlt fast zugestanden hat“, sagte der Mainzer und fügte an: „Ich bin einfach nur leer und traurig gerade.“

Seit 2021 ist Julian Werber, der in Berlin lebt und in Potsdam trainiert, regelmäßig als Titelkandidat zu Großereignissen gereist. Doch immer verpasste er die Medaille knapp. Olympia 2021 in Tokio: Vierter. WM 2022 in Eugene: Vierter. WM 2023 in Budapest: Vierter. Olympia 2024 in Paris: Sechster. Bei seiner Rückkehr nach Tokio sollte der Fluch endlich enden. Weber, der in seiner Karriere immer wieder von hartnäckigen Verletzungen ausgebremst wurde, befand sich in unfassbarer Form. Dreimal landete sein Speer in diesem Jahr bereits jenseits der 90-Meter-Marke.
Doch dann nahm das Drama seinen Lauf.
Nichts passt für Weber in Tokio zusammen
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Im Trainingslager in Miyazaki erwischte den deutschen Teamkapitän ein Infekt. Er hatte Fieber, lag eine Woche flach. Die Qualifikation am Vortag geriet ihm unsauber, war kräftezehrend. Im Finale sah man dann einen Athleten, der verzweifelt versuchte, alles herauszuholen, was in ihm schlummerte. Unzufrieden schüttelte der Mainzer, der den Wettkampf eröffnete, nach jedem Versuch seinen Kopf. Bei einsetzendem Wind und Nieselregen gerieten seine Würfe zu steil, kamen zu früh wieder runter.

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Zwischendurch lief Weber unruhig umher, warf in etlichen Bewegungsübungen am Rand der Anlage Phantomspeere in den Nachthimmel. Auch sein Trainer Burkhard Looks konnte nicht entscheidend auf ihn einwirken, hatte aber längst erkannt: Die Beine machten nicht mit. „Und nur aus dem Arm kannst du nicht weit werfen.“ Looks‘ Aufmunterung „Einmal Zürich, komm“ verlor sich im Stadionrund. Und Weber, der vergeblich Versuch für Versuch unternahm, wie angekündigt schön – und im Idealfall auch: weit – zu werfen, erklärte später: „Wenn man von Anfang an nicht richtig reinkommt, ist es nicht möglich, so zu werfen, wie es sonst der Fall ist. Man versucht dann zu kompensieren, aber es funktioniert halt nicht.“
Medaillenweiten teilweise im Training geworfen

Es passte einfach nichts zusammen. Julian Weber fand keine Ruhe. Er musste zusehen, wie sich die Konkurrenz die Medaillen mit Weiten sicherte, „die ich teilweise mit ein paar Anlaufschritten auf der Wiese im Training geworfen habe“. Es wäre an einem normalen Tag ein Leichtes für ihn gewesen, diese Goldmedaille zu gewinnen. Jedoch: „Es ist wie: Stecker gezogen. Einfach Luft und Energie raus.“
Johannes Vetter bleibt letzter Deutscher Speerwurf-Weltmeister
Ob Gedanken an seinen Fluch ihn beeinflusst hätten? „Natürlich kann man meinen, es ist was Mentales“, sagte er, vielleicht spiele es mit im Kopf. „Aber ich würde es schon aufs Körperliche schieben, ich habe viele Körner gelassen. Es ist bitter, dass es jetzt wieder eine Weltmeisterschaft trifft.“ Zwischen seinem Auftritt nun und dem in Zürich lagen Welten. Dort hatte er vor wenigen Wochen die Diamond League dominant gewonnen. Die Form „wurde mir genommen“.
Johannes Vetter 2017 in London bleibt damit Deutschlands letzter Speerwurf-Weltmeister. Und Julian Weber ein Unvollendeter. Zwar hat er mit dem EM-Titel 2022 in München bewiesen, dass er gewinnen kann. Doch sein Anspruch ist die Weltbühne. Müde, traurig und abgeschlagen sprach er sich selbst Mut zu: „Das Potenzial ist da, ich bin längst nicht am Ende. Es werden noch Meisterschaften kommen. Ich werde noch andere Medaillen holen.“ Und: „Ich werde mich nicht vergraben.“ Nur in diesem Augenblick ausnahmsweise in seiner Jacke.







