Es waren doch nur 25 Grad. Gut, da waren auch über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Hin und wieder etwas Regen. Ab und an kam die Sonne durch. Eine Sauna in einer Waschküche in einem Gewächshaus in den Tropen muss sich so anfühlen. Eine Katastrophe für den, der hier Sport machen wollte.

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Doch die Geher bei der Leichtathletik-WM in Tokio hatten keine Wahl. Sie mussten die Bedingungen annehmen, so fürchterlich sie auch waren. Am besten gelang das Evan Dunfee. Der Kanadier sicherte sich über brutale 35 Kilometer die erste Goldmedaille dieser Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Silber holte Caio Bonfim (Brasilien) vor dem Japaner Hayato Katsuki.
Ausgezehrte Körper und eine mit Endloskraft
Im Ziel lagen sich die Athleten schluchzend in den Armen. Die ohnehin schon dürren Körper ausgezehrt, geplagt von Krämpfen. Klatschnass von Wasser, Eis, Schweiß und Tränen. Sie weinten vor Schmerzen, aber auch vor Glück. Wer hier über die Ziellinie kam, hatte gewonnen – egal, welchen Platz er belegte. Einige schafften es nur knapp. Brachen im Ziel zusammen, mussten mit dem Rollstuhl aus dem Stadion gefahren werden.
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Nur eine schien mit der Endloskraft gesegnet zu sein: Maria Perez. Die Titelverteidigerin aus Spanien dominierte das Frauenrennen, hatte sogar noch Energie für einen Sprung ins Ziel. Sie feuerte die Zweitplatzierte Italienerin Antonella Palmisano (Italien) auf den letzten Metern an. Zusammen feierten sie ihre Medaillen. Platz drei ging an Paula Milena Torres (Ecuador).
Große Enttäuschung bei Christopher Linke nach verpasster Medaille
Alle hatten sie gewusst, dass die Bedingungen schwierig werden würden. Die Veranstalter hatten kurzfristig den Start um eine halbe Stunde nach vorne gelegt – auf 7.30 Uhr Ortszeit. Viel besser hatte es die Sache nicht gemacht. Auch Christopher Linke (14.), Jonathan Hilbert (16.) und Johannes Frenzl (17.) hatten sich akribisch vorbereitet. In simulierten Hitzesituationen in speziellen Anzügen trainierten die drei Deutchen, bei einer Körperkerntemperatur von 38,5 Grad extreme Belastung auszuhalten. Aber schon im Trainingslager in Miyazaki hätten sie gemerkt: „Unser Hitzetraining war Kindergarten“, sagte Hilbert.
Trotzdem hätte die Akklimatisierung gut funktioniert, optimistisch waren sie nach Tokio gereist. Beim Eingehen dämmerte ihnen jedoch, dass dieser Tag ein besonders schlimmer werden würde. „Für mich eine zehn von zehn“, sagte Hilbert. „Mehr an Hitze und Schwüle ging nicht. Ich fand es abartig.“

Besonders groß war die Enttäuschung bei Christopher Linke. Der 36-Jährige befand sich in der Saison seines Lebens, wollte unter die Top Acht, peilte sogar eine Medaille an. Doch ausgerechnet beim Höhepunkt machte sein Körper nicht mit. Nach guten Anfang musste er den Bedingungen Tribut zollen. „Ich war zu mutig, vielleicht dumm“, sagte er hinterher. Seine Körpertemperatur lag den Großteil der Strecke bei 39 Grad. Leistungssport mit Fieber. „Da macht der Körper irgendwann nicht mehr mit. Die letzten zehn,15 Kilometer waren die Hölle.“ In die wolle er sich nun trotzdem noch einmal begeben. Über die 20 Kilometer will er es nächsten Samstag besser machen. „Ich habe noch eine Chance, die muss ich nutzen.“
Hilbert: „Komplett den Lebenswillen, die Lebenskraft verloren“
Aus einer ganz anderen Art von Hölle zurück ist Jonathan Hilbert. Nach Olympiasilber 2021 in Tokio über 50 Kilometer hatte der 30-Jährige keine sportlichen Fortschritte mehr gesehen. Seine Paradestrecke wurde aus dem olympischen Programm gestrichen. Er kam mit der Umstellung auf 35 Kilometer nicht zurecht. Schleichend sei es dann immer düsterer in ihm geworden.
Schon vor der WM hatte er offen seine Depression thematisiert. In den Katakomben des Nationalstadions stand er nun mit „Tränen der Erleichterung“ und gab bewegende Einblicke in sein Seelenleben. Immer wieder stockte seine Stimme. Er habe sich in der Zeit als Mensch verloren, erzählt er. Phasenweise habe er „komplett den Lebenswillen, die Lebenskraft verloren“. Im Oktober 2023 sei es schon sehr schwer gewesen und „2024 im Januar hat es dann halt richtig gescheppert“. Es gab Tage, da habe er nur auf der Couch gelegen, nicht einmal etwas gegessen, „einfach nur an die Decke gestarrt“.

Jonathan Hilbert gelang, was viele in dieser Situation nicht schaffen: Er suchte sich Hilfe. „Es waren teilweise echt schwere, depressive Episoden. Ich glaube, alle, die mit dem Ding zu kämpfen haben, sich ein bisschen auskennen, die wissen, was das heißt“, sagte der Thüringer. „Schwierig zu beschreiben und vollkommen abartig.“ Er sei dankbar, wie sehr ihn Eltern, Verlobte, Sponsor, die Polizei als Arbeitgeber, so viele Menschen unterstützt hätten. Auch sein neuer Trainer habe ihm Mut gemacht.
Jonathan Hilbert: „Ich war dem Tod sehr nahe“
Nach vier Jahre mit einem Top-20-Ergebnis auf die Weltbühne zurückzukehren sei für ihn nun „keine Selbstverständlichkeit. „Die letzten drei Jahre waren einfach unglaublich dunkel und schwierig. Ich war dem Tod sehr nah“, benennt er klar seine Suizidgedanke. Nun wieder da zu sein, „ist einfach unglaublich“. Es sei „ein sehr, sehr schöner Tag, um hier lebendig zu stehen“. Dann schickte er noch eine Botschaft hinterher: „Ich kann jedem, der mit Depression zu kämpfen hat, nur sagen: Es lohnt sich zu kämpfen, es lohnt sich, dranzubleiben, es lohnt sich, diese tiefen Täler zu durchschreiten. Wenn ich das schaffe, dann schaffen das auch andere.“
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Die WM-Teilnahme sei für ihn „ein Schritt in die richtige Richtung. Daran kann ich anknüpfen, in den nächsten Jahren soll noch mehr kommen“. Die schwierigste Phase habe er durchgestanden. Jedoch: „Es ist noch ein weiter Weg, aber ich bin bereit, ihn zu gehen und freue mich darauf.“
An diesem höllischen Samstag war er der größte Gewinner.







