Wenn am Samstag die Leichtathletik-WM in Tokio beginnt, dann geht es längst nicht nur um reinen Wettkampf. Die Welt schaut genau hin, wenn die große Bühne den Sport ins Scheinwerferlicht rückt. Sorgten bei früheren Ausgaben die Kritik an der Menschenrechtslage (Doha 2019), den Corona-Nachwehen (Eugene 2022) oder der restriktiven Regierung (Budapest 2023) für Diskussion, sind es in diesem Jahr die kurzfristig durch den Weltverband World Athletics (WA) angeordneten Gentests für Athletinnen.

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In Tokio dürfen nur Sportlerinnen in der Frauen-Kategorie starten, die sich einem sogenannten SRY-Gentest zur Bestimmung des biologischen Geschlechts unterziehen und das Ergebnis „weiblich“ vorweisen. Mehr als 95 Prozent aller Teilnehmerinnen haben den verpflichtenden Gentest nach Angaben des Weltverbandes absolviert. Wie World Athletics wenige Tage vor dem WM-Start mitteilte, sollen die restlichen Tests in der japanischen Hauptstadt vor Beginn der Wettkämpfe vorgenommen werden. Dies betreffe die Teams aus Frankreich und Norwegen sowie einige in Frankreich ansässige Athletinnen.

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Weltverbands-Präsident Sebastian Coe verteidigte die Tests erneut. Sie seien die „Antwort auf ein Prinzip, an das wir alle fest glauben. Und dies ist, die Frauen-Kategorie zu schützen“, sagte der 68 Jahre alte Brite nach einer Council-Sitzung von World Athletics in Tokio. Während der Titelkämpfe sollten Rückmeldungen zu den Tests gesammelt werden, um das weitere Vorgehen ab 2026 zu bestimmen. Verabschiedet wurde dieses Vorgehen erst wenige Monate vor dem Start der Weltmeisterschaft. Die Verbände gerieten unter extremen Druck – vor allem jene aus kleinen Ländern, die vor finanzielle und infrastrukturelle Probleme gestellt wurden.

Deutsche Athletinnen erhalten umfangreiche Aufklärung

„An der Umsetzung finde ich problematisch, dass die Tests von jedem Verband selbst organisiert werden sollen. Da gibt es natürlich Möglichkeiten zur Vertuschung“, sagt Hochspringerin Christina Honsel. „Ich hätte mir gewünscht, dass nach der WM jemand vom Weltverband beauftragt wird, der das unabhängig bei allen Athletinnen überprüft.“

In Deutschland habe sie sich vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gut betreut gefühlt. Es gab umfangreiche Aufklärungsgespräche und Kooperationen mit Laboren, die die Testkits für Blutabnahme oder Wangenabstrich zur Verfügung stellten. Die Ergebnisse, die sie an den Weltverband übermitteln mussten, erhielten nur die Athletinnen, nicht ihre Ärzte, nicht der DLV.

Sebastian Coe, Präsident des Welt-Leichtathletikverbands World Athletics.
Sebastian Coe, Präsident des Welt-Leichtathletikverbands World Athletics. © AFP | FABRICE COFFRINI

WA-Chef Coe will „Integrität des Frauensports“ schützen

Schon vor dem ersten Startschuss haben die Tests somit für viel Wirbel gesorgt. Diskuswerferin Kristin Pudenz zeigte sich irritiert: „Ich finde das merkwürdig, dass wir als Frau jetzt beweisen müssen, dass wir eine Frau sind.“ Doch WA-Präsident Sebastian Coe will durch die neue Regel ja gerade die „Integrität des Frauensports“ schützen: „Wir sagen, dass man auf Elite-Niveau, um in der Frauenkategorie anzutreten, biologisch weiblich sein muss.“ Menschenrechtsorganisationen indes kritisieren, dass durch solche Tests die Privatsphäre verletzt werde. Geschlechtsidentität sei zudem komplexer als das Vorhandensein eines Chromosoms.

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Hintergrund ist die Debatte um Athletinnen wie Box-Olympiasiegerin Imane Khelif, die in Paris im Zentrum einer heftig geführten Geschlechterdebatte stand, oder der ehemaligen 800-Meter-Läuferin Caster Semenya, von der für Starts eine Hormonbehandlung zur Senkung ihres natürlichen Testosteronspiegels verlangt wurde.

Christina Honsel betrachtet die Situation differenziert. Die Wattenscheiderin „verstehe die Athletinnen, die darunter leiden“. Für Transfrauen sei „das absolut schwierig. Sie haben sicherlich so schon mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.“ Doch ihr ist wichtig zu betonen: „Ich möchte gegen niemanden antreten, die die Vorteile eines Mannes hat.“ Deswegen seien Substanzen wie Steroide verboten, „weil man sonst einen Vorteil hätte“.

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Für die deutsche Meisterin ist die Maßnahme ein „Zeichen Richtung gerechter Sport“. Aber es gebe andere Bereiche, in denen es „deutlich ungerechter zugeht und Probleme, gegen die nicht so stark gekämpft wird“. Doping zum Beispiel. „Es gibt immer wieder Lücken, wo die Wada sich meiner Meinung nach viel aktiver und strikter verhalten sollte.“

Weitsprung-Ass Mihambo übt starke Kritik

Die zweimalige Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo bezeichnete die Tests als „juristisch fragwürdig, ethisch heikel und wissenschaftlich verkürzt“. Die 31-Jährige wies darauf hin, dass das Themenspektrum in dieser Frage größer sei, es Humangenetiker, Ärzte und Forscher beschäftige. Laut Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln könne der Test zwar das Vorhandensein eines SRY-Gens und damit die Voraussetzung für die Entwicklung zum Mann feststellen. Doch die Funktionsfähigkeit des Gens werde nicht getestet. „Daher kann der Test Intersexualität nur bedingt nachweisen.“

Eine effiziente Möglichkeit wäre für Mihambo, in Tokio das Podium, die Top 8 oder Top 12 zu testen. So hätte Word Athletics die nationalen Verbände entlasten können. Kontrovers bleibt das Thema dennoch.