Rudi Völler kletterte am Dienstagvormittag auf die neue Dachterrasse des Trainingsplatzes in Herzogenaurach. Der Sportdirektor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beobachtete aus drei Metern Höhe die Abschlusseinheit der DFB-Auswahl vor dem Halbfinale der Nations League am Mittwochabend (21 Uhr/ZDF) in München gegen Portugal.

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Zu einem deutschen Spieler war Völlers Höhenunterschied trotz des Emporenblicks nicht wesentlich größer: Nick Woltemade ragte mit seinen 1,98 Metern aus dem 24-Mann-Kader heraus, der sich vor Völler hin- und herbewegte. Der 23 Jahre junge Stürmer des VfB Stuttgart ist eines der größten Versprechen in der Nationalmannschaft für die kommenden Jahre. Woltemade hat in der vergangenen Saison eine rasante Entwicklung genommen und steht nun gegen Portugal vor seinem Debüt für die deutsche A-Nationalmannschaft.

DFB-Elf: Nagelsmann sucht sein Gerüst für die WM 2026

Der 23-Jährige ist einer der Spieler, die zum festen Gerüst werden könnten für das große Ziel von Bundestrainer Julian Nagelsmann: den WM-Titel 2026. Ein Jahr vor dem großen Turnier in den USA, Kanada und Mexiko ist die aktuelle Nationalmannschaft noch weit davon entfernt, ein ähnlich eingespieltes Team zu entwickeln, wie es Deutschland vor dem WM-Sieg 2014 über mehrere Jahre aufgebaut hatte.

Zehn Spieler mussten für die Finalrunde der Nations League absagen, darunter feste Stammkräfte wie Antonio Rüdiger, Jamal Musiala und Kai Havertz sowie potenzielle Startelfspieler wie Angelo Stiller, Nico Schlotterbeck oder Tim Kleindienst.

Nur drei Spieler aus EM-Viertelfinal-Elf starten gegen Portugal

Nagelsmanns Nationalelf befindet sich seit der Heim-EM 2024 in einem schleichenden Umbruch, den der Bundestrainer seitdem immer wieder anpassen musste. Aus der Viertelfinal-Startelf der EM stehen am Mittwoch nur noch drei Spieler in der voraussichtlichen Anfangsformation: Kapitän Josua Kimmich, Jonathan Tah und Leroy Sané.

Ob Spieler wie Sané, Serge Gnabry, Pascal Groß oder auch Leon Goretzka 2026 noch eine entscheidende Rolle im Nationalteam spielen, ist offen (Goretzka) bis unwahrscheinlich (Sané, Gnabry, Groß). Gleichzeitig bieten sich für vergessen geglaubte Spieler wie Gnabry durch die wiederkehrende Personalnot auch immer wieder neue Chancen.

Bundestrainer erklärt seine Kader-Auswahl

Nagelsmann erklärte am Tag vor dem Spiel, dass er mit seinem Kader das vergangene Jahr und die Saison in der Nations League „abrunden“ wolle und er daher auch wieder Spieler wie Leverkusens Robert Andrich nominiert habe, die in der Liga zuletzt nur wenig gespielt hatten.

Dass Nagelsmann vor allem im zentralen Mittelfeld in den vergangenen Monaten nie eine feste Formation finden konnte, sei aktuell noch kein Problem. „Ich hatte nicht die Illusion, immer mit den selben vier Mittelfeldspielern alle Spiele zu machen“, sagte Nagelsmann. Profitieren konnte von den zwischenzeitlichen Ausfällen insbesondere Goretzka, der aktuell in der DFB-Elf gesetzt ist und gegen Portugal starten wird, wie Nagelsmann verriet.

Nur eine Niederlage für Nagelsmann in 17 Spielen

Ungeachtet aller Verletzungssorgen will Nagelsmann an seinem im März 2024 eingeschlagenen Weg festhalten: Spiele gewinnen. Siege entwickeln ein Selbstverständnis. Das wiederholt der Bundestrainer seit einem Jahr fast mantraartig. Und es funktioniert. Seit dem Neustart im vergangenen Jahr hat die Nationalelf von 17 Spielen nur eines verloren: das EM-Viertelfinale in der Verlängerung gegen Spanien.

Der Weg des Europameisters vom Nations-League-Gewinner 2023 zum EM-Sieger 2024 ist das große Vorbild von Nagelsmann mit Blick auf die WM im kommenden Jahr. Der 37-Jährige will in dieser Woche seinen ersten Titel gewinnen, auch wenn es „nur“ die Nations League ist. „Es ist ein kleiner Titel“, sagte Nagelsmann. „Aber er ist wichtig für die Gruppe.“

Goretzka will ersten Titel seit 2017

Das konnte am Dienstag auch Goretzka bestätigen, der genau wie Kapitän Joshua Kimmich 2017 beim bislang letzten Titel im Confed Cup dabei war. „Das war eine tolle Erfahrung. Es ist langsam mal wieder Zeit für einen neuen Titel“, sagte der 30-Jährige vor dem Halbfinale der Nations League.

Für die Nationalmannschaft hätte dieser Titel weitere Auswirkungen auf die WM. Nur mit einem Sieg im Finale am Sonntag kann Deutschland in der Weltrangliste noch sicher an Italien vorbeiziehen, um bei der WM-Auslosung als Gruppenkopf gesetzt zu sein.

Portugal mit vier Champions-League-Siegern

Bei einer Niederlage gegen Portugal am Mittwoch wäre das wohl nicht mehr möglich. Gegen den Nations-League-Sieger der Erstauflage von 2019 um Weltstar Cristiano Ronaldo geht Deutschland angesichts der Personalnot nicht als Favorit ins Spiel. Die Portugiesen kommen mit vier frisch gebackenen Champions-League-Siegern von Paris St. Germain um Topstar Vitinha nach München. Nagelsmann sieht dadurch aber nicht nur Nachteile. „Es kann auch ein Vorteil für uns sein, weil sie viel gespielt haben und vielleicht etwas müde sind. Ein Bierchen werden sie wahrscheinlich getrunken haben“, sagte Nagelsmann und grinste.

Dass Deutschland trotz Verletzungssorgen in der Lage ist, große Gegner zu dominieren, hat sie zuletzt im Viertelfinal-Rückspiel gegen Italien gezeigt, als Nagelsmanns Mannschaft die wahrscheinlich beste Halbzeit seiner Amtszeit spielte und 3:0 führte. Dass es am Ende 3:3 lautete, verdeutlichte aber einmal mehr, dass Deutschland noch nicht wieder ganz oben in der Weltspitze angekommen ist.

Trotzdem soll das Portugal-Spiel in München der Auftakt einer großen Geschichte werden. So wie 2014, als Deutschland die Portugiesen in Brasilien zum WM-Start mit 4:0 und der erfolgreichen Ein-Mann-Mauer von Philipp Lahm gegen Ronaldo demütigte.

Ob die aktuelle Nationalmannschaft um Neuling Woltemade und Hoffnungsträger Florian Wirtz gegen den noch immer nicht müden Ronaldo schon zu ähnlichen Momenten in der Lage ist, wird sich am Mittwochabend zeigen. Sollte es nicht gelingen, bliebe Nagelsmann zumindest die Gewissheit, dass ihm bis zum ganz großen Ziel noch ein Jahr Zeit bleibt.

Deutschland: ter Stegen – Kimmich, Tah, Anton, Mittelstädt – Groß, Goretzka – Sané, Wirtz, Gnabry – Woltemade.

Portugal: Costa – Dalot, Dias, Inacio, Mendes – Neves, Vitinha – Silva, Fernandes, Leao – Ronaldo.