Tallinn. Antisemitismus ist leider auch im Sport immer wieder zu beklagen. Da gab es schon den iranischen Ringer, der bei der U-23-WM absichtlich sein Viertelfinale verlor, um seinem israelischen Gegner nicht die Hand geben zu müssen. Gleiches Ansinnen beim algerischen Judoka Fdethi Nourine, der am Eröffnungstag der Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio seine Teilnahme zurückzog, weil er im Falle eines Auftaktsieges nicht in der zweiten Runde gegen den Israeli Tohar Butbul antreten wollte. Nourine wurde anschließend für zehn Jahre gesperrt. Und in Paris im vergangenen Sommer machte das algerische Olympiakomitee die „zionistische Lobby“ für die Diskussionen um Boxerin Imane Khelif verantwortlich. Der neueste Vorfall ereignete sich bei der U-23-Europameisterschaft der Fechter im estnischen Tallinn. Im Fokus der Empörung: das Quartett aus der Schweiz.
Antisemitismus beim Fechten: Israels Außenminister schäumt

Die eidgenössischen Degenfechter Ian Hauri, Théo Brochard, Jonathan Fuhrimann und Sven Vineis hatten im Mannschaftswettbewerb Silber gewonnen, im Finalgefecht waren sie den Israelis klar mit 34:45 unterlegen gewesen. Bei der Siegerehrung dann der Eklat: Als die Nationalhymne für die neuen Europameister gespielt und Flaggen der Medaillengewinner gehisst wurden, drehten sich die Schweizer Nachwuchsfechter anderes als die Israelis und die drittplatzierten Italiener nicht seitlich zu den Fahnen, sondern blieben mit Blick nach vorne stehen.
Ein Sturm der Entrüstung brach über die vier Schweizer herein. Israels Außenminister Gideon Sa’ar gratulierte nur der israelischen und der italienischen Mannschaft, schrieb in einem inzwischen aber wieder gelöschten Post auf der Plattform X: „Schande über die Schweizer Mannschaft für ihr respektloses Verhalten. Sie wissen nicht, wie man verliert, und haben sich auf eine Art und Weise verhalten, die eine Schande für sie und das Land ist, das sie repräsentieren sollen.“
Schweizer Quartett bittet um Entschuldigung
Der Schweizer Fechtverband reagierte umgehend, teilte mit: „Swiss Fencing hat kein Verständnis dafür, dass sein Team die Siegerehrung für eine politische Manifestation missbraucht hat. Grundsätzlich ist Swiss Fencing der Meinung, dass sich sportliche Wettkämpfe nicht für politische Meinungsäußerungen eignen, auch wenn Sportlerinnen und Sportler natürlich ihre persönliche Meinung zum Weltgeschehen haben dürfen. Swiss Fencing wird nach Rückkehr der Sportler aus Estland das Gespräch mit der U23 Mannschaft aufnehmen und dann über allfällige Maßnahmen entscheiden.“
Alle Anzeichen sprechen für einen Eklat. Nach der Rückkehr nach Zürich schrieben Hauri Brochard, Fuhrimann und Vineis bei Instagram jedoch: Nach dem Gewinn unserer Silbermedaille an der U23-Europameisterschaft in Tallin wurde viel über uns geschrieben. Nur nicht über unsere starke Leistung. Das haben wir uns selbst zuzuschreiben. Wir möchten an dieser Stelle unser Handeln erklären und unser Bedauern ausdrücken. Während der Hymne haben wir uns nicht der Fahne des israelischen Siegerteams zugewandt. Das hatte keinen politischen Hintergrund und hatte nichts mit einer Missachtung Israels zu tun.“
Verbandspräsident: „Die vier jungen Menschen sind am Boden zerstört wegen des Aufruhrs“
Alles also doch nur ein Missverständnis? Jedenfalls erklärte Max Heinzer, Schweizer Verbandspräsident, nach dem Gespräch mit dem Quartett: „Die vier jungen Menschen sind am Sonntag in Zürich gelandet – und am Boden zerstört wegen des Aufruhrs, den sie verursacht haben. Sie dachten wohl, sie täten etwas Gutes. Sie wollten sich ganz sicher nicht antisemitisch äußern. Es ging ihnen nicht um eine Kritik an den Menschen, sondern an der Politik Israels.“


