Eine Depression ist kein Stimmungstief und schon gar keine Frage des Willens. Trotzdem hält sich genau dieser Mythos hartnäckig, besonders wenn Eltern erkranken. Eltern mit einer Depression funktionieren oft nach außen – und erschöpfen sich dabei bis auf den letzten Rest. Die Schuldgefühle kommen obendrauf. Dr. Michael Schormann, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie II der LVR-Klinik Bonn, erklärt im Interview, wie eine Depression das Familienleben verändert – und was Betroffenen und ihren Angehörigen wirklich hilft.

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Welche Mythen rund um Depression und Therapie sind besonders hartnäckig – und wie entkräftet man sie?

Es braucht nur mehr Willensanstrengung! (Therapie bringt nichts, ich muss mir selbst helfen!) Das ist ein Mythos, der bei Betroffenen oft nur noch stärkere Schuld- und Schamgefühle anspricht. Andererseits ist es ein zentraler Therapieansatz, über die Stärkung der sogenannten Selbstwirksamkeit das Gefühl (zurück-)zugewinnen, dass Betroffene über eigenes Handeln ihr Empfinden positiv beeinflussen können.

Ich bin selbst schuld, ich verdiene es nicht besser! Das ist ein Mythos, der aufgreift, dass wir alle Menschen Grundüberzeugungen von uns verinnerlichen. Diese können besonders bei Depressiven sehr negativ geprägt sein und dazu führen, dass im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ sowieso alles schiefgeht. Auch dies kann in der Therapie gezielt angegangen und hinterfragt werden, um so den Betroffenen dabei zu helfen, eine positivere Grundhaltung gegenüber sich selbst zu erfahren.

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Welche zusätzlichen Belastungen haben depressiv erkrankte Eltern im Vergleich zu Menschen ohne Kinder – und welche Unterstützung brauchen sie besonders?

Depressiv erkrankte Eltern erleben im Vergleich zu Menschen ohne Kinder ihren Lebensalltag noch stärker, geprägt vom Anspruch an Flexibilität und Multitasking. Das löst Stress und Gefühle aus, im Hamsterrad zu sein, und darüber hinaus Schuldgefühle, gerade seinen nahestehenden Liebsten, den eigenen Kindern, nicht gerecht zu werden. Hier braucht es zu Recht auch eine noch bessere Verständniskultur der Gesellschaft zur Wertschätzung von Care-Arbeit.

Depressiv erkrankte Eltern erleben im Vergleich zu Menschen ohne Kinder ihren Lebensalltag noch stärker, geprägt vom Anspruch an Flexibilität und Multitasking.

Dr. Michael Schormann ist Ärztlicher Direktor der LVR-Klinik in Bonn. 
Dr. Michael Schormann ist Ärztlicher Direktor der LVR-Klinik in Bonn. 

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Wie können Freunde, Freundinnen und Familie im Alltag wirksam unterstützen, ohne zu bevormunden, und wo liegen die Grenzen?

Devise 1: Ehrlich und offen miteinander sprechen, keine Angst vor Tabuthemen, insbesondere wenn die Sorge vor Lebensmüdigkeit besteht. Das kann für die Betroffenen sehr befreiend sein, auf ein offenes Ohr zu treffen. Devise 2: Grenzen können entstehen, wenn gut gemeinte Hilfsangebote von den Betroffenen abgelehnt werden. Dann nicht persönlich nehmen oder als Zurückweisung, weil es für die Betroffenen aufgrund ihrer Beschwerden manchmal eben zu diesem Zeitpunkt noch nicht geht, oft aber später. Also lieber wiederholte Gesprächsangebote anbieten!

Wie lässt sich ein Krisen- und Notfallplan gestalten (zum Beispiel bei Suizidgedanken, Rückfällen, Zuständigkeiten und Ressourcen)?

Ein Krisen- und Notfallplan ist sehr wertvoll! Warum? Weil sowohl Betroffene als auch das helfende Umfeld in guten Zeiten formulieren können, was in welcher Situation hilfreich sein kann. Dann sind alle – besonders die Betroffenen – in der Notsituation viel besser vorbereitet. Was in den Plan gehört, kann ganz individuell sein, von hilfreichen Strategien im Umgang mit Suizidgedanken und Aktivitäten zur Gefühlsregulation, gut geeigneten Notfallmedikamenten bis hin zu konkreten Behandlungsvereinbarungen mit der Klinik und/oder dem Behandler des Vertrauens.

Hinweis: Falls Sie Suizid-Gedanken haben oder jemanden kennen, der Suizid-Gedanken hat, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter https://www.telefonseelsorge.de/ oder unter 0800/1110111 (kostenlos). Die Nummer ist rund um die Uhr besetzt.