Ludger Mennemeier machte sich auf den Weg ins Ungewisse. Er schritt durch die langen Flure der Justizvollzugsanstalt Recklinghausen. Ein Mitarbeiter holte einen klobigen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und öffnete dem Gast die Tür. Bald darauf befand sich Mennemeier in einem Raum. Vor ihm saßen Gefängnis-Insassen. Er kannte deren Biografien nicht. Aber das spielte in dem Moment auch keine Rolle. „Ich habe mich den Leuten vorgestellt, und dann haben wir bei einer Tasse Kaffee einfach miteinander geredet“, sagt der Waltroper über seinen ersten Termin mit der Knast-Gruppe.
Rund 20 Jahre sind seitdem vergangen. Die JVA Recklinghausen ist schon lange abgerissen. Aber die Knast-Gruppe besteht weiterhin. Und Ludger Mennemeier gehört auch heute zu den Ehrenamtlichen, die regelmäßig Gruppenstunden hinter Gefängnismauern anbieten. Mittlerweile fährt er mit seinen Kollegen nach Bochum – zur JVA Krümmede.

Lernen für den Führerschein bis Bingo spielen: Häftlinge auf das Leben nach dem Knast vorbereiten
Das Gasthaus aus der Recklinghäuser Altstadt hat die Knast-Gruppe vor vielen Jahren ins Leben gerufen. Mit diesem Angebot will die sozial-diakonische Einrichtung für eineinhalb Stunden etwas Normalität in den tristen Alltag der Häftlinge bringen. Ludger Mennemeier hörte von diesem Konzept, kam mit dem Gasthaus ins Gespräch – und schloss sich schließlich der Knast-Gruppe an. „Das war eine gute Entscheidung“, sagt der heute 67-Jährige.

Für die Gruppenstunden hat er kein besonderes Programm. „Früher haben wir noch häufig Bingo gespielt“, berichtet Mennemeier. „Aber das ist nicht mehr so gefragt.“ Es kam schon mal vor, dass ein Häftling zur Gitarre griff und im Raum dann das Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“ erklang.
An einem anderen Abend brachten die Ehrenamtlichen einen Führerschein-Testbogen mit. „Nach der Entlassung melden sich einige Menschen bei der Fahrschule an, um dann bessere Chancen bei der Jobsuche zu haben“, erklärt Mennemeier. „Und der Test ist eine gute Vorbereitung auf den Theorie-Unterricht.“ Auch Fragen rund um das Deutschlandticket musste er schon beantworten. „Wer vor vier Jahren in den Knast gekommen ist, kennt dieses Angebot noch gar nicht“, erklärt der Rentner.
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Gespräche über Straftaten sind tabu: „Aber der ein oder andere vertraut uns dann doch seine Geschichte an“
Es gibt auch Abende, an denen das Programm hauptsächlich aus Kaffeetrinken und Plaudern besteht. Gespräche über Straftaten sind tabu. Eigentlich. „Wir fragen von uns aus auch nicht, warum jemand im Gefängnis sitzt“, sagt Ludger Mennemeier. „Aber der ein oder andere vertraut uns dann doch seine Geschichte an.“ Die Bandbreite ist groß: Mal handelt es sich um ein Drogendelikt, mal um Totschlag. Die Ehrenamtlichen behandeln alle gleich. Zu den Regeln gehört auch: Wer Unruhe macht, muss beim nächsten Mal in seiner Zelle bleiben.
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„Es gibt aber auch viel Solidarität im Gefängnis“, sagt Gerhard Latza. Der 73-Jährige gehört ebenfalls zum Team der Ehrenamtlichen und hat schon viele positive Erfahrungen im Ehrenamt gemacht. Als er eines Abends im Gruppenraum der Krümmede saß, kam ein Häftling auf ihn zu. „Er wollte einen Antrag auf Verlegung für einen Mit-Insassen aufsetzen“, erzählt Latza. Der Mann war der Meinung gewesen, dass sein Kollege in einer anderen JVA besser aufgehoben sei. Latza musterte den Antrag. „Das war alles einwandfrei formuliert“, erzählt der Hertener. Der Antrag scheiterte zwar, trotzdem ist die Episode für ihn ein gutes Beispiel für den Zusammenhalt unter Häftlingen.

In der Knast-Gruppe spielt das Thema Resozialisierung eine große Rolle: Das Gasthaus möchte die Häftlinge auf die Zeit nach der Entlassung vorbereiten. Die Einrichtung hilft bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Job – und kann dabei Erfolge vorweisen.
Hilfe für Menschen in Krisensituationen
Das Gasthaus liegt an der Gastkirche inmitten der Innenstadt (Heilige-Geist-Straße 7, 45657 Recklinghausen). Die Einrichtung unterstützt in verschiedener Art und Weise Menschen in Krisensituationen. Das reicht vom täglichen Essensangebot für Wohnungslose über einen Second-Hand-Laden bis zur Trauerbegleitung und zu regelmäßigen Gesprächszeiten in der Gastkirche.
Eine Übersicht gibt es auf www.gastkirche.de. Wer sich ehrenamtlich einbringen möchte, kann mit sich an Bruder Reinhard Niemerg (br.reinhard@gastkirche.de) in Verbindung setzen.
Ludger Mennemeier hatte kürzlich eine schöne Begegnung. „Ich habe auf dem Weg zum Zahnarzt einen ehemaligen Teilnehmer unserer Gruppenstunde getroffen“, berichtet der ehrenamtliche Helfer. Besagter Mann reinigte das Treppenhaus vor der Praxis. Mennemeier schaute ihn an und kam mit ihm ins Gespräch. Es war ein vertrauter Austausch. „So habe ich erfahren, dass er jetzt einen Job als Gebäudereiniger hat“, sagt Mennemeier und fügt hinzu: „Das hat mich unheimlich gefreut.“


