Pflegenotstand? Stationsschließungen? Leistungskürzungen? Also bitte, nicht hinter den Mauern dieses weiß getünchten, mehrstöckigen Gebäudes mit drei Holzgiebeln und einem vorgelagerten Park. Nicht in der Schwarzwaldklinik. Am 22. Oktober 1985, einem Dienstagabend, öffnet Deutschlands erstes TV-Krankenhaus mit einer Doppelfolge seine Pforten – und schreibt Fernsehgeschichte.
Hohe Einschaltquoten: Beim ZDF können sie es kaum glauben
Denn als am nächsten Tag die Einschaltquoten kommen, können sie es beim ZDF kaum glauben. Knapp 60 Prozent aller TV-Zuschauer haben eingeschaltet. Das schafft sonst nur die Fußballnationalmannschaft. Und auch in den nächsten 71 Episoden wird die Schwarzwaldklinik zum Sehnsuchtsort serienschauender Kassenpatienten. Zu besten Zeiten sind knapp 28 Millionen Zuschauer dabei, wenn der als „Kurier der Kaiserin“ bekannt gewordene Klausjürgen Wussow sich den weißen Kittel überstreift und zu Professor Dr. Klaus Brinkmann wird.

Vergessen sind die Bedenken, die die TV-Oberen in Deutschland lange Zeit hatten. Wo heute die jungen Ärzte sich „In aller Freundschaft“ um ihre Patienten kümmern, der Bergdoktor stets zur Stelle ist und die Charité ganze Mull-Berge produziert, herrscht im deutschen Fernsehen der 1980er-Jahre chronischer Ärztemangel. „Will keiner sehen“, heißt es bei den Verantwortlichen. TV-Erfolgsproduzent Wolfgang Rademann kann das nicht glauben. Der Erfinder des Traumschiffs hat das tschechische „Krankenhaus am Rande der Stadt“ kennengelernt. So etwas will er auch in Deutschland eröffnen. Nicht am Rande der Stadt, sondern im schönen Glottertal. Deshalb heißt die Serie am Ende auch Die Schwarzwaldklinik.
Ärztliche Kunstfehler und Sterbehilfe: „Aber natürlich blasen wir nicht nur Trübsal“
Fortan geht es samstagabends um ärztliche Kunstfehler und Sterbehilfe, um Unfälle und falsche Diagnosen. „Aber natürlich blasen wir nicht nur Trübsal“, stellt Rademann damals klar. „In unserem Krankenhaus wird nicht nur gelitten und gestorben, sondern auch gespaßt, geliebt und geheiratet.“ Mit anderen Worten: Neben körperlicher Genesung geht es auch um seelisches Wohlbefinden. Und geheilt werden nicht nur gebrochene Arme und Beine, sondern auch die zahlreichen gebrochenen Herzen.
In unserem Krankenhaus wird nicht nur gelitten und gestorben, sondern auch gespaßt, geliebt und geheiratet.
Wolfgang Rademann, TV-Erfolgsproduzent der „Schwarzwaldklinik“
Hinterlassen werden sie vor allem von den Männern der Familie Brinkmann. Vater Klaus ist laut Drehbuch ein genialer und erfolgreicher Chirurg, quasi ein Meister des Skalpells. Er wird im Laufe der Serie herrenlose Hunde aufnehmen und einem gefährlichen Frauenmörder mit seiner medizinischen Kunst das Leben retten. Einem mittellosen Nichtsesshaften, den man damals allerdings noch Landstreicher nannte, zahlt er die Krankenhauskosten und bekennt sich zur Sterbehilfe.
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Zu Beginn kehrt er zurück in sein Heimatdorf, um die Leitung der kleinen Klinik zu übernehmen, in der sein Sohn Udo (Sascha Hehn) bereits angestellt ist. Wenn Brinkmann jr. nicht gerade wieder einmal versucht, in sein weißes Golf-Cabriolet zu springen, statt einfach die Autotür zu öffnen, legt er lieber die Schwestern ins Bett als die Patienten auf den OP-Tisch. Was zum Problem wird, als sich beide in Pflegekraft Christa (Gaby Dohm) vergucken. Denn auch der Senior hat noch Schlag bei Frauen, so wie Rademann es in seiner ihm typischen Art vorgegeben hat. „Der Professor soll nicht nur operieren können, er soll auch auf die Weiber wirken.“
Zwischen Spott und Entsetzen: Das Feuilleton ist nach der erste Folge entsetzt
Doch nicht nur angesichts solcher Sprüche ist das Feuilleton aufgebracht. Die Kritik schwankt zum Auftakt zwischen Spott und Entsetzen. Als „Triviale Kitschromanze“ wird die Serie beschimpft, für viele Pflegekräfte ist sie „realitätsfern“. „So viel Zeit haben wir im echten Leben nicht für unsere Patienten“, stellen sie klar. Aber davon lässt sich das medizinisch nicht vorbelastete TV-Publikum ebenso wenig beirren wie von den hölzernen Dialogen. Zumal die Regenbogenpresse schnell das Potenzial des TV-Krankenhauses erkennt und wöchentlich über die Stars des Medizin-Melodrams berichtet.

Zu schreiben gibt es reichlich. Denn Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld hat zahlreiche Nebenfiguren entwickelt, die bis heute in Erinnerung geblieben sind. Da ist etwa die extrem neugierige, stets tratschende Oberschwester Hildegard Zeisig (Eva Maria Bauer), deren „resolutes“ Auftreten gegenüber Untergebenen sie heute binnen Stunden vor den Betriebsrat bringen würde. Und da ist natürlich der aus dem Ruhrgebiet stammende Jochen Schroeder als Pfleger Mischa. Ein Zivildienstleistender mit flottem Mundwerk und bei Jung und Alt beliebt. Durch die Figur, hat Schroeder mal in einem Interview gesagt, habe sich „die Akzeptanz von Kriegs- und Wehrdienstverweigerern in der bundesrepublikanischen Gesellschaft signifikant zum Positiven verändert“.
In der in über 40 Länder exportierten „Schwarzwaldklinik“ gibt es, was die Zuschauer aus den TV-Hits „Dallas“ und „Denver-Clan“ kennen und schätzen. Liebe, Eifersucht, Intrigen und Tragödien. Aber hier gibt es das nicht im fernen Amerika, sondern quasi vor der Haustür. Und mit ganz viel Medizin. Auch die zahlreichen Operationen hat Rademann angeordnet: „Es muss geschnitten werden, det is Dramatik!“ Für die blutigen OP-Szenen, die wie fast alle Innenaufnahmen in Hamburger Studios gedreht werden, kommt reihenweise geschickt drapierter Schweinebauch unters Messer.
Es wird geschummelt, was das Zeug hält – Zuschauern ist das egal
Überhaupt wird geschummelt, was das Zeug hält. Das Gebäude, das im Vorspann jeder Folge als Krankenhaus zu sehen ist, ist damals ein Sanatorium und später eine psychosomatische Fachklinik – ohne Operationssaal. Brinkmanns imposantes Privathaus ist in Wirklichkeit ein Heimatmuseum in der Region. Den Zuschauern ist das egal. Ganze Busladungen von Fans lassen sich in den Schwarzwald kutschieren, um das vermeintliche Krankenhaus aus der Nähe zu sehen. Und beim ZDF gehen immer wieder Bewerbungen echter Ärzte für die fiktive Klinik ein.

Auch die Promidichte steigt Mitte der 1980er-Jahre im Schwarzwald. Denn in den insgesamt 264 größeren Rollen, die im Laufe der Zeit vergeben werden, gibt sich – von Gert Fröbe über Gustl Bayrhammer und Witta Pohl bis Wolfgang Kieling – nahezu die gesamte deutsche Schauspielprominenz jener Zeit die Klinke in die Hand. Teil des großen Erfolges sind nämlich auch die abgeschlossenen Patientengeschichten innerhalb einer Folge, die längst nicht immer ein Happy End haben. Auch die Figuren der Stammbesetzung bleiben von Tod und Krankheit nicht verschont. Vor allem beruflich erfolgreiche Frauen scheitern in diesem TV-Kosmos gerne privat und sterben.
Proteste nach Vergewaltigung und Selbstjustiz: Eine Folge wird gar nicht ausgestrahlt
Damit können die Zuschauer leben. Ansonsten aber lassen sie sich die Schwarzwaldidylle nur ungern stören. Als in der Folge „Gewalt im Spiel“ die Vergewaltigung einer jungen Frau und die anschließende Selbstjustiz durch Messerstiche in den Genitalbereich eines Täters gezeigt werden, hagelt es Proteste. Eine bereits abgedrehte Episode, in der es um häusliche Gewalt geht, wird deshalb vorsichtshalber gar nicht erst ausgestrahlt.

Nach einer „Hochzeit mit Hindernissen“ endet die Reihe im März 1989 trotz nach wie vor akzeptabler Quoten. 208.691 Meter Film sind gedreht, 1000 Tonbänder aufgenommen, 19.500 Kostüme genäht worden. Zwei Folgen in Spielfilmlänge, die an die alten Geschichten anknüpfen, gibt es später noch, eine echte Fortsetzung, die viele Fans fordern, lehnt Rademann stets ab. „Die Geschichte“, begründet er stets, „ist einfach auserzählt.“
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Immerhin können sich TV-Zuschauer auch heute noch in die Schwarzwaldklinik einweisen lassen: In der ZDF-Mediathek sind alle Folgen abrufbar.




