Zusammenfassung
- Norman Schneider, ein deutscher Puppenspieler und Figuren-Erfinder, arbeitet in seinem Atelier in Sassenberg an aufwändigen Figurenprojekten.
- Schneider, der seine Karriere mit der Herstellung von Figuren aus Fimo begann, hat in den Werkstätten von Jim Henson gearbeitet und gibt sein Wissen in Workshops und Seminaren weiter.
- Neben der Figurenschneiderei für Theater und Filmproduktionen, wie „Unser Sandmännchen“ und „Siebenstein“, hat Schneider auch große Projekte wie die Atze Schröder-Show mit vier Meter großen Bären realisiert.
Was haben Martin Rütter, Atze Schröder, Max Raabe, Anette Humpe, Detlev Jöcker, öffentlich-rechtliche Fernsehsender wie KiKA, dutzende Filmfirmen und der Hase Cäsar – die Älteren werden die WDR-Klappmaulfigur mit dem Schlappohr noch kennen – gemeinsam? Sie alle haben mit Norman Schneider zu tun. Kennen Sie nicht? Sollten sie aber. Norman Schneider ist Puppenspieler. Und er ist ein deutscher Puppenerfinder: der „Figurenschneider“. Wir haben den 52-Jährigen in seinem Atelier besucht.
Wenn man denkt, es kommt nichts mehr, am Ende der Wohnstraße, gleich vor den Kuhwiesen im ostwestfälischen Sassenberg, direkt am Waldsaum, liegt versteckt hinter einem berankten Zaun ein früheres Gemeindehaus. Seit Norman Schneider in dem gemütlich eingerichteten Gebäude wohnt, finden dort keine Gottesdienste mehr statt. Dennoch zelebriert der Puppenspieler dort Hochämter. Zumindest können sich Teilnehmer seiner Figurenschneider-Workshops mindestens so groß und erhaben fühlen wie frühere Kirchgänger zur Osternacht, wenn sie nach gelesener Messe, also nach einwöchigen Puppen-Workshops, mit ihren Kreationen stolz ins Freie treten.
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Wer mit Leib und Seele im Workshop dabei ist, so wie Puppenspieler Marc Wiche vom Memminger Marionettentheater, der verspürt ein durchgängiges Glücksgefühl: Wiche lächelt, während er seinen neuen Elefanten zusammenbaut. Der soll 600 Kilometer weiter südlich im Märchen vom gestiefelten Kater zum Einsatz kommen. Moosgummi, Schaumstoff und Textilien gilt es vorher so zu kombinieren, dass genau das herauskommt, was Wiche und Schneider sich vorgenommen haben: faltenfrei und mit den gewünschten Proportionen, sympathisch und überzeugend.

Norman Schneider gibt Marc Wiche bei der Arbeit im Atelier Tipps, während er selbst an einer seiner großen Figuren weiterarbeitet. „Der König“ ist neben der Kräuterhexe „Runa“ eine der aufwändigeren Figuren für das große Warendorfer Märchenprojekt, für das über 16 handgefertigte Puppen entstehen. „Mehr als 50 Akteure machen vor, auf und hinter der Bühne mit, darunter fünf Puppenspieler. Auf Festivals und bei Stadtfesten soll das Märchen präsentiert werden, parallel dazu dokumentiert der WDR die drei Jahre dauernden Vorbereitungen und dreht einen Film. Die Kräuterhexe und der König sind dabei die, die am meisten Zeit kosten – für „Runa“ sind 200 Arbeitsstunden erforderlich gewesen – bis jetzt“, sagt Norman Schneider, der mal ganz klein angefangen hat.
„Mit fünf Jahren habe ich begonnen, Figuren zu bauen. Fimo hieß der Stoff, aus dem ich anfangs Gesichter modelliert habe“, erinnert sich Schneider. Aus Stoffresten entstanden die Körper. Die Begeisterung hielt über die Jahre an, die Erfahrung wuchs. Und als Jugendlicher trat Schneider bereits mit seinen Puppen im näheren Umkreis bei Festen und Veranstaltungen auf, er sollte die Passion zum Beruf machen. Allein sein Vater bewog ihn, vor einem weiteren Ausbau seiner Aktivitäten, etwas Ordentliches zu lernen. Also wurde Norman ein Schreinergeselle, legte seine Prüfung ab – und wandte sich danach wieder der Figurenschneiderei zu.

Lernen, neue Techniken ausprobieren und Menschen begegnen. Das macht den Puppenspieler Norman Schneider aus. Folglich griff er nach den Sternen. Und wer war der Star in der Welt der Puppen? Jim Henson, der Vater der Muppets! Norman Schneider schrieb dem Jim Henson Workshop. Nicht einmal, nicht zweimal. Er war hartnäckig. Und dann kam das erlösende „Go“ aus New York. Drei Monate lang arbeitete er in den Werkstätten Hensons. „Ich musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben, durfte niemandem verraten, wo die Werkstätten waren“, erinnert sich Schneider und schmunzelt über die Angst der US-amerikanischen Figurenmacher, kopiert zu werden.
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So schön der Traum war und so wertvoll die New Yorker Erfahrungen, so eingeschränkt waren die Entfaltungsmöglichkeiten. „Kermit ist Kermit, ist Kermit, ist Kermit – da bleibt nicht viel Platz für eigene Kreativität“, weiß Schneider. Geblieben ist ihm von der Henson-Zeit aber mehr als nur die handwerkliche Präzision und die Professionalität im Umgang mit Materialien. Kenntnisse, die Schneider gerne in Seminaren von Bildungseinrichtungen an Interessierte weitergibt. „Wenn die Proportionen nicht stimmen, ein Detail nur um einen Millimeter versetzt wird, ist es ganz schnell eine andere Figur als gedacht“, weiß Schneider.
Marc Wiche hat derweil den Bogen raus: Die Ohren seines Elefanten erhalten jetzt einen Stoffbezug. Und der muss im weiten Bogen genäht werden. Während sich Wiche dazu schon mit der Nadel vorgenäht hat und an der Nähmaschine warmläuft, prüft Norman Schneider das abgestellte Werkstück auf Sitz und Genauigkeit. Schließlich soll der Elefant in den Händen von Marc Wiche später eindrucksvoll überzeugen. Körper und Rüssel sind schon gepolstert, aber noch nicht im richtigen Winkel zueinander ausgerichtet. Norman Schneider knetet das Tier vorsichtig. So, jetzt.

Beim Blick durch sein Atelier fällt auf: Sorgfalt, Ordnung und Sauberkeit hängen für Schneider offenbar unmittelbar mit dem Erfolg seiner Arbeit zusammen. Die Stecknadeln – auf einem überdimensionalen Nadelkissen griffbereit. Die Nähmaschine – auf einem eigenen Tisch mit nichts drumherum. Die Werkbank für Schneider und seine Mitarbeiter – drei Schreibtische mit klar abgegrenzten Spielräumen. Alles atmet Fokussierung, Konzentration und Liebe zum Detail.
Der Rest jedoch, er ist zum Hineinfallen lassen. Gedanklich zumindest. Fachbücher über Figurenbau direkt neben dicken Märchenbüchern in großen Vitrinen. Figuren aller Couleur, alleine oder in Gruppen drapiert, auf Stühlen sitzend, auf der Treppen fläzend, Astrid Lindgren neben der Muppet-Spinne. Wo man hinschaut, gibt es Schönes zu entdecken. Puppen und Figuren, die man kennt: hier der Robbi aus „Robbi, Tobbi und das Fli-Wat-Tüüt“, dort der Frosch „Knöterich“.

Das „Fli-Wat-Tüüt“ hat Norman Schneider zwar nicht gestaltet, aber dafür hat er 2022 an der RBB-Produktion „Unser Sandmännchen“ maßgeblich daran mitgewirkt, neue Elemente und Figuren zu erschaffen. Dafür gab's dann ein Jahr später den renommierten Grimme-Preis. Der hätte sich gut gemacht im Atelier im Haus am Waldrand in Sassenberg, steht aber jetzt in Berlin im Sender.
Es braucht nicht viel: Schaumstoff, Moosgummi, Acrylfarbe – und das Feingefühl
Was ins Atelier trotz des offenen Dachausbaus nicht hineingepasst hat, das waren die drei Vier-Meter-Figuren für eine Atze Schröder-Show. Große Bären. Dafür hat Schneider eine Halle gemietet und mit seinem Team geschneidert bis zum Umfallen. Er hat es gerne gemacht, sagt er. Nochmal würde er es aber nicht tun. Also vermutlich. Bei vier Meter großen Bären muss man ganz anders arbeiten, damit es gut wird. Und es war sehr gut, sagt Schneider schmunzelnd.
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Apropos sehr gut: Bei der Qualität seiner Figuren kennt der Meister keine Kompromisse. „Was mir nicht gefällt, verlässt das Atelier nicht“, betont der Westfale mit Reisehintergrund. Doch das kommt eigentlich nicht vor: „95 Prozent der Figuren sind Auftragsarbeiten. Der Arbeitsablauf ähnelt dem eines Handwerksbetriebs. Die Produktion erfolgt in einer kleinen Manufaktur. Die Kunden, darunter professionelle Bauchredner, Pädagogen und Kinderbuchautoren, umreißen mir die Grundidee, dann bekommen sie drei Entwürfe zur Auswahl“.

Umgesetzt wird die Figur dann oft im Team. Während sich Norman Schneider um das Herzstück kümmert, Schaumstoff, Moosgummi und Acrylfarbe vereint, besorgt Tina Hempel, Kostümbildnerin an einem Theater, die Bekleidung. Und die kann hochwertig sein: Bestickte Knöpfe, handgenähte Lederschuhe für den Opa – da kommen schnell 160 Arbeitsstunden zusammen. Entsprechend wertig und wertvoll sind die Figuren. Für Kinderhände (leider) zu schade. Allerdings kennt Norman Schneider auch Figuren, die 20 Jahre und älter sind und fast wie neu aussehen: „Es ist wie mit Oldtimer-Autos – wer sie gut pflegt, der hat lange etwas davon“.
Und wer ihnen eine Seele geben kann, der hat doppelt Spaß. Dass Norman Schneider es kann, merkt man, wenn er den plüschigen Hasen mit dem frechen Klappmaul aufnimmt und zum Leben erweckt: „Wichtig ist es, die Figuren nicht einfach zu bewackeln! Sie müssen erweckt werden.“






