„Schön, dass so viele da sind!“, ruft Florian Günther (43) zur Begrüßung. Er spricht zu etwa 20 Rollstuhlfahrern, darunter viele Kinder und Jugendliche, die gleich die Dortmunder Skatehalle in ihre Trainingsstätte verwandeln werden. „Übt, probiert euch aus, seid mutig“, sagt „Flo“, „und wenn ihr doch einmal hinfallt, versucht es einfach noch einmal! Und jetzt: viel Spaß, los geht’s!“. Dann geht die Musik an, plötzlich ist Bewegung in der Halle. Die Punkband „The Offspring“ singt „You’re Gonna Go Far, Kid“ – Du kannst es weit bringen!

Einmal im Monat lädt die gemeinnützige Initiative „Sit ’n’ Skate“ in der Dortmunder Nordstadt zum „Rollstuhl-Skate-Treff“. Jeder ist willkommen. Das Alter spielt keine Rolle. Und es geht auch nicht darum, andere mit wilden Tricks zu beeindrucken – sondern um Teilhabe, ums Zusammensein, ums Voneinander-Lernen. „Hier können sich die Teilnehmer in geschützter Umgebung auf knifflige Situationen im Alltag vorbereiten“, sagt Simone Wachowiak (44). „Außerdem trägt das Training zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins bei.“

Die Skatehalle als Übungsgelände: „Ein wirklich interessanter Perspektivwechsel“

Treppen, Steigungen, Rampen: Solche Hindernisse sind für Rollstuhlfahrer mitunter unüberwindbar. Die Skatehalle mit ihren Ramps, Banks und Funboxen ist daher ein realitätsnahes Übungsgelände. Und das nicht nur für Rollstuhlfahrer, sondern auch für ihre Begleiter – Eltern, Geschwister, Freunde. Stets sind Leih-Rollis verfügbar, in denen die Fußgänger Platz nehmen können. So wie jetzt Sebastian Böhm. Er fährt vor und zurück, dreht sich, kippelt. Erst bewegt er sich unsicher, dann souverän. Nach wenigen Minuten dreht er seine erste Runde durch die Halle. „Ein wirklich interessanter Perspektivwechsel“, sagt der 39-Jährige später. „Eine Bereicherung.“

Der siebenjährige Alex rollt mit seinem Vater Sebastian Böhm beim Rollstuhl-Skate-Treff über die Rampen und Treppen der Dortmunder Skatehalle.
Der siebenjährige Alex rollt mit seinem Vater Sebastian Böhm beim Rollstuhl-Skate-Treff über die Rampen und Treppen der Dortmunder Skatehalle.© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Sebastian Böhm ist heute zum ersten Mal beim „Rollstuhl-Skate-Treff“ mit dabei. Wegen einer Zerebralparese, einer bei der Geburt entstandenen Hirnschädigung, braucht sein Sohn Alexander einen Rollstuhl. Gemeinsam waren sie schon in öffentlichen Skateparks unterwegs, „das ist gut, aber da ist mein Sohn immer der einzige Rollstuhlfahrer“. Freizeitangebote für Kinder zu finden, die im Alltag einen Rollstuhl nutzen, sei gar nicht so einfach. „In den Vereinen fehlt es leider oft an Personal oder Geld. ,Sit ’n’ Skate‘ ist jetzt für uns die erste Anlaufstelle, wo Alex etwas mit Gleichaltrigen machen kann.“

Während sein Papa mit dem Reporter spricht, hat der Siebenjährige in der Halle einen Riesenspaß. Lachend und mit einem breiten Grinsen im Gesicht meistert er zahlreiche Hindernisse. Er fährt eine Rampe hinauf, überquert eine Gerade, vollzieht eine Drehung und saust dann eine schräge Fläche hinunter. „Das ist echt super hier“, ruft Alex im Vorbeifahren.

Dortmunder „Rollstuhl-Skate-Treff“ seit 2016: „Je früher sie anfangen, desto besser“

Zu Gast beim „Rollstuhl-Skate-Treff“ sind auch Rebecca Düser (24), Britta Meiring (24) und Hannah Gemeyer (23). Sie studieren Sonderpädagogik an der Universität Dortmund – und wollen heute ihr Hörsaal-Wissen um ein paar Praxis-Einblicke erweitern. „Man sieht, dass der Spaß im Vordergrund steht. Zugleich ist alles, was die Teilnehmer hier trainieren, auch für sie im Alltag anwendbar“, sagt Rebecca Düser. Ihre Kommilitonin Hannah Gemeyer ergänzt: „Ich finde, dieses Angebot ist sehr positiv. So etwas sollte es noch viel öfter geben.“

Ein solches Lob freut Florian Günther und Simone Wachowiak, die den Dortmunder „Rollstuhl-Skate-Treff“ schon seit dem Jahr 2016 für „Sit ‘n‘ Skate“ organisieren. Regelmäßig besuchen sie Förderschulen, Sportveranstaltungen oder Sommerfeste, um ihr Angebot bekannter zu machen. Mit Erfolg! Das Einzugsgebiet des Treffs wächst. Inzwischen kommen die Teilnehmer aus einem Umkreis von etwa 100 Kilometern nach Dortmund. „Die Szene wird größer, ist aber nach wie vor sehr familiär – man kennt sich untereinander und profitiert von einem tollen Netzwerk“, sagt Florian Günther.

Simone Wachowiak (li.) und Florian Günther organisieren seit 2016 den „Rollstuhl-Skate-Treff“.
Simone Wachowiak (li.) und Florian Günther organisieren seit 2016 den „Rollstuhl-Skate-Treff“.© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Simone Wachowiak beobachtet voller Begeisterung die Fortschritte, die die Teilnehmer des Treffs im Laufe der Zeit machen. „Sie wachsen mit ihren Aufgaben“, sagt sie. Insbesondere die Arbeit mit Kindern liegt ihr am Herzen. „Je früher sie anfangen, desto besser.“

Gegen Vorurteile über Rollstuhlfahrer: „Wir kommen wieder!“

John (7) aus Castrop-Rauxel war bei seinem ersten Besuch des Skate-Treffs gerade einmal vier Jahre alt. Mit drei hatte er seinen ersten Rollstuhl bekommen – und dazu bekamen seine Eltern einen Flyer, der das „Sit ‘n‘ Skate“-Angebot bewarb. Heute skatet er gar nicht mehr so viel, kommt aber trotzdem immer wieder: „Freunde treffen!“

Nach drei Stunden endet der Skate-Treff. Für Sebastian Böhm aus Duisburg steht fest: „Wir kommen wieder!“ Sein Sohn Alex hat sich derweil einen Aufkleber geschnappt und pappt ihn an seinen Rollstuhl. „Destroying Stereotypes“, steht auf dem Sticker – „Vorurteile kaputtmachen“.

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Und eben das ist ein zentrales Anliegen von „Sit ‘n‘ Skate“, wie Simone Wachowiak erklärt: „Mit den Bildern von Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern im Skatepark wollen wir auch die Sicht auf behinderte Menschen verändern. Wir zeigen, dass man mit dem Rollstuhl mehr machen kann und betroffene Menschen nicht hilflos und zu bemitleiden sind. Sie sind individuell und bunt, wie alle anderen Menschen auch.“

Hier wird gerollt

„Sit ‘n‘ Skate“ ist ein gemeinnütziges Projekt der „SUPR SPORTS gGmbH“ und hat die Vision, die Gesellschaft inklusiver zu gestalten und Vorurteile abzubauen. Dabei setzen die Teilnehmer vor allem auf regelmäßige „Rollstuhl-Skate-Treffen“, bei denen Teilhabe und Gemeinschaft im Vordergrund stehen. Die Teilnehmer lernen, ihre Rollstühle besser zu beherrschen – so können sie sicherer im Alltag werden und Selbstbewusstsein tanken. Weitere Infos: sitnskate.de

Der „Rollstuhl-Skate-Treff“ in Dortmund findet immer am zweiten Samstag im Monat statt: Die nächsten Termine, jeweils von 11 bis 14 Uhr: 12. Juli, 13. September, 11. Oktober, 8. November, 13. Dezember. Ort: Skatehalle an der Leopoldstraße 50-58, 44147 Dortmund. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Am 26. Juli gibt es „Rollstuhlskaten für alle“ in Mülheim an der Ruhr. Los geht’s um 10 Uhr, Schluss ist um 14 Uhr. Veranstaltungsort ist der Skatepark an der Südstraße 1, 45470 Mülheim.