Seit rund 150 Jahren prägt Zuwanderung das Bild im Ruhrgebiet - doch ausgerechnet hier gibt es in Sachen Integration aus Sicht vieler Menschen einiges zu verbessern. Das ist ein Ergebnis des WAZ-Stadtchecks, für den Menschen aus der Region drei Monate vor der anstehenden Kommunalwahl am 14. September ihren Städten und damit auch dem Ruhrgebiet insgesamt ein umfangreiches Zeugnis ausgestellt haben.
Mehrheitlich sagen die Befragten, dass die Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte vor Ort nicht besonders gut gelingt. 60 Prozent geben die Schulnote 4 oder schlechter. Über alle Städte hinweg liegt die Durchschnittsnote lediglich bei einem „ausreichend“.
So einen schlechten Eindruck haben die Teilnehmenden nur noch von einem zweiten Thema, zu dem die WAZ-Redaktion Menschen befragt hat: Auch das Engagement der ehrenamtlichen Kommunalpolitik und die Arbeit der Stadtverwaltungen bewerten sie im Schnitt mit einer Vier.
Stadtcheck: Mehrheitlich leben die Menschen gern im Ruhrgebiet
An dem WAZ-Stadtcheck haben sich 27.463 Menschen beteiligt, die ihre Einschätzung zu 14 Themen von Nahverkehr über Sauberkeit und Freizeit abgegeben haben. Dazu haben sie Schulnoten vergeben, die einen Blick bis in die Stadtteile ermöglichen. Die Aussagen sind nicht repräsentativ, jeder konnte mitmachen. Die Beteiligung schwankt von Stadtteil zu Stadtteil. Der Check zeigt aber ein Stimmungsbild.
Alle WAZ-Redaktionen werten die Ergebnisse des Checks in den jeweiligen Städten in den kommenden Tagen und Wochen aus. Sie schauen genauer in die Ortsteile, die herausstechen, zeigen, was gut funktioniert und welche Probleme in der Stadt besonders umtreiben.
Ein erster Überblick zeigt: Das Leben in ihren Städten sehen die Teilnehmenden trotz der Ärgernisse, die sie klar benennen, durchaus in einem guten Licht. Im Durchschnitt geben sie ihrem Wohnort die Note 2,7. Die Städte, die schlechter abschneiden, liegen mehrheitlich im Norden des Ruhrgebiets, der seit Jahren stärker mit wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen zu kämpfen hat.
Auch die Frage nach dem Gelingen von Integration wird im Norden eher mit schlechteren Noten beantwortet als im Süden. In Gelsenkirchen geben 38,5 Prozent der Befragten hier die Schulnote „ungenügend“, in Bochum sagt das immer noch jeder Siebte.
Unter den Befragten haben Menschen in Sprockhövel ihrem Wohnort die besten Noten gegeben, sie bewerten auch das Gemeinschaftsgefühl besonders gut. In Witten wiederum empfinden die Befragten das Naherholungsangebot als besonders gut. Insbesondere in Gladbeck wünschen sie sich mehr gastronomische Angebote und in Hattingen soll aus Sicht vieler Teilnehmender die medizinische Versorgung verbessert werden.
Insgesamt sehen sich die Menschen im Ruhrgebiet medizinisch gut versorgt - kein anderes Thema hat so gut abgeschnitten bei den Befragten in den Städten der Region. Das Ruhrgebiet hat ein dichtes Netz an Praxen, Kliniken und Apotheken, doch immer häufiger geben Inhaber auf, ohne einen Nachfolger zu haben.
Der Stadtcheck
Mit dem WAZ-Stadtcheck hatten Menschen aus der Region die Chance, drei Monate vor den Kommunalwahlen am 14. September der Politik vor Ort ein Zeugnis auszustellen. Sie haben in 14 Bereichen Fragen zur Sicherheit, dem Nahverkehr oder der Sauberkeit beantwortet und Schulnoten vergeben. Die Mehrheit der Teilnehmenden ist zwischen 40 und 70 Jahre alt, es haben etwas mehr Männer als Frauen teilgenommen.
Die Umfrage ist nach wissenschaftlichen Maßstäben nicht repräsentativ, weil die Teilnehmenden nicht systematisch ausgewählt wurden. Jeder konnte mitmachen. Catherin Hiller, Expertin für Daten und Kommunikationsforschung der FUNKE Mediengruppe, zu der auch die WAZ gehört, betont aber, dass die Qualität der Stichproben sehr gut sei. „Wir haben die Zielwerte sorgfältig geplant, viele Antworten erhalten und die Daten statistisch abgesichert. Das Ergebnis ist ein belastbares Meinungsbild“, sagt Hiller. „Unsere Zahlen sind belastbar. Sie bilden sowohl größere Trends als auch lokale Besonderheiten ab.“
Im Stadtcheck fordern Menschen mehrheitlich mehr Sauberkeit und Sicherheit
Die Liste der Forderungen an die Rathäuser und Räte, was dringend vor Ort anzupacken ist, ist lang: Über die Stadtgrenzen hinweg sagen 65 Prozent der Befragten, dass mehr für Sicherheit und Sauberkeit getan werden müsse. 48 Prozent nennen die im dicht besiedelten Ruhrgebiet stets kritische Verkehrslage als drängendes Problem - gefolgt von Wohnungsbau und Bürgerservice. Die schlechte Finanzlage, die viele Rathäuser im Ruhrgebiet seit Jahren in die Enge treibt, finden nur 18 Prozent der Befragten so wichtig, dass sich die Politik vor Ort damit befassen sollte.
Im Detail sind wilde Müllkippen und Unrat in Städten wie Gelsenkirchen oder Herne ein besonders großes Thema, aber auch in Hattingen oder Witten haben die Menschen den Schmutz in den Städten satt.
Wo sich die Menschen besonders sicher fühlen
Wie sehr sich das Erleben innerhalb des Ruhrgebiets unterscheidet, zeigt auch die Frage nach der Sicherheit: In Städten im Norden wird die Sicherheitslage deutlich negativer gesehen als im Süden.
In Gelsenkirchen bezeichnen weniger als drei Prozent die Sicherheitslage als „sehr gut“, in Hattingen sind es mehr als 15 Prozent. Besonders sicher fühlen sich Stadtcheck-Teilnehmer in Stadtteilen wie Burgaltendorf oder Stadtwald in Essen, die gegenteilige Stimmung herrscht in Vierteln wie Schalke in Gelsenkirchen. Die Stadt, die in vielen der abgefragten Themen auf einem der letzten Plätze landet, gilt als eine Hochburg der Clankriminalität. Die Zahl der Straftaten insgesamt ist 2024 gestiegen.
Immer Ärger mit Bus und Bahn? Der Stadtcheck zeigt, dass das nicht stimmt
Baustellen, Staus und Parkplatzsuche: Wer im Ruhrgebiet mit dem Auto unterwegs ist, muss oft gut Nerven haben. In Herne, der am dichtesten besiedelten Stadt der Region, wird die Parkplatznot als besonders groß angesehen, aber kaum weniger Verbesserungsbedarf sieht man am Steuer, wenn man in anderen Großstädten des Ruhrgebiets unterwegs ist. Gut parken, so der Eindruck der Befragten, das können Autofahrer lediglich in Heiligenhaus und Sprockhövel. Nur dort reichte es für die Durchschnittsnote von 2,8 bzw. 2,6.
Das umgedrehte Bild sieht man beim Nahverkehr. Trotz aller Unkenrufe kommen Bus und Bahn mit Ausnahme von Duisburg und Mülheim in den größeren Städten mit guten Durchschnittsnoten weg. In den kleineren und weniger gut angebundenen Kommunen als ist man weniger zufrieden.
Gute einkaufen und essen gehen: Eine kleine Stadt überrascht
Und wie steht es um Freizeitwerte in den Städten? Das Ruhrgebiet, das mit Revierparks, Wäldern, Radfahrtrassen, vielen Theatern und Museen aufwarten kann, kommt bei den Menschen nur mäßig weg. Im Schnitt bewerten die Teilnehmenden der WAZ-Umfrage die Naherholung und Einkaufsmöglichkeiten jeweils mit der Schulnote „befriedigend“. Für das gastronomische Angebot gibt es nur eine 3,4.
In Städten, die im Norden des Ruhrgebiets liegen, wird auch das Naherholungsangebot im Schnitt schlechter eingeschätzt als in den Kommunen im Süden der Region, mehr oder andere Restaurants dagegen wünschen sich Teilnehmende nahezu überall. Am besten kommt auch hier Sprockhövel weg (2,4), wo man offenbar auch besonders gut einkaufen kann (2,48).
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