Wirklich glücklich waren die Krupps wohl nur selten. Jedenfalls nicht in ihrem Domizil auf den Ruhrhöhen mit Blick auf den Fluss, der in den 1930er Jahren zum Baldeneysee in Essen aufgestaut wurde. Konzerngründer Alfred Krupp (1812-1887) war ein Patriarch, der keinen Widerspruch duldete. Was wohl daran lag, dass er nach dem Tod seines Vaters Friedrich Krupp (1787-1826) schon als 14-Jähriger Verantwortung übernehmen musste und die Firma zu Ruhm und Größe führte.

Während des Baus der Villa Hügel, der sich von 1870 bis 1873 erstreckte, legte sich Alfred mit fast jedem Architekten und Bauunternehmer an, von denen viele entnervt aufgaben. Auch bei seinen Arbeitern war der Chef eines der bedeutendsten Industrieunternehmen der Welt trotz aller sozialen Errungenschaften, die er eingeführt hatte, mehr gefürchtet als geliebt. Er galt als herrisch und unnachgiebig. Die Kälte, die wegen der von ihm geplanten, aber nicht funktionierenden Belüftungs- und Heizungsanlage in der Villa herrschte, umgab auch ihn.

Prunkvoll und standesgemäß: Friedrich Alfred Krupp gestaltete die Villa Hügel um

Konzernerbe Friedrich Alfred Krupp (1854-1902), einziges Kind von Alfred und Ehefrau Bertha (1831-1888), war ein ganz anderer Charaktertyp als sein Vater: umgänglich, kulturell interessiert, empathisch und auf ein faires Miteinander mit der immer stärker anwachsenden Belegschaft bedacht. Gemeinsam mit Ehefrau Margarethe (1854-1931) gestaltete er die schlicht eingerichteten Räume der Villa Hügel prachtvoll und standesgemäß um. Die einzigartige Kollektion flämischer Wandteppiche von 1500 bis 1760, für die Friedrich Alfred und Margarethe die Grundlagen schufen, begeistert noch heute die Besucher.

Anders als sein unnahbarer Vater war Friedrich Alfred vermutlich seinen eigenen Kindern liebevoll zugetan. Wie anders lässt sich erklären, dass er für seine Töchter Bertha (1886-1957) und Barbara (1887-1972) im Jahr 1894 das Spatzenhaus errichten ließ, eine begehbare Puppenstube im Stil einer Miniatur-Villa in Fachwerk-Bauweise, in die sogar eine funktionsfähige Küche installiert wurde.

Die Villa Hügel für die Familie und das Spatzenhaus im Hügel-Park zum Spielen für die Töchter: Friedrich Alfred ließ eine begehbare Puppenstube bauen. (Archivbild)
Die Villa Hügel für die Familie und das Spatzenhaus im Hügel-Park zum Spielen für die Töchter: Friedrich Alfred ließ eine begehbare Puppenstube bauen. (Archivbild) © FUNKE Foto Services | Olaf Fuhrmann

Gut verborgen unter großen Bäumen und verdeckt von Rhododendren-Sträuchern befand sich dieses kleine Märchenhaus, in dem die Mädchen – damals sieben und acht Jahre alt – spielerisch auf ihre spätere Rolle in der Gesellschaft vorbereitet werden sollten, zum Beispiel als Gastgeberinnen: Im „Gästebuch“ des Spielhauses sind prominente Namen verzeichnet, unter anderem Kaiser Wilhelm II., vermutlich samt Gemahlin Kaiserin Auguste Viktoria. Weniger prominente Besucher mussten damals und müssen sich heute damit begnügen, von außen in das Spatzenhaus zu schauen.

Ein historischer Blick in das Spatzenhaus im Garten der Villa Hügel aus dem Jahr 1901. (Archivbild)
Ein historischer Blick in das Spatzenhaus im Garten der Villa Hügel aus dem Jahr 1901. (Archivbild) © Historisches Archiv Krupp | Handout

Essener Siedlung Margarethenhöhe entsteht zur Hochzeit der Tochter

Mit dem Ausbau der Villa Hügel samt Park wurde immer mehr Personal benötigt. Beschäftigte der Bauherr im Jahr 1876 noch 66 Angestellte, so musste der Sohn 1902 schon 570 Mitarbeiter in Lohn und Brot halten, um die Anlage angemessen zu bewirtschaften. Und all diese Leute und ihre Familien mussten irgendwo wohnen – und dies am besten in der Nähe, aber bitte ohne den Blick auf die Ruhr zu beeinträchtigen.

So entstand zwischen 1895 und 1914 die Siedlung Brandenbusch oberhalb der Villa Hügel. Sie wurde im englischen Cottage-Stil von Samuel Marx konzipiert, dem damaligen Kruppschen Haus- und Hofarchitekten. Die ab 1896 gebauten Doppel- und Dreifamilienhäuser auf zwei Etagen, mit großen Gärten und Vorgärten, gehören heute der Krupp-Stiftung. Marx entwarf sechs verschiedene Haustypen, zum Teil mit Sichtfachwerk, die meist asymmetrisch angeordnet sind – und einen Rundgang wert.

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Viel bekannter noch ist die Siedlung Margarethenhöhe. Margarethe Krupp hatte sie nach dem frühen Tod ihres Mannes aus Anlass der Hochzeit ihrer älteren Tochter Bertha mit dem Diplomaten Gustav von Bohlen und Halbach angestoßen. Zwischen 1909 und 1920 entstand südwestlich der Essener Innenstadt eine der schönsten Siedlungen überhaupt, die nach der Gartenstadt-Idee des Engländers Ebenezer Howard entwickelt wurde. Das Grundprinzip: menschenwürdige Wohnverhältnisse in Nähe der Werke oder zumindest von dort gut erreichbar.

Südwestlich der Essener Innenstadt entstand zwischen 1909 und 1920 die historische Wohnsiedlung Margarethenhöhe. (Archivbild)
Südwestlich der Essener Innenstadt entstand zwischen 1909 und 1920 die historische Wohnsiedlung Margarethenhöhe. (Archivbild) © www.blossey.eu / FUNKE Foto Services | Hans Blossey

Mit ihren geschwungenen Giebeln und Laubengängen, Erkern und efeuumrankten Fassaden wirkt die für 16.000 Menschen geplante Idylle wie aus der Zeit gefallen. Übrigens: Nicht nur Kruppianer dürfen hier wohnen. Eine Stiftung wacht darüber, dass Bewohner aus allen sozialen Schichten auf der Margarethenhöhe eine Heimat finden können. Der repräsentativste Teil der Siedlung liegt an der Steilen Straße hinter dem Torhaus.

Aus: Ruhrgebiet für Kenner. Wahres, Rares, Erstaunliches von Rolf Kiesendahl und Sylvia Lukassen. Ellert und Richter Verlag Hamburg, 12 Euro.