Am Morgen nach der Bundestagswahl sind die Karten im Ruhrgebiet neu gemischt: Die lange dominierende SPD hat bei diesen Wahlen in der Region massiv an Zuspruch verloren. Ihr jahrelanger Kampf gegen die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD, den sie vor allem im Norden des Ruhrgebiets ausficht, hat sie erstmals in einer Stadt verloren. Fünf Erkenntnisse für Deutschlands größten Ballungsraum:
1. Die AfD ist im Westen angekommen: Historisches Ergebnis in Gelsenkirchen
Die NRW-AfD hat nicht ohne Grund eine prominent besetze Wahlparty ausgerechnet in Gelsenkirchen ausgerichtet. Hier versprachen sich die Extremrechten ihren größten Wahlerfolg im Westen Deutschlands. Die Wette hat die Partei um Kanzlerkandidatin Alice Weidel gewonnen: In Gelsenkirchen holte sie 24,7 Prozent der Zweitstimmen, 11,9 Prozentpunkte mehr im Vergleich zur Bundestagswahl 2021. Sie ist damit erstmals stärkste Kraft in einer Ruhrgebietsstadt. In Scholven, das mit dem Aus der Raffinerien zuletzt schlechte Nachrichten verkraften musste, hat die AfD sogar jede dritte Stimme gewonnen (33,4 %).
Das ist ein historischer Sieg für die Extremrechten und ein herber Schlag für die SPD, die in Gelsenkirchen ihre schlimmste Niederlage einstecken musste: Hier hat die einst als Arbeiterpartei wahrgenommene SPD am meisten bei Wählerinnen und Wählern verloren.
Zuwächse hat die AfD längst nicht nur in Gelsenkirchen: Überall in der Region gewinnt die Extremrechte, die offen von „Remigration“ spricht und das exportgetriebene Deutschland aus der EU führen will. Laut RVR-Wahlstatistik wird die AfD mit 18,8 Prozent drittstärkste Kraft im Ruhrgebiet und gewinnt im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 insgesamt 10,3 Prozentpunkte hinzu. Ihr niedrigstes Wahlergebnis hat sie im Wahlkreis Essen III.
Wie schon bei vorherigen Wahlen ist der Zuspruch gerade im Norden gewachsen. Im Stadtteil Duisburg-Neumühl etwa kommt sie auf 36,4 Prozent und zieht als stärkste Kraft an SPD und CDU vorbei. In Teilen von Oberhausen-Lirich kommt die Partei auf 32,8 Prozent der Zweistimmen, in Essen wird die AfD stärkste Kraft in Stadteilen wie Vogelheim, Bergeborbeck und Karnap. In der Stadt Marl rücken die Extremrechten mit 24,3 Prozent auf den zweiten Platz vor.
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2. Die letzte Bastion ist gefallen: SPD verliert im Ruhrgebiet massiv
Das Ruhrgebiet galt lange als die letzte Hochburg der SPD: Über Jahrzehnte haben die Menschen zwischen Rhein und Ruhr der SPD zuverlässig ihre Stimmen gegeben. Diese Vormacht bröckelt zwar bereits seit einigen Jahren: Doch auch bei der Bundestagswahl 2021 holte die SPD in allen Wahlkreisen im Ruhrgebiet noch die Mehrheit der Zweitstimmen und gewann 19 der 20 Direktmandate. Die Ruhr-SPD sorgte ganz entscheidend mit dafür, dass kaum eine Region so gut im Bundestag vertreten war wie das Ruhrgebiet.
Bei der Wahl 2025 ist diese Bastion gefallen. Zwischen Rhein und Ruhr bekommt die SPD zwar noch ihre landesweit besten Ergebnisse zustande, fährt aber massive Verluste ein. Die Partei erreicht im Ruhrgebiet mit 24,0 Prozent rund 10,3 Prozentpunkte weniger als im Jahre 2021. Damit fallen die Verluste für die Partei in dieser Region im Vergleich zum Bundesergebnis noch deutlicher aus (-9,3 Prozent). Im Wahlkreis Herne-Bochum II holt sie 25,9 Prozent der Zweitstimmen, verliert damit gegenüber 2021 aber 12,4 Prozentpunkte. Mit 21,1 Prozent im Wahlkreis 119 Essen III erzielt sie ihr niedrigstes Ergebnis.
Die SPD kassiert mitten im Ruhrgebiet zudem eine ihrer bundesweit größten Wahlschlappen: Im AfD-starken Gelsenkirchen verliert sie 13 Prozentpunkte gegenüber der Bundestagswahl 2021 (Bund: 9,3 %). Selbst in der einstigen Herzkammer der Sozialdemokratie, in der Stadt Dortmund, ist der Sieg der bisherigen Kanzler-Partei ein äußerst knapper von 23,7 zu 22,8 Prozent (CDU).
Hat die Partei bei der Bundestagswahl 2021 noch in allen 20 Wahlkreisen die Mehrheit der Zweitstimmen geholt, ist sie 2025 nur noch in acht Wahlkreisen bzw. zwölf Kommunen stärkste Kraft. In nur noch 13 Wahlkreisen erhalten ihre Kandidatinnen und Kandidaten die Mehrheit der Erststimmen und dürften allesamt in den Bundestag einziehen. Zu den bundesweit stärksten Wahlkreisen gehört Duisburg I, in dem Bärbel Bas 39 Prozent der Erststimmen für sich gewinnen konnte.
3. Die CDU profitiert von der SPD-Schwäche - die Linke steigt auf
Von den herben Verlusten der SPD profitiert nicht nur die AfD: Die CDU hat sich in weiten Teilen des Ruhrgebiets an die Spitze gekämpft. Mit 26,2 Prozent ist sie laut RVR-Wahlstatistik die stärkste Partei im Ruhrgebiet (plus 4,1 Prozentpunkte). Sie gewinnt in elf Wahlkreisen der Region die meisten Zweitstimmen für sich. Selbst in Malocher-Gebieten wie Bottrop/Recklinghausen I, wo immerhin die einst letzte Steinkohlenzeche Deutschlands steht, werden die Christdemokraten die stärkste Kraft (29,3 %). Das höchste Ergebnis erzielt die CDU mit 31,5 Prozent im Wahlkreis Wesel I, das niedrigste in Duisburg II (19,6 %).
Die Direktkandidaten und -kandidatinnen der CDU setzen sich in sieben der 20 Wahlkreise mit zum Teil Achtungserfolgen durch: In Essen III kommt der Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer (CDU) erstmals auf über 35 Prozent der Erststimmen. Im Wahlkreis Bottrop-Recklinghausen III holt mit Niklas Kappe erstmals seit 1961 ein Christdemokrat die meisten Erststimmen.
Gewinnerin ist im Ruhrgebiet aber auch die Linke, die in der gesamten Region laut RVR-Wahlstatistik auf 8,7 Prozent kommt. Das sind 4,8 Prozentpunkte mehr als 2021. Im Wahlkreis 138 (Bochum I) erhält sie sogar 12,1 Prozent der Zweitstimmen, ihr bestes Ergebnis in der Region. Die Grünen indes haben es in dem für sie eh schwierigen Terrain des Ruhrgebiets nicht leicht. Sie erhalten 10,5 Prozent der Zweitstimmen im Ruhrgebiet (- 3,7 Prozentpunkte). Am grünsten wählte Essen III (16,1 %). Die FDP, die im Bund an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert ist, wird in der Wahlstatistik für das Ruhrgebiet nicht mehr gesondert ausgewiesen.
4. Das neue Wahlrecht fordert Tribut - aber nicht im Ruhrgebiet
Ob alle gewählten Direktkandidaten auch einen Platz im neuen Bundestag haben werden, war wegen der Wahlrechtsreform keine klare Sache. Der neue Bundestag wird deutlich kleiner, NRW hat nur noch 136 der 630 Sitze im deutschen Parlament. Durch die Wahlrechtsreform zählt nicht nur, ob ein Kandidat die meisten Erststimmen geholt hat, sondern auch, wie gut das Wahlkreis-Ergebnis ist.
Bundesweit werden 23 Politikerinnen und Politiker nicht in den Bundestag einziehen, obwohl sie in ihrem Wahlkreis die meisten Erststimmen gewonnen haben. Das geht aus einer Liste der Bundeswahlleiterin hervor. Das Ruhrgebiet ist davon nicht betroffen. Die Siegerinnen und Sieger aller 20 Wahlkreise werden laut amtlichem Endergebnis im Bundestag sein.
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5. Die Wahlbeteiligung wächst massiv, aber nicht überall gleich stark
An dieser Bundestagswahl haben sich so viele Wahlberechtigte beteiligt wie lange nicht - auch im Ruhrgebiet. Hier haben 80,1 Prozent der rund 3,66 Millionen wahlberechtigten Menschen ihre Stimme abgegeben, etwas weniger als im Bundestrend (82,5 %). In Mülheim ist die Wahlbeteiligung über dem Bundes-Schnitt (83,4). In Sprockhövel haben 87,8 Prozent der Menschen gewählt, der höchste Wert seit 1998 bei einer Bundestagswahl.
In Gelsenkirchen, wo die AfD die meisten Stimmen holte, haben anteilig mit am wenigsten Menschen gewählt. 74,5 Prozent der Wahlberechtigten haben am Sonntag ihre Stimme abgegeben, nur in Duisburg II waren es weniger (73,5).





