Ihre Arbeitskleidung trägt sie bereits, eine schnittsichere Hose und feste Schuhe, obwohl es an diesem herrlichen Sommertag eigentlich viel zu warm dafür ist. „Aber ich will ja zeigen, wie ich arbeite“, sagt Melanie Kuypers und lacht. Auf jeden Fall! Deshalb setzt sie sich auch noch ihren knallorangefarbenen Ohrenschutz auf. Gleich wird es laut. Sehr laut. Denn um ihre Kunstwerke herzustellen, braucht die 35-Jährige vor allem… eine Kettensäge. Und die schmeißt sie jetzt direkt mal an.

Der Motor dröhnt, die Späne fliegen. Mit ruhiger Hand führt sie die Spitze der Säge über das Holz, das sich innerhalb weniger Minuten von einem unförmigen Klotz in zwei feine Eichhörnchenohren verwandelt. Noch ein paar Mal über den Kopf „streicheln“, dann verklingt auch schon wieder der Lärm und das Ergebnis darf aus der Nähe bewundert werden. Das sieht ja tatsächlich aus wie Fell! Die Gocherin nickt. „Das geht alles mit einer Säge.“

Kettensägen für die großen und kleinen Arbeiten

Natürlich, das muss Melanie Kuypers zugeben, musste sie all diese Fertigkeiten erst erlernen, als sie im Jahr 2012 spontan ihre erste Motorsäge kaufte. Eigentlich wollte ihr Mann damals nur die Kette seiner Säge schärfen lassen, um das Kaminholz für seine Mutter besser kleinzubekommen. Sie kam mit, „ich weiß gar nicht mehr, wieso“, und entdeckte vor dem Laden eine selbstgeschnitzte Bank, „ich wollte schon immer mal mit Holz arbeiten“.

Wenn es nicht klappt, verkauft sie die Säge eben wieder, dachte sich Melanie Kuypers. Machte sie aber nicht, im Gegenteil. Heute besitzt sie vier weitere. Eine größere, um „auszublocken“, also grobe Teile aus dem großen Baumstamm herauszuschneiden; eine kleinere, um Feinheiten wie das Fell auszuarbeiten; aber auch eine Akkusäge, „damit es gerade auf Weihnachts- oder Handwerkermärkten, auf denen ich auch schnitze, nicht so laut ist“, erklärt sie.

Viele Auftragsarbeiten für die Gocherin

Denn nachdem sie in einem Einsteigerkurs die wichtigsten Grundlagen erlernt hat, musste sie nur noch üben, üben, üben. Meist am Wochenende, weil sie unter der Woche durch ihren Job als Mediengestalterin keine Zeit für ihr neues Hobby hatte. Kreativ sei sie schon immer gewesen, „das hat natürlich geholfen“, sagt sie, und das dreidimensionale Denken trainierte sie immer weiter. Ebenso wie ihre Armmuskeln. „Am Anfang hatte ich schon Muskelkater“, erklärt sie. „Mittlerweile aber nicht mehr.“

Kein Wunder, in den vergangenen Jahren hat sie so einige Holzkunstwerke hergestellt, und das schon bald nicht mehr nur in ihrer Freizeit. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes kündigte Melanie Kuypers ihre Arbeit in Düsseldorf und meldete ein Kleingewerbe an. Werbung musste sie für ihre Holzkunst nie machen. „Das hat sich einfach rumgesprochen“, sagt sie. „Und ich hätte nie gedacht, dass es mal so viel wird.“ Besonders ihre geschnitzten Bänke an der Niers erregten große Aufmerksamkeit.

Kunstvolle Holzbänke an der Niers

Der Verkehrs- und Heimatverein Kessel hatte den Auftrag erteilt, außergewöhnlich sollten die Bänke sein, die hiesige Tierwelt widerspiegeln. Viele Stunden schnitzte sie mit der Kettensäge an den bereitgestellten Baumstämmen, holte so Eulen, Fische und Eichhörnchen aus dem Eichenholz hervor. Etwas größer als geplant seien die Bänke zwar geworden, „aber das Holz war nun mal da und es wäre doch schade gewesen, wenn man das nicht komplett genutzt hätte“, findet sie.

Die Eule ist besonders beliebt, erklärt Melanie Kuypers aus Goch.
Die Eule ist besonders beliebt, erklärt Melanie Kuypers aus Goch.© FUNKE Foto Services | Fabian Strauch

Das hätten wohl auch die vielen Spaziergängerinnen und Spaziergänger so gesehen, die sich auf einer der Bänke gern mal ein Weilchen ausruhen. „Ich war mit meiner Familie schon öfter dort und wollte mich selbst mal draufsetzen, aber meistens waren sie schon besetzt“, erzählt sie und lacht. Ist aber nicht weiter schlimm, gerade arbeitet sie bereits an einer Bank für einen anderen Auftraggeber aus den Niederlanden. Wenn die fertig ist, kann sie sich dort vielleicht mal für ein kurzes Päusken hinsetzen.

Rübenroder, Arbeitsschuhe oder Rallye-Wagen

Aber nicht zu lang, denn zu tun gibt’s einiges! Immer wieder trudeln neue Aufträge herein, die Eule für den Garten ist besonders beliebt, aber es kamen auch schon etwas ausgefallenere Wünsche, darunter beispielsweise ein „Rübenroder“. Ja, da war die Künstlerin auch erstmal verdutzt. Und musste nachsehen, was das überhaupt genau ist: „Eine Maschine, der Rüben einfährt.“ Das Modell, maßstabsgetreu 1:10, sollte ein Geschenk werden. Ebenso wie ein originalgetreuer Arbeitsschuh oder ein Rallye-Wagen.

In der Pandemie hatte Melanie Kuypers aus Goch endlich Zeit, um ihr langgeplantes Projekt in die Tat umzusetzen: ein Motorrad für ihre beiden Söhne.
In der Pandemie hatte Melanie Kuypers aus Goch endlich Zeit, um ihr langgeplantes Projekt in die Tat umzusetzen: ein Motorrad für ihre beiden Söhne.© FUNKE Foto Services | Fabian Strauch

„Ich erfahre dadurch schon immer viel über die Menschen“, sagt Melanie Kuypers. Das macht ihre Arbeit gerade so spannend: der Austausch, der immer in einem ganz individuellen Kunstwerk mündet. Für ein ganz persönliches Stück hatte sie übrigens erst in der Pandemie etwas Luft: ein wippendes Motorrad für ihre beiden Jungs. Ansonsten würde sie auch gern mal die alte Bank vor ihrer eigenen Haustür durch eine neue ersetzen, aber gerade hat sie einfach wieder zu viel anderes zu tun.

Bank für niederländischen Karnevalsverein

Deshalb will sie eigentlich direkt auch an der Bank für einen niederländischen Karnevalsverein weiterschnitzen. 14 Stunden Arbeit stecken schon drin, 14 weitere braucht sie bestimmt noch, schätzt sie. Während sie sonst für die Eulen nicht mal mehr eine Vorlage braucht, fertigt sie für so große Projekte wie dieses immer Skizzen an. Die Eichhörnchen sind schon fast fertig, an die Heuschrecken muss sie noch mal dran… aber es ist wirklich heiß an diesem Tag… „vielleicht springe ich doch erst in den Pool“.

>>> Kunst mit der Kettensäge

Melanie Kuypers hat eine eigene Homepage, auf der sie ihre Arbeit vorstellt: www.melanies-holzkunst.de Dort finden Interessierte auch ihre Kontaktdaten.

Wer selbst mal eine Kettensäge in der Hand halten und Kunstwerke sägen möchte, kann einen Schnitzkurs besuchen. Alle Infos dazu gibt’s ebenfalls auf der Homepage oder unter 0172/6432906