Frederik Paul (25) ist seit vier Jahren Vorsitzender der Jungen Union (JU) im Kreis Wesel, und er fiel kürzlich auf: Er las den Generalsekretären von CDU und CSU auf dem Deutschlandtag der JU in Münster gründlich die Leviten – selbst in der „Tagesschau“ war der junge Mann im rosa Hoodie zu sehen, wie er den beiden Herren im Anzug nachdrücklich klarmachte, dass ihre Parteien zu wichtigen Politikbereichen keine klare Position mehr hätten. In unserer neuen Serie stellen wir junge Politikerinnen und Politiker aus der Region vor. Zum Auftakt hat Eva Karnofsky Frederik Paul getroffen.

Frederik Paul, Vorsitzender der JU im Kreis Wesel.
Frederik Paul, Vorsitzender der JU im Kreis Wesel. © Unbekannt | Eva Karnofsky

Viele junge Leute fühlen sich von der Politik nicht mehr angesprochen. Welche Themen fehlen da?

Vor allem das Thema Jugendbeteiligung. Denn der Weg, sich einzubringen, ist weit. Bis man wie ich über ein Ratsmandat mitgestalten kann, muss man sich schon fünf Jahre lang engagiert haben. Ich habe das Thema Jugendbeteiligung für mich ganz oben auf die Agenda gestellt. Wir würden da gern mehr machen, beispielsweise die Spielplätze genau unter die Lupe nehmen – das ist ein Thema, das in der Kommunalpolitik fehlt.

Geht die Jugend nicht mehr in die Parteien, weil ihre Themen nicht vorkommen?

Da ist auch eine gewisse Hemmschwelle, sich an eine Partei zu binden, weil man womöglich für Dinge geradestehen muss, die man selber nicht gut findet.

Fühlen sich junge Leute auch vom Stil der Politik abgeschreckt?

Damit haben alle Parteien zu kämpfen: Sie kommen nicht mehr auf den Punkt. Die Leute wollen klare Ansagen. Sie wollen nicht, dass man ihnen nach dem Mund redet, sie wollen sich auch mal reiben. Das macht ja gerade Politik attraktiv für junge Leute: Wenn man nicht nur Ja und Amen sagt, sondern aufsteht und sagt, jetzt machen wir das mal genau andersherum, begehen mal einen Stilbruch.

Und wie erreicht man das?

Ein politischer Unterricht, der den Jugendlichen beibringt, zu diskutieren, wäre wichtig. Unsere Debattenkultur, unser Umgang miteinander – das geht doch Hopps. Wir lassen niemanden mehr ausreden, wir nehmen alles persönlich und schreiben dann bei Facebook, wie doof alles ist. Wir haben das Diskutieren verlernt, in der Gesellschaft und in der CDU.

Junge Politik

Die Politik wird jünger – knapp 30 Prozent der Abgeordneten des neuen Bundestages sind 40 Jahre oder jünger. Und auch am Niederrhein mischen Nachwuchs-Politiker mit. Was wollen sie verändern, was treibt sie an, welche politischen Ziele haben sie? Wir stellen die Jungen in lockerer Folge vor – alle unter 30, alle bereit, Verantwortung zu übernehmen, die Zukunft zu gestalten. Auftakt heute mit Frederik Paul:Frederik Paul, 25, stammt aus Alpen und studiert in Duisburg Politikwissenschaft. Er war schon immer sehr umtriebig, zuerst als Klassensprecher und Schülersprecher. Das hat ihn dann in die Politik gebracht – weil er etwas verändern wollte. In die CDU eingetreten ist er vor sechs Jahren, und es war Angela Merkel, die ihn als Person „gecatcht“ habe, sagt er.

Haben Sie keine Angst, dass nicht Sie die Politik verändern, sondern die Politik Sie?

Das ist eine beidseitige Sache. Wenn ich mich engagiere, verändere ich die Politik, aber natürlich lerne ich Strukturen kennen, und damit auch Grenzen, und weiß dann, wie man manche Dinge vielleicht strategisch besser macht, wenn es z.B. darum geht, Mehrheiten zu finden. Aber man soll weiter ungemütlich sein und anbringen, was einem wichtig ist. Wenn man von vornherein immer überlegt, ob eine Position mehrheitsfähig ist – dann können wir uns abmelden.

Wenn die CDU sich verändern ließe – was würden Sie als Erstes tun?

Ich würde zuerst junge Mitglieder - Schüler, Studenten, Azubis - beitragsfrei stellen. Als niederschwelliges Angebot, sich zu engagieren. Damit wir mehr junge Leute in die Partei kriegen. Und ich würde die Mitgliederbefragung einführen. Es kann nicht sein, dass die Mitglieder nicht über ihre Parteispitze entscheiden dürfen, aber am Wahlkampfstand ihren Kopf hinhalten müssen.

Welches Thema würden Sie bundespolitisch diskutieren wollen?

Klima ist wichtig, aber auch Rente, solide Finanzen und Generationengerechtigkeit. Das ist vielleicht nicht so sexy wie Klimawandel, aber genauso wichtig. Ich würde auch ans Thema Pflege rangehen. Was hat die CDU für ein Pflegekonzept – keines. Ist untergegangen im Wahlkampf, und die jungen Leute haben es auch nicht auf dem Schirm, aber sie müssen die Pflege finanzieren. Und vielleicht ihre Eltern irgendwann pflegen.

Wie würden Sie die Partei für junge Frauen attraktiver machen?

Es ist ein Teufelskreis: Ich glaube, dass die Partei für junge Frauen attraktiver wird, wenn wir mehr junge Frauen haben. Die Junge Union besteht aus zu vielen Jungs. Wir haben wirklich Informationsangebote gemacht für Mädels, aber das hat nicht funktioniert. Funktioniert hat lediglich eine Einladung zu einem Cocktailabend, am Sandstrand in einem Baggerloch.

Wir müssen schauen, dass wir auch die Vereinbarkeit von Familie und Politik stärker in den Vordergrund rücken

Ohne Tagesordnung. Da konnten wir junge Mitgliederinnen werben. Wir wollten auch den Kreisvorstand der Jungen Union paritätisch besetzen – auch das hat nicht geklappt. Für mich ist die Quote aber keine Lösung. Ich denke, wir müssen schauen, dass wir auch die Vereinbarkeit von Familie und Politik stärker in den Vordergrund rücken. Es kann nicht sein, dass eine Fraktionssitzung um 15 Uhr stattfindet. Wie soll eine junge Mutter das hinkriegen?

Haben Frauen vielleicht eher das Gefühl, es werde auf den Sitzungen von den Männern zu viel geredet, ohne auf den Punkt zu kommen?

Ich glaube, dass ist eher ein Problem zwischen Jung und Alt, nicht zwischen Mann und Frau.

Klima ist ein Thema junger Politik. Aber auch Familie, Pflege, Generationengerechtigkeit.
Klima ist ein Thema junger Politik. Aber auch Familie, Pflege, Generationengerechtigkeit. © dpa | Paul Zinken

Reden wir über den Niederrhein. Über Kies zum Beispiel...

Wenn das so einfach wäre... Es muss ganz, ganz zügig von der Landes- und der neuen Bundesregierung etwas mit alternativen Rohstoffen passieren, damit Kies nicht mehr in dem Maße gebraucht wird. Aber man muss auch ehrlich sein: Wir brauchen Kies, weil die Leute bauen oder neue Straßen wollen.

Wenn ich mir dann aber die Vorgärten angucke, sind die mit Steinen oder Kies vollgepackt - da muss man den Leuten auch sagen: Lasst uns mal an die eigene Nase packen. Und bei der Planung der Auskiesungsflächen muss man mehr auf die Leute vor Ort hören, auf die Stadträte. Ich bin überhaupt ein „Kommunaler“.

Wie würden Sie den Niederrhein in 30 Jahren sehen?

Strukturstark, mit guten Arbeitsplätzen, mit vernünftigem öffentlichem Nahverkehr. Auch wenn ich glaube, dass der Individualverkehr weiterhin Bestand haben wird, anders wird es nicht gehen.

Aber mit Elektro- und Wasserstoffmobilität. Ich hoffe, dass wir unsere Umwelt gut erhalten, dass wir unsere Klimaziele hier am Niederrhein erreichen. Wir haben gute Industrie, wir haben die Häfen in Wesel, die für den Wirtschaftsstandort wichtig sind, wir haben viele kleine und mittelständische Unternehmen.

Es wäre schön, wenn wir noch mehr Handwerkerinnen und Handwerker hier hätten. Und dass die Landwirte nicht Angst haben müssen, dass ihre Flächen morgen weg sind, weil Kies abgebaut wird. Und dass sie vernünftige Preise für ihre Produkte kriegen. Viele kaufen ja schon regional, ich auch. Ich kaufe lieber weniger als Quatsch. Und an einigen Stellen wie in Xanten soll auch der Tourismus ein Schwerpunkt sein. Der Mix macht’s.