Umwelt

Wie der Himmel über der Ruhr wieder blau wurde

Essen.  Staub und Schwefeldioxid verdunkelten 1961 den Himmel über der Ruhr. Der „Blaue Himmel“ war ein gewagtes Versprechen von Willy Brandt. Doch der Umweltschutz hat im Ruhrgebiet eine Erfolgsgeschichte geschrieben.

Im Keller der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn ruht im Willy-Brandt-Archiv ein kleiner Schatz aus dem Jahr 1961: Handschriftlich ärgert sich der sozialdemokratische Parteivorsitzende über die Reaktionen auf seinen Auftritt vor dem Wahlkongress zwei Monate zuvor: „Kübel voller Hohn“ habe man ausgekippt, sogar „behauptet, wir versprächen das Blaue vom Himmel“.

Genau das hatte er getan. „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“, hatte Willy Brandt gesagt. Es war der gewagteste Satz seines Wahlprogramms, vorgetragen am 28. April in der Godesberger Stadthalle. Was Brandt damals kaum ahnte: Das Versprechen, mehr eine provozierende Forderung, ist wahr geworden. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes und geboren im heutigen Duisburger Stadtteil Rheinhausen: Das Ruhrgebiet „ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte des Umweltschutzes ... Sie konnten die Wäsche zum Lüften nicht raushängen“, erinnert sich Flasbarth an die Kindheit, „wir hätten sie dreckiger wieder reingezogen. Das war vor allem der rote Staub der Kupferhütte“. Die lag vis-à-vis in Hochfeld.

Der „Spiegel“ schilderte in der Ausgabe 33/61 das Revier als täglichen Horror. „Westdeutschlands Kohlenkellerkinder“ müssten jeden Tag „ein kleines Pompeji“ durch „die Exkremente der Industrie“ erdulden. Dunst türme sich „über Feuerschlünden und Wohnhäusern“, reduziere die Kraft der Sonne um ein Drittel. Die Mieten im Haus Essener Straße 228 in Oberhausen habe man schon von 80 auf 24 Mark gesenkt.

Reiches, armes Revier. 130 Hochöfen und Konverter und fast 100 Kraftwerke befeuerten zum Zeitpunkt der Brandtschen Rede das Wirtschaftswunder der Republik. „Wir sind von Hamm nach Duisburg gefahren, in Stunden, da sie am Werken waren“ besangen Schulkinder die Keimzelle des Wohlstands – und guckten dabei in mal gelbe, mal rötlichbraune Wolken mit Partikeln von Staub und Schwefeldioxid über Duisburg, Gelsenkirchen und Dortmund.

Leukämie und Krebs, Rachitis und Blutbild-Veränderungen

8,6 Kilo Staub entstanden mit jeder Tonne Roheisen. Teams von Thyssen, Krupp und Hoesch kletterten täglich auf die Werksdächer, um die Staubschicht wegzuräumen, die die Hallenstabilität gefährdete. Vier Millionen Tonnen Schwefeldioxid bliesen die Anlagen pro Jahr in die Luft. Die Folge: Deutlich höhere Raten bei Leukämie und Krebs, Rachitis und Blutbild-Veränderungen im Kern des Ruhrgebiets. Wer hier geboren wurde, war – im Schnitt – leichtgewichtiger und kleiner als das Neugeborene vom Niederrhein. Irgendwann begannen Essener Ärzte, sich mit Strafanzeigen zu wehren.

Doch weder Gerichte noch die Bundesregierung waren zunächst bereit, den Weg zum schnellen Wohlstand in Frage zu stellen. Gesundheitsschutz? Kein Thema. Im Frühjahr 1961 vernichtete der Auswurf einer Nacht Hunderte von Kleingärten. Bäume und Sträucher verbrannten in der Erde. Die Räte im Revier tagten in Sondersitzungen. Langsam begann das Umdenken.

Der neue Phoenixsee

Der neue Phoenixsee
MPG

Auch Brandt brauchte einen Anstoß, um die „völlige Vernachlässigung der Gemeinschaftsaufgabe“ zu beklagen, „bei der es um die Gesundheit von Millionen geht“. Die Spur führt zu Heinrich Deist. Der Gewerkschafter, als Aufsichtsratschef des Bochumer Vereins im Stoff, sollte im Fall des Wahlsiegs Brandts Wirtschaftsminister werden. Er gab die Anregung. Die Blaue-Himmel-Forderung wurde zum Wahlkampfschlager im Jahr des Mauerbaus.

Bald ein Seglermekka

Noch einmal siegte Adenauer. Das Ruhrgebiet erlitt 1962 und noch in den 80ern ernste „Smog“-Phasen – die Luftschadstoffe sammelten sich bei speziellen Wetterlagen –, bevor die Maßnahmen, hinter die sich alle Parteien stellten, wirkten. Erst ein Abstandserlass, die umstrittene „Hochschornsteinpolitik“ und der Filtereinbau nach 1980 ließen die Belastung sinken. Die Kohle verabschiedete sich Zeche für Zeche.

Die Stahlwerke – und ihre Jobs – sind heute auf die Standorte Duisburg und Bochum konzentriert. Und Hoeschs Phoenix-Ost-Gelände in Dortmund mutiert im 50. Jubiläumsjahr der Brandt-Rede zum See und Segler-Mekka. Was Charme hat: Bei gutem Wetter grüßt hier der Himmel blau.

Der Umweltschutz im Ruhrgebiet – „eine unglaubliche Erfolgsgeschichte“

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (8) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik