Fernverkehr

Trucker in Sorge: zu viele Verbrecher, zu wenig Parkplätze

Der Autohof Lippetal an der A 2-Ausfahrt Hamm/Uentrop – ein sicheres Plätzchen für die Nacht. Und deshalb sehr begehrt.

Der Autohof Lippetal an der A 2-Ausfahrt Hamm/Uentrop – ein sicheres Plätzchen für die Nacht. Und deshalb sehr begehrt.

Foto: Lars Heidrich

Hamm.   Nachts auf dem Parkplatz, schlitzen man ihnen ihre Tanks auf, klaut die Ladung oder gleich den ganzen Lkw. Trucker leben in ständiger Angst.

Zahlen? Statistiken? Gerd Schneider (alle Namen der Fernfahrer auf ihren Wunsch geändert) winkt ab, während er in der Gaststätte des Autohofes Lippetal auf sein Essen wartet. Wer 46 Jahre im Fahrerhaus eines 40-Tonners durch Europa gefahren ist, braucht weder das eine noch das andere, um zu wissen, dass Fernfahrer im Jahr 2017 gefährlich leben. „Es ist schlimmer geworden, sagt Schneider. „Alles ist schlimmer geworden.“ Schneiders Kollege Frank Weber kann das in einem Satz präzisieren. „Zu viele Verbrecher, zu wenig Parkplätze.“

Deshalb fahren sie auch schon am späten Nachmittag reihenweise runter von der A 2 an der Ausfahrt Hamm-Uentrop und biegen ab auf den Autohof. Tankstelle, Schnellimbiss, Gaststätte, Spielhalle, Erotik-Shop gibt es hier, in einem kleinen Wohnwagen bietet ein mobiler Rechtsanwalt seine Dienste an. Stoßstange an Stoßstange rollen die Lkw auf den großen Platz, kaufen sich die Fahrer für zehn Euro ein Parkticket. „Ich hätte ja noch eine Stunde fahren dürfen“, sagt einer und klettert aus dem Fahrerhaus. „Aber im Ruhrgebiet kriegst du ja kaum einen Parkplatz für die Nacht.“

Vor allem auf den kleineren Parkplätzen stehen die Lkw deshalb immer öfter schon in der Einfahrt, manchmal sogar Hunderte Meter weit auf der Standspur. Über 40-mal pro Jahr kommt es nach Daten der zuständigen EU-Kommission europaweit zu tödlichen Unfällen. Deshalb greift die Polizei auch durch. „Wir achten da sehr genau drauf“, sagt Polizeihauptkommissar Ralf Lehrke von der Autobahnpolizei Dortmund."

„Du hast nur die Wahl zwischen Pest und Cholera“

Am Ende“, sagt Gerd Schneider, „hast du nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.“ Entweder weiterfahren und die erlaubte Lenkzeit überschreiten oder sein Glück in einem Industriegebiet in der Nähe suchen. „Irgendwo am Arsch der Welt.“ Wo es dunkel ist und einsam und die Wahrscheinlichkeit deshalb groß, dass der Lkw am Morgen keinen Diesel mehr im Tank hat.

Bis zu 1000 Liter einfach weg. „Alles abgesaugt“, erklärt Weber und erzählt, dass er vom Chef die Order bekommen hat, den Tank nicht mehr abzuschließen. „Sonst schlitzen diese Verbrecher das Ding einfach auf.“ Lehrke erzählt von einem Fall, bei dem die Diebe mit einer Speziallanze Brummi-Tanks angestochen und ausgesaugt haben. „Anschließend sind sie oft nur einen Parkplatz weitergefahren und haben den Diesel dort wieder verkauft.“

Banden leiten Betäubungsgas in die Kabine

Schlimm, aber es geht auch noch schlimmer. „Es gibt Parkplätze, da kannst du gar nicht so schnell gucken, wie sie dir einen über den Kopf gehauen haben“, sagt Schneider. Er kennt das, ihm ist das schon passiert. Ein Jahr hat er nach einem Überfall im Krankenhaus gelegen. „Genick war gebrochen.“ Kaum gesundet, ist er wieder auf den Bock gestiegen. Mit Angst? „Die musst du zu Hause lassen, sonst kannst du diesen Job kaum machen.“

Früher Abend ist es geworden, auf dem Autohof wird der Platz langsam eng. Lehrke, der hier einmal im Monat einen Stammtisch für Trucker organisiert, geht an den abgestellten Wagen vorbei und zeigt auf die Planen. Fast jede hat ein paar geflickte Risse. „Kann natürlich auch mal von schlechtem Fahrstil kommen“, weiß der Beamte. „Meistens aber kommen die Risse daher, dass organisierte Banden die Plane aufgeschlitzt haben, um zu sehen, ob sich ein Überfall lohnt.

Ist das der Fall, kommen sie wieder in der Nacht, leiten gerne Betäubungsgas in die Fahrerkabine, brechen die Hecktüren auf und schaffen weg, was sie finden. „Ladungsdiebstahl“ heißt das offiziell. Fast 2000 Mal im Jahr stehlen sie auch den ganzen Lkw. „Wirklich sicher“, sagt Daniel Herbst (34), der seit zehn Jahren fährt, „bist du in Deutschland nirgendwo mehr.“ In Spanien, Frankreich oder den Niederlanden sei das anders. „Da sind die Autohöfe eingezäunt, gut ausgeleuchtet und werden von Sicherheitsdiensten bewacht.“ Mittlerweile ziehen erste Autohöfe in Deutschland nach.

45 Euro für ein Parkticket

Dort kostet ein Parkticket allerdings auch schon mal 45 Euro. „Vielen Spediteuren ist das zu teuer“, weiß Herbst und räumt ein: „Wenn du hundert Wagen oder mehr auf der Straße hast, kommt da ganz schön was zusammen jede Woche.“ Bei besonders wertvoller Ladung muss der Spediteur seine Fahrer aber auf speziell gesicherte Parkplätze schicken. „Das macht Transporte nicht billiger“, gibt der Trucker zu bedenken.

Schneider winkt wieder ab und greift zum Feierabendbier. „Ist mir alles egal.“ Im Sommer hört er auf. Wen seine Firma als Nachfolger in den Tankwagen setzt, den er seit ein paar Jahren fährt, weiß er nicht. Das ist vielleicht auch besser so, glaubt der 66-Jährige. „Ich würde ihm sagen, Junge hör’ auf. Der Job macht keinen Spaß mehr.“

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben