Stahl

Thyssen-Krupp: Es war einmal ein Arbeitsplatz fürs Leben

Hansjörg Hartmann in seinem Wohnort Duisburg-Ungelsheim. „Hier will ich auch nicht mehr weg.“

Hansjörg Hartmann in seinem Wohnort Duisburg-Ungelsheim. „Hier will ich auch nicht mehr weg.“

Foto: Volker Hartmann

Duisburg.   Der Vater war bei Thyssen, der Bruder auch. Auch Hansjörg Hartmann ist „reingerutscht“ in diese Gemeinschaft. Was wird nach der Stahlfusion?

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Unter Thyssianern war Hansjörg Hartmann schon als kleiner Junge. Das sind schöne Erinnerungen: Wie er, auf der Stange von Vaters Fahrrad sitzend, mit ihm zum MSV fährt; Ende der 60er-Jahre muss das gewesen sein. „Da waren dann seine Kollegen, das war so eine Gemeinschaft“, erinnert sich Hartmann.

Heute, bald 50 Jahre später, steht vieles in Frage, woran der 53-Jährige Duisburger immer geglaubt hat: „Der Vater hat gesagt, du fängst bei Thyssen an und gehst da in Rente. Du musst dir keine Sorgen machen.“

Werkschützer in Hüttenheim

Tatsächlich machte Hartmann seine Stahlbauschlosser-Lehre noch „draußen“, wie er sagt, und wechselte dann im Alter von 22 Jahren: „Reingerutscht. Wie der Vater, so der Sohn.“ So auch der Bruder: Thyssen, heute Thyssen-Krupp.

Hansjörg selbst arbeitet nach der Zeit in der Verladung inzwischen als Werkschützer im Betrieb in Duisburg-Hüttenheim. „Mein Spind ist einen Kilometer entfernt“, sagt er in seiner Wohnung im südlichen Vorort Ungelsheim. „Hier will ich auch nicht mehr weg.“

„Gerüchte gingen ja immer rum“

Die Nachricht, dass Thyssen-Krupp seine Stahlsparte mit Tata verschmelzen wolle und 2000 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, die hörte er dort auf der Frühschicht. Im Radio, am Mittwoch zwischen sechs und sieben. „Gerüchte gingen ja immer rum.“

Und jetzt? Er stockt, überlegt. „Man macht sich Sorgen um die Zukunft, um Duisburg, um Bochum . . . Eltern haben ja immer noch ihre Kinder reingebracht. Da sind noch junge Leute, die wollen auch mal eine Familie gründen . . . Was soll ich sagen? Es ist schwer.“

Betriebsrat: Stimmung ist „explosiv“

Hartmann, den sie „Hansi“ rufen, ist offenbar eher der ruhige Typ. Denn Günter Back, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp Stahl, nennt die Stimmung in der Belegschaft eigentlich „explosiv“.

In allen Betrieben gehe die Sorge um die Arbeitsplätze um, überall gebe es den massiven Wunsch nach mehr Informationen. Back und seine Kollegen kommen mit Besuchen in den einzelnen Abteilungen kaum nach.

Mahnwache eine belagerte Anlaufstelle

Mahnwache bei ThyssenKrupp in Duisburg Bruckhausen

Mahnwache bei ThyssenKrupp in Duisburg Bruckhausen
Mahnwache bei ThyssenKrupp in Duisburg Bruckhausen

„Wir haben jede Menge Unruhe, jeder will wissen, wie’s weitergeht“, sagt Günter Back. Auch Dieter Lieske, der 1. Bevollmächtigte der IG Metall in Duisburg, beschreibt so manchen Ton zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern aktuell als „richtig ruppig“ und „Riesen-Palaver“.

Die Betriebsräte sind in den Werken unterwegs, halten in Absprache mit Vorgesetzten Informationsveranstaltungen ab. Mal im Pausenraum, mal im Freien, mal mit 30, mal mit 400 Teilnehmern, je nach Größe der Abteilungen. Auch die Mahnwache der Gewerkschaft vor Tor 1 in Duisburg-Bruckhausen ist momentan eine oft belagerte Anlaufstelle für Informationen.

Busse starten um 7 Uhr von Hüttenheim nach Bochum

Am heutigen Freitagmorgen werden sich die Kollegen um 7 Uhr in Hüttenheim in die Busse setzen. Auf nach Bochum, auf zur Demonstration. Bis 9 Uhr treffen alle ein, es kommen ja nicht nur die gefährdeten Duisburger und Bochumer Kollegen. Und um 10 beginnt ihre Kundgebung.

Hartmann wird zurückbleiben, denn der Werkschützer hat Frühschicht. „Sonst wäre ich dabei.“ Aber seine Unterstützung fährt natürlich mit im Bus: „Wir müssen glauben an die Gewerkschaft. Wir kämpfen um unsere Arbeitsplätze, und das ist mehr als legitim.“

Ein Plakat hängt in seinem Flur, das zeigt einen Radfahrer und darauf den (im Original englischen) Satz: „Leben ist wie Fahrradfahren. Um das Gleichgewicht zu halten, muss man in Bewegung bleiben.“

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