Rodungsstopp

So geht es weiter im Hambacher Forst nach dem Rodungsstopp

Rot umrandet sehen wir den umstrittenen Restwald von etwa 200 Hektar. Andere Waldreste um den Tagebau zählen Naturschützer auch zum Hambacher Forst, sie sind aber erst später vom Tagebau bedroht.

Rot umrandet sehen wir den umstrittenen Restwald von etwa 200 Hektar. Andere Waldreste um den Tagebau zählen Naturschützer auch zum Hambacher Forst, sie sind aber erst später vom Tagebau bedroht.

Foto: Gerd Bertelmann

Merzenich.   Die Gerichte urteilen ab Mitte März über den Hambacher Forst. Doch die Entscheidung könnte woanders fallen. Das sind die wichtigsten Antworten.

Nirgends sind die Gegensätze so groß wie auf diesem Erdhügel zwischen Wald und Grube. Vor uns wüste Leere – hinter uns ragt üppig der Hambacher Forst. Wir befinden uns in einem 400 Meter breiten Streifen Niemandsland, schon gerodet, noch nicht gebaggert, zwischen übergroßen Maschinen und Baumhäuser von Waldbesetzern. Ein neutraler Standort. Bis Herbst 2020 wird hier nichts mehr passieren, hat RWE am Mittwoch zugesagt. Die Frage aller Fragen lautet nun: Wird dieser umkämpfte Wald bleiben?

Wann urteilen die Gerichte?

Die Bechsteinfledermaus und das Große Mausohr, der Springfrosch und zehn weitere besonders gefährdete Tierarten leben im Hambacher Forst, der darum ein „Fauna-Flora-Habitat“ sein könnte, so genannt nach einer Richtlinie der EU von 1992. Das will das Verwaltungsgericht Köln ab dem 12. März klären. RWE hat bisher alle Prozesse zu diesem Thema gewonnen mit dem Argument, dass die Rodungen im Hambacher Forst lange vor der Existenz dieser Richtlinie beschlossen wurden. Der Tagebau begann schon 1978, die Abfolge von Genehmigungen, neuen Regelungen, Einsprüchen und Fristen ist jedoch im Detail äußerst komplex. Den aktuellen Hauptbetriebsplan, um dessen Rechtmäßigkeit es nun geht, genehmigte 2016 die damalige rot-grüne Landesregierung.

Wann das Gericht entscheiden wird, ist offen – der klagende Naturschutzverein „Bund“ würde jedoch bei einer Niederlage in Berufung gehen. Dann dürfte RWE weitere fünf Monate nicht roden. In zwei weiteren Klagen des Bund, die zeitgleich verhandelt werden, geht es um die Enteignung oder Zwangsabtretung eines Grundstücks, das den Baggern im Wege liegt. Auch dies könnte den Wald retten, sagt Bund-Landeschef Dirk Jansen. Parallel klagt sein Verein in Münster gegen den Rahmenbetriebsplan, die Berufung ist noch nicht terminiert. Darum sagt Jansen: „Wir haben den Rodungsstopp juristisch erfochten.“

Tatsächlich dauert dieses von der Landesregierung mit RWE ausgehandelte Moratorium aber bis zum Herbst 2020, die Prozesse dagegen könnten im für RWE günstigsten Fall schon ein Jahr vorher enden. Richtig ist aber, dass die rund ein Dutzend Verfahren, die der Bund seit 1996 gegen den Stromkonzern führte, nun Wirkung zeigen. Die große Konfrontation zwischen Besetzern und dem Tagebaubetreiber schien Anfang Oktober 2018 schon entschieden, die Polizei war im größten Einsatz ihrer Geschichte gerade dabei, die letzten Baumhäuser zu räumen, da drückten die Oberverwaltungsrichter aus Münster auf Stopp. RWE dürfe nicht roden, bis über besagte Klagen des Bundes entschieden sei. Man dürfe keine vollendeten Tatsachen schaffen. Nun sind die Besetzer in gleicher Stärke wieder da, ihre Hütten scheinen professioneller denn je.

Muss Wald zu See werden?

Der Wald müsse schon aus technischen Gründen weichen, hat die RWE-Spitze in den letzten Monaten immer wieder argumentiert, denn die Grube sei zu steil. Wenn die Bagger abziehen, soll hier bis etwa 2080 der größte See NRWs entstehen, mit rund 40 Quadratkilometern doppelt so groß wie der benachbarte Baggersee Garzweiler. Damit das Ufer nicht abrutschen kann, müsse es einen bestimmten Winkel haben. Um den zu erreichen, müsse man die Grube vergrößern und so flacher machen, argumentierte RWE.

Der „Bund“ reagierte mit einem Gutachten, nach dem die Abbaufront am Wald bisher sogar zu flach gehalten ist und nur anderenorts steiler ist als das geplante Gefälle von 1:5. Vor dem Forst müsse man also noch baggern.

Dem widerspricht RWE nicht, sondern rückt von seiner ursprünglichen Darstellung ab. Nur die nördliche Endböschung des Tagebaus sei viel zu steil, um für den See geeignet zu sein, erklärt Sprecher Guido Steffen am Donnerstag. Der Restwald liegt jedoch im Süden. Ein Problem, so Steffen, sei die Nordböschung dennoch, denn dort muss aufgefüllt werden, um den Hang flacher zu machen – „und irgendwo muss das Material herkommen“.

Wie lange gibt’s noch Kohle?

Im Süden bewegen sich die Bagger durchaus weiter auf den verbliebenen Wald zu, auf unseren Hügel im Niemandsland, doch ohne ihn zu erreichen. „Ab etwa Ende 2019 kommt die erste, oberste Sohle des Tagebaus zum Stillstand“, erklärt RWE-Sprecher Steffen. „In der Folge werden wie bei einem Dominoeffekt die Bagger auf den tieferen Sohlen auflaufen und zuletzt keine Kohle mehr freilegen können. Damit der Tagebau nicht zum Stillstand kommt, wird die Kohleförderung schon dieses Jahr gedrosselt, damit ständig Kohle verfügbar bleibt, wenn auch in geringerer Menge.“

Theoretisch ließen sich noch 490 Millionen Tonnen Braunkohle gewinnen, ohne den Hambacher Forst anzutasten, behauptet ein Gutachten des Bundes – auch wenn dies klimapolitisch katastrophal sei. RWE nennt diese Zahl „falsch“. Steffen: „Die Ansätze uns bekannter Berechnungen sind allesamt fehlerhaft oder mindestens nicht nachvollziehbar. Meist werden ausschließlich zweidimensionale Luftbilder ausgewertet und die Komplexität des Bergbauvorhabens wird nicht erkannt.“

Wie wertvoll ist dieser Wald?

Wenn es nach den Umfragen ginge, wäre der Hambacher Forst wohl schon gerettet. Drei Viertel der Deutschen waren zuletzt der Ansicht, die Bundesregierung solle die Rodung stoppen, hat das Meinungsforschungsinstitut Emnid erfragt. Nicht gemessen wurde, welche Vorstellung die Bürger von diesem Wald haben. Vor allem in den sozialen Medien ist die falsche Behauptung verbreitet worden, es handele sich um „Europas letzten großen Mischwald”, auch in Fernsehen und Zeitungen ist immer wieder vom „rheinischen Urwald“ die Rede – was selbst der Bund mit „Blödsinn“ kommentiert. „Das zeugt von botanischer Unkenntnis“, erklärt NRW-Chef Dirk Jansen.

Wie der Name sagt, ist der Hambacher ein Forst. Die Baumreihen wurden schon von den alten Römern gelichtet, Stümpfe und Ziehwege aller Orten zeugen von intensiver Bewirtschaftung. Auf den ersten Blick ist der Essener Stadtwald mindestens ebenso „idyllisch, woran sich der ökologische Wert des „Hambi“ natürlich nicht bemessen kann.

Biologen und Umweltschützer verweisen darauf, dass er das letzte Überbleibsel eines Waldökosystems sei, welches das Rheintal seit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren bedeckte - was in der Diskussion oft verwechselt wird mit dem Alter der Bäume, die ältesten sind 350 Jahre alt.

Auch wird immer wieder behauptet, die Zusammensetzung der Baumarten mache den Hambacher Forst einzigartig. Jedoch gibt es durchaus weitere Eichen-Hainbuchen-Wälder in Deutschland und Europa, allen voran den Urwald von Białowieża in Polen, der tatsächlich ein natürlicher Standort für diese Baumgesellschaft ist. In Nordrhein-Westfalen dagegen kommt sie nur dort vor, wo die Rotbuche sich nicht durchsetzen konnte, zumeist, weil der Mensch eingegriffen hat. Der Hambacher Forst ist keineswegs ein „alter, ungestörter Wald“, sondern menschengemacht.

„Das ist irrelevant“, findet Bund-Geschäftsleiter Dirk Jansen. „Solche Wälder sind geschützt von der FFH-Richtlinie.“ Seit der Eiszeit wachse hier die Winterlinde, führt er an. Die Bechsteinfledermaus lasse sich praktisch nicht einfach umsiedeln, wie RWE es sich vorstelle. Und auch unter der Erde findet sich Einzigartiges: Das Netz aus Wurzeln und symbiotischen Pilzen braucht lange Zeit, um zu wachsen, es unterscheidet den jungen vom alten Wald, macht ihn so wertvoll.

Unberührtheit kann kein Kriterium sein, sagt auch Michael Blaschke, Sprecher von Holz und Wald NRW. „Die meisten Naturschutzgebiete müssen heftig gepflegt werden, damit sie so bleiben, wie sie sind. Die Heiden zum Beispiel sind durch heftige Übernutzung entstanden, durch einen ökologischen Super-Gau.“ Der Klimawandel wird dies verschärfen. Würde man Eichen nicht pflegen, sagt Blaschke, würden sie fast überall in Deutschland von der Buche verdrängt. Nichtsdestotrotz oder auch deswegen sei Hambach ein besonderer und wertvoller Wald.

Allerdings auch ein kleiner. Die Republik streitet im Kern über ein Stück Restwald von einem mal zwei Kilometern Größe, zusammen mit anderen Flecken rund um die Grube sind es 550 Hektar. Vor dem Tagebau war der Forst etwa achtmal so groß. Zum Vergleich: Allein auf Essener Stadtgebiet liegen etwa 3500 Hektar Wald. Ganz NRW ist mit etwa 935.000 Hektar bewaldet, was einem guten Viertel der Landesfläche entspricht.

Selbst viele Besetzer und Unterstützer, ebenso wie Umweltlobbyisten geben im persönlichen Gespräch offen zu, dass der Wald vor allem ein Symbol ist. Die Öffentlichkeit, die der Konflikt erzeugt, soll den schnelleren Ausstieg aus der Braunkohle befördern.

Wird der „Hambi“ bleiben?

Die juristische Notbremse im Oktober schuf den Raum für die Empfehlung der Kohlekommission im Januar: Die Erhaltung des Hambacher Forstes sei „wünschenswert“. Ein Satz, den sich Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nun zu eigen macht, nur kurz nachdem seine Regierung eine weitere Räumung angekündigt und wieder abgeblasen hatte – vermutlich auch mit Blick auf die Umfragen. Die Proteste haben die Stimmung im Land gedreht. RWE hat zugesagt, den Erhalt zu prüfen und die Rodung bis zum Herbst 2020 gestoppt. Noch ist nichts sicher, doch die Chancen für diesen Wald standen nie besser.

Von unserem Hügel aus erkennen wir am Horizont bereits, wie das Neue das Alte durchdringt: dutzende Windräder neben Schloten.

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