Schulbesuch

Römer to go: Im Ruhrgebiet sind die Legionäre los

Carsten Kraft, Museumspädagoge des Halterner Museums, demonstriert mit Schüler Joshua, wie schwer ein römischer Legionär an seiner Ausrüstung zu tragen hatte.

Carsten Kraft, Museumspädagoge des Halterner Museums, demonstriert mit Schüler Joshua, wie schwer ein römischer Legionär an seiner Ausrüstung zu tragen hatte.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Die Römer sind los! Weil ihr altes Lager gerade in Schuss gebracht wird, marschieren die Legionäre aus Haltern durch die Schulen des Ruhrgebiets.

Der Römer an sich ist ein Soldat. Jedenfalls in den Köpfen von Siebtklässlern und schließlich auch in ihrem Lateinbuch, Kapitel „Andere Länder, andere Sitten“: Helm auf, Schild vorm Bauch, an den Füßen Sandalen. So zieht er derzeit wieder durch Germanien, weil zuhause in Haltern das Heerlager gehübscht wird. Das Römermuseum ist also zu, für den Übergang gibt es die Römer „to go“. Hilfe, in den Schulen sind die Legionäre los!

Der Schild passt gerade in den Kofferraum des Kombis, quer, und, zum Donnerkeil! (gelb auf Rot darauf gemalt), ist der schwer! Auch Pilum, der Wurfspeer, und Gladius, das Schwert, müssen hinauf in die Aula, Lateinlehrerin Stephanie Schlaak hatte es geahnt: „Das römische Imperium war ja alles andere als kuschelig.“ Schon vor der Zeit stecken drei Jungs die Nasen durch die schwere Holztür, allesamt sonst unverdächtig, zum Unterricht pünktlich zu sein. Waffen, Soldaten, und Gallische Kriege, was Zwölfjährige so spannend finden...

Cicero hatte kein Auto, seine Legionäre mussten laufen

Nun ist an diesem Tag im Nikolaus-Ehlen-Gymnasium zu Velbert nicht wirklich die alten Römer anwesend, aber mit Carsten Kraft ein Museumspädagoge, der sie gut kennt. „Wo waren die Römer?“, fragt er zum Einstieg, und ist es gleich eine dumme Frage: „In Rom!“ Wie weit das ist? Die Schätzungen schwanken zwischen zwei und 50.000 Kilometer, aber jedenfalls ist es auch heute noch weit, und Cicero hatte natürlich kein Auto.

Seine Legionäre also mussten laufen bis nach Haltern, wo sie ihr Lager aufschlugen, 25 Kilometer am Tag. Noch sind die Schüler unbeeindruckt, kurz hatten sie auch Gallien auf der alten Karte schon für Deutschland gehalten. Aber die Truppen, lernen sie, mussten ja bis zur Lippe: Germania inferior und noch weiter, dorthin, wo die Flecken auf der Landkarte weiß sind, weil die Römer sie nie wirklich „erwarben“, wie das unter Augustus hieß.

Marschgepäck von 18,6 Kilogramm, nur auf Links

Aber da sind wir noch nicht, wir sind noch beim Versuch. Den die Legionen nicht ohne Grund unternahmen: Diese Germanen hatten sich über den Rhein gewagt, „das ging gar nicht“! Aber auch nicht ohne Marschgepäck. Kraft lädt einem Mädchen das hölzerne Kreuz auf, „schepper!“, sagt Kraft, „aua!“, sagt das Mädchen. Unter dem Gewicht fällt es beinahe hinten rüber. 18,6 Kilo, alle auf der linken Schulter, so war das „Vorschrift bei den Römern“.

Ein Kochtopf aus Bronze, eine Trinkflasche, Schale und Schöpfkelle, Feuerstein und Schlageisen, Messer und Medikamente. In einer Ledertasche ein Rasiermesser wegen der Läuse, im Beutel drei Kilo Weizenkörner, ein Kamm aus Ziegenknochen, der schwere Mantel, ein Baumpilz zum Feuermachen. „Brennt wie Zunder“, sagt Kraft, aber den Ausdruck kennen die meisten hier nicht mehr.

Mit der Toga schreiten, mit dem Kettenhemd marschieren

Und das war nur das Gepäck. Was der Römer nicht bei, sondern an sich trug, wird an Lennart demonstriert. „Keine Hosen, keine Socken, keine Unterwäsche“, das hier wird die Alltagskleidung. Auf die untenrum benagelten Stiefel wird verzichtet, der Zwölfjährige bleibt in seinen Turnschuhen. Fibeln halten die Tunika an Lennart fest, ein Gürtel macht, dass er nicht darauf tritt, darüber kommt viel Stoff: die Toga. „Jetzt müsstest du vornehm schreiten!“, empfiehlt Carsten Kraft, aber dafür müsste man natürlich wissen, was „schreiten“ ist. „Was soll ich machen??“

Aber der Legionär trug natürlich Panzer statt Toga, zu sehen alsbald an Joshua. Sie haben extra einen „kräftigen Jungen“ gesucht, und sie meinten nicht sein Gewicht. Nach wenigen Minuten sieht es aus, als versinke der Schüler im Parkettboden unter Panzer, Helm und metallenem Gürtel. Neun Kilo hier, zwölf für den Schild aus Holz, Leder und Leinen, ein Fässchen für den Weinessig. Dazu der Dolch, das Schwert, der Speer. „Damit treffen die Römer aus 30 Metern ein Auge“, sagt Carsten Kraft, als würden sie noch leben, „das trainieren die jeden Tag.“

Irgendwann nach der Varusschlacht gab Rom den Kampf um diesen Teil Germaniens auf

Da steht der Joshi im Kettenhemd. 49 Kilo an ihm dran, die Klasse applaudiert, die Mädchen kichern. Das ist doch der Typ aus dem Lateinbuch! „Wie hoch“, fragt Joshua etwas gepresst, „war die Chance für so einen Legionär zu überleben?“ Kam auf die Schlacht an, sagt Historiker Kraft, aber er weiß: „Von sechs Mann waren es vier.“

32 Jahre lang, erfahren die Siebtklässler noch, haben die Römer es probiert, mit Waffengewalt und Versprechungen, bis sie es aufgaben mit diesem Teil von Germanien. „Brauchen wir nicht“, soll damals Rom entschieden haben, Bäume, Blei und Regen gab es schließlich außerhalb von Haltern auch.

Der Rest, ja: ist Geschichte. Und im Januar macht das Museum wieder auf.

>>INFO: DAS RÖMERMUSEUM IN HALTERN

Das Römermuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Haltern steht dort, wo vor 2000 Jahren der mit am besten erforschte Militärstützpunkt aus der Zeit des Kaisers Augustus war. Bereits im frühen 19. Jahrhundert entdeckten Wissenschaftler an der Lippe bei Ausgrabungen die Reste des Heerlagers. Mehr als 1200 Fundstücke erzählen die Geschichte der 19. Legion.

Seit Anfang November bis zum 13. Januar 2020 ist das Römermuseum wegen Umbauarbeiten geschlossen. Zur Überbrückung wurde das Programm „Römer to go“ aufgelegt: Das Museum bringt die komplette Ausrüstung eines Legionärs in Schulen, Museumspädagogen machen Geschichte erlebbar. Nach Velbert „marschieren“ die Römer in den kommenden Wochen nach Bottrop, Gelsenkirchen, Bochum oder Herten.

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