Restauration

Regionalverband Ruhr arbeitet am „Gedächtnis des Ruhrgebiets“

Archivleiter Alexander Schwitanski steht in seinem Reich im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum.

Archivleiter Alexander Schwitanski steht in seinem Reich im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum.

Foto: Morris Willner

Bochum.   Alte Pläne in neuem Glanz: Ruhrgebiets-Stiftung restauriert historische Akten. Dokumente haben durch Schimmel und Feuchtigkeit gelitten.

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Das Ruhrgebiet ist Pendlerregion. Was 2018 mehr denn je gilt, war auch schon vor 80 Jahren aktuell. Schon damals kamen viele Menschen aus Lünen zur Arbeit nach Dortmund, in Bochum tummelten sich Herner und Wanne-Eickeler, und Gelsenkirchener verdienten ihr Geld häufig in Essen. Das beweist eine Karte aus dem Jahr 1937, die die Ruhrgebiets-Stiftung für den Regionalverband Ruhr (RVR) mit vielen weiteren Akten und Plänen aufwendig im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum restauriert hat.

Dass das gerade jetzt geschieht, hat einen simplen Hintergrund: Im Jahr 1920 als Planungs- und Umweltverband gegründet, feiert der RVR demnächst sein 100-jähriges Bestehen. „Es ist schwierig, diese Dokumente in gutem Zustand zu halten“, sagt Karola Geiß-Netthöfel, Direktorin des Verbandes. Ein Vermodern der Zeitzeugen aus Papier wäre jedoch fatal. Und hier kommt das Archiv der Bochumer ins Spiel.

Über 1500 Karten, Pläne und Akten sind zu restaurieren

Ein Konvolut von rund 1500 Karten und Plänen bekam Archivleiter Alexander Schwitanski im November 2016 überreicht. Rund 370 von ihnen bedurften einer schnellstmöglichen Operation am offenen Herzen. Dass an den Plänen aus den Jahren 1921 bis 1951, größtenteils Anlagen zu Beschlüssen des Verbandsausschusses, der Zahn der Zeit nagt, ist für den Betrachter nicht zu übersehen. Die Dokumente sind zum Teil mit Rissen versehen, drohen zu zerbröseln. In der Vergangenheit sind solche Risse häufig einfach provisorisch mit Tesafilm geklebt worden. Das Papier ist aufgrund von Säure vergilbt oder verbräunt. „Ein Chemikaliencocktail“, nennt es Alexander Schwitanski. Immer wieder hat er es gemeinsam mit seinem Team auch mit von Schimmel befallenen Plänen zu tun. Im feuchten Keller – häufig mehr Abstellraum denn wirkliches Archiv –, wo die alten Dokumente oftmals lagerten, haben sie sichtbar gelitten.

In mühsamer Kleinarbeit kümmern sich die Restauratoren deshalb seit rund eineinhalb Jahren um die angegriffenen Karten. Allein die 370 besonders kranken „Patienten“ bilden gemeinsam eine Fläche von über 500 Quadratmetern. „Das benötigt natürlich viel Manpower und Zeit“, so Alexander Schwitanski. Denn Maschinen helfen bei der Arbeit nicht, es geht alles von Hand. Wie verstaubt die Karten bisweilen sind, demonstriert er eindrucksvoll mit einem handelsüblichen Schwamm. Einmal wischen, schon ist er plötzlich dunkel.

Die bereits fertigen Exemplare lassen sich allerdings sehen. Neben einem originalgetreuen „Entwurf einer Schnellstraßenbahn Essen-Kray-Wattenscheid-Bochum“ finden sich auch ein Verbundsgrünflächenplan der Stadt Waltrop aus dem Jahr 1948 oder eben jene bereits genannte Karte, die die Pendelverkehrsströme aus dem Jahr 1937 abbildet. Eine andere Karte deklariert die Ballungsräume um Bochum, Essen Dortmund und Oberhausen als „wenig erholsame Gebiete“. Zum Abschalten ziehe es die Anwohner aus dem Stadtkern in Richtung Wälder und Ruhr.

Auch Bund und Länder sind an der Förderung beteiligt

Als „einzigartige Dokumente für die Geschichte der Raum- und Landesplanung im Ruhrgebiet“, bezeichnet der Direktor des Instituts für soziale Bewegungen, Professor Stefan Berger die restaurierten Archivstücke. „Wir wollen das Gedächtnis des Ruhrgebiets aufbewahren.“

An der Förderung des Projekts sind nicht nur die Ruhrgebiets-Stiftung und der RVR beteiligt, sondern auch die Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Kulturstiftung der Länder sowie die Koordinierungsstelle für Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes. „Das belegt die deutschlandweite Bedeutung des Projekts“, sagt Karola Geiß-Netthöfel. Insgesamt kostet die Restaurierung der Dokumente rund 65 000 Euro.

>>ENDE 2018 FÜR DIE ÖFFENTLICHKEIT ZUR VERFÜGUNG

Bis Ende des Jahres sollen laut Alexander Schwitanski die Restaurierungsarbeiten an allen rund 1500 Dokumenten abgeschlossen sein.

Danach wird der Archivbestand im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets für die Öffentlichkeit und wissenschaftliche Projekte zur Verfügung stehen.

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