Corona

Kaum Kontaktverfolgung in Niederlanden: Lauterbach warnt

Coronavirus: Wie sich Menschen am häufigsten anstecken

Corona hat einen großen Einfluss auf das Leben. Das Wissen über die häufigsten Übertragungswege kann uns den Alltag erleichtern und schützen.

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Aus den Niederlanden.  Die Niederlande geben ihre Kontaktverfolgung von Corona-Fällen zum Teil auf. Gesundheitsexperte warnt vor Risiko in den Grenzregionen.

Die niederländischen Gesundheitsdienste stellen die Kontaktverfolgung nach einer Infektion mit dem Coronavirus teilweise ein. Corona-Patienten sollen ihre Kontakte zum Teil eigenständig über die Infektion informieren. Das bestätigt der niederländische Dachverband der Gesundheitsdienste (GGD Ghor) auf Anfrage. „Es sind zu viele Fälle“, sagt GGD-Sprecherin Sonja Kloppenburg.

Die Gesundheitsdienste seien überlastet, die vielen Fälle seien in so kurzer Zeit und mit dem zur Verfügung stehenden Personal nicht nachverfolgbar. Laut Kloppenburg wird bei jedem Fall individuell entschieden. Bei alten Menschen oder bei einem besonders schlimmen Verlauf übernimmt nach wie vor der Gesundheitsdienst die Kontaktverfolgung. Sollte ein Infizierter in der Lage sein, seine Kontakte selber zu informieren, fällt die Aufgabe ihm zu.

Laut Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bedeute die Einschränkung der Kontaktnachverfolgung einen erheblichen Kontrollverlust. „Sie können Infektionsketten dann nicht mehr vollständig verfolgen und müssen sich darauf verlassen, dass die Infizierten das selbst tun“, so der SPD-Politiker auf Anfrage. „Wir wissen aber, dass das ein Teil der Infizierten nicht macht. Ich persönlich würde schätzen, dass ein Drittel der Infizierten die Kontakte nicht selbst warnen würde.“ Wenn dem so sei, beschleunige die Einschränkung „massiv“ die Ausbreitung des Coronavirus.

„Das wäre eine deutliche Verschlechterung der Ausgangslage“, warnt Lauterbach. Zumal davon ausgegangen werden müsse, dass insbesondere diejenigen, die eigene Kontakte nicht warnen, sich in der Vergangenheit am riskantesten verhalten haben.

„Die Grenzregion müsste dann betrachtet werden wie eine Risikoregion, obwohl es von den Fallzahlen möglicherweise noch nicht soweit ist“, fordert der Gesundheitsexperte. Darunter falle eine Beschränkung von privaten Feiern und eine strenge Kontrolle der Masken- und Abstandspflicht – inklusive Bußgeldern.

Schärfere Kontrollen der Corona-Maßnahmen in Kranenburg

Kranenburgs Bürgermeister Günter Steins (CDU), dessen Gemeinde direkt an der niederländischen Grenze liegt, kündigte auf Anfrage schärfere Kontrollen der Corona-Maßnahmen an. „Wir können nur gucken, dass in den Tankstellen und Supermärkten verstärkt darauf geachtet wird, dass die Leute die Maskenpflicht und den Mindestabstand einhalten.“ Rund ein Viertel der Bürger habe niederländische Wurzeln.

„Ein großer Teil dieser Personen hat einen Arbeitsplatz und seinen Lebensmittelpunkt in den Niederlanden. Die pendeln ständig hin und her“, so Steins. Auch während der Corona-Pandemie habe der Grenzverkehr und die Frequentierung der Tankstellen und Supermärkte in Kranenburg nicht nachgelassen. „Es kommen nach wie vor Niederländer in großer Zahl.“

Ein erhöhtes Infektionsrisiko sieht Steins wegen der eingeschränkten Kontaktnachverfolgung in den Niederlanden aber nicht. „Der Zeitpunkt zwischen einer Infektion und der Erkenntnis, dass ich positiv bin, reicht schon aus, um in der Zwischenzeit meine Mitmenschen zu infizieren.“

Da ein Großteil der Grenzpendler täglich zwischen Kranenburg und den Niederlanden hin und her fahre, blieben laut Steins selbst bei einer konsequenten Kontaktnachverfolgung genug Möglichkeiten, bei denen infizierte Pendler andere Personen mit dem Coronavirus anstecken könnten.

Eine Auffassung, der Lauterbach deutlich widerspricht. „Die Kontaktnachverfolgung der Einzelkontakte ist in der Tat wichtig, aber nicht sehr effizient.“ Es müsse jedoch überprüft werden, ob eine infizierte Person auf einer großen Veranstaltung war, um sogenannte Superspreader-Ereignisse zu lokalisieren, bei denen sich auf innerhalb kürzester Zeit hunderte Personen gleichzeitig anstecken. „Das ist sehr wertvoll und das ist selbst dann noch wichtig, wenn dieses Ereignis zwei, drei Tage zurücklag.“ Ohne eine konsequente Kontaktnachverfolgung werde die Zahl der Superspreader-Ereignisse aber zunehmen, warnt Lauterbach.

Euregio appelliert an die Vernunft der Menschen

„Es ist sehr bedauerlich, dass die Fallzahlen so stark ansteigen und eine Kontaktverfolgung nicht mehr möglich ist“, sagt auch Heidi de Ruiter von der Euregio, die für die Kreise Kleve und Wesel, Düsseldorf und Duisburg sowie in den Niederlanden für die Bereiche um Apeldoorn, Arnheim und Nimwegen zuständig ist. Der Schritt der Niederlände sei verbunden mit einem erhöhtem Risiko und einer höheren Eigenverantwortung der Menschen.

„Wir können nur darauf hoffen, das jedem Ernst der Lage bewusst wird.“ In den Niederlanden gibt es in vielen Bereichen noch keine Tragepflicht eines Mund-Nasen-Schutzes, die Regierung spricht lediglich eine Empfehlung aus. „Man lässt den Leuten die Freiheit, selber zu entscheiden“, so die Euregio-Sprecherin. „Aber nicht jeder entscheidet vernünftig.“

Die Zahl der Neuinfektionen steigt in den Niederlanden seit Tagen dramatisch. Montag (12. Oktober) vermeldete die Regierung rund 6850 Neuinfektionen in 24 Stunden.

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