Loveparade-Prozess

Leiter einer Hundertschaft spricht vom Chaos auf der Rampe

Vor dem Loveparade-Gelände am ehemaligen Güterbahnhof ist es am 24. Juli 2010  in einem Tunnel zu einer Massenpanik unter den Besuchern gekommen. Der Chef einer Hundertschaft hatte schon vorher Bedenken.

Vor dem Loveparade-Gelände am ehemaligen Güterbahnhof ist es am 24. Juli 2010 in einem Tunnel zu einer Massenpanik unter den Besuchern gekommen. Der Chef einer Hundertschaft hatte schon vorher Bedenken.

Foto: dpa Picture-Alliance / Erik Wiffers

Düsseldorf.   Der Chef der 15. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei aus Köln hatte Tage vorher „Bauchschmerzen“. Er habe sich auf die Planer verlassen.

Im Moment der Not malten Polizisten Schilder auf Papier, sie schrien und gestikulierten wild, aber alle Anweisung verhallte im Tumult der Loveparade von Duisburg. Kein Funk, kein Telefon, kein Lautsprecher, keine Sicht. Ein Hundertschaftsführer der Polizei offenbarte am Dienstag als Zeuge im Prozess seine ganze Ohnmacht: „Koordiniert zu führen, war nicht möglich.”

Dabei gab es einen Plan. Zuverlässigen Funk sollte es geben, eine Vorrangschaltung für Handys, einen Lautsprecherwagen am Fuß der Rampe zur Veranstaltung, Ordner, die die Menschen zur Musik leiten. Das hatte man dem Hauptkommissar zugesagt und jede seiner Fragen beantwortet. Der Chef der 15. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei aus Köln, zuständig für Tunnel und Rampe, die zum Festival führten, hatte durchaus „Bauchschmerzen“ gehabt bei den Einsatzbesprechungen wenige Tage zuvor.

Den Übergang aufs Gelände sah er mit Sorge, „eine Flaschenhalssituation“, würde es nicht zu eng werden da oben? Der Schichtwechsel im Moment des größten erwarteten Andrangs, war das nicht „unglücklich“? Und dann der Festivalplatz, Duisburgs alter Güterbahnhof: „Ich war ziemlich erschrocken“, erinnert sich der 49-Jährige, „das machte keinen stabilen Eindruck.“

Er vertraute auf die Planer, auf ihre vermeintlichen Erfahrungswerte

Allein, der Polizist vertraute den Planern, „es wird sicher Erfahrungswerte geben“, sagt er aus, er habe sich darauf verlassen. „Ich war guter Hoffnung, dass das funktionieren würde.“ Seine „15.“ würde laut Auftrag, wie es bei der Polizei heißt, mit drei Zügen „die Sicherheit gewährleisten“, jedweden Stillstand verhindern, für Bewegung im Tunnel sorgen und bei Überfüllung den Rückstau auflösen. Es hat alles nicht geklappt.

Wie bisher alle Polizeibeamten im Zeugenstand, berichtet auch dieser eloquent und strukturiert von jenem 24. Juli 2010, als im Gedränge 21 Menschen starben. Er klagt nicht, er referiert, wie sich die Fläche füllte, wie der Funk ausfiel, das Handy kein Netz fand, wie der Druck wuchs, wie er Polizeiketten zog und verschob, wie er versuchte, sich erst mit „Läufern“, dann mit Rufen zu verständigen: Aufhören zu schieben, weitergehen zum Gelände, seine Leute sollten die Menschen „wegräumen“! So rief er weiter in sein Funkgerät, „in der Hoffnung, dass mich irgendjemand hört“.

Der Funkspruch zur Katastrophe kam nur fragmentarisch durch

Und wie bisher alle Polizeibeamten verliert auch dieser die Fassung, als er in seinem Bericht an diesen Punkt kommt: Da kam ein Funkspruch durch, „fragmentarisch“ nur, „hier liegen Tote“. Der Kommissar sagt, auch als seine Polizeiketten gerissen waren, habe er versucht, „einzugreifen, wo es möglich ist. Aber die Menschen waren nicht mehr zu halten.“

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