Corona-Blues

Krise ohne Ende: Was gegen den Corona-Koller hilft

Genervt von Corona-Nachrichten und -Sorgen? Dosierte Mediennutzung könnte helfen.

Genervt von Corona-Nachrichten und -Sorgen? Dosierte Mediennutzung könnte helfen.

Foto: Christin Klose / dpa

„Endloser Schwebezustand“: Psychologin Petra Jagow erklärt, wie wir mit Mediennutzung, Sport und positivem Fokus gegen den Corona-Blues ankommen.

Langsam aber sicher setzt der Corona-Blues ein. Das Thema nagt an den Nerven – oder nicht? Über die Langzeitwirkung der Krise, über Sorgen und Hilfestellungen sprachen wir mit Petra Jagow, der Kölner Landesvorsitzenden im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).

Was macht es mit den Menschen, wenn ein sorgenbeladenes Thema wie Corona über einen so langen Zeitraum dominiert?

Das verunsichert ganz stark, denn wir können unser Leben nicht mehr so führen, wie wir es gewohnt sind. Einkauf, Urlaub, Arbeit – so eine starke Einflussnahme ist für uns völlig neu. Und diese Unsicherheit verändert sich mit jedem neuen Inzidenz-Wert. Da denkt man sich: Was kann ich eigentlich noch selber tun und entscheiden? Das führt zu einer gewissen Niedergeschlagenheit. Die Leute sind sehr auf sich zurückgeworfen. Plötzlich marschieren viele Lebensfragen auf: Wie lebe ich eigentlich? Man hat auch schon einiges verändert. Wir hatten das nun abgearbeitet. Wir waren wieder bereit für den Alltag. Aber der kommt nicht. Der Schwebezustand wird gerade ein bisschen endlos.

Hinzu kommt: Als braver Bürger, der sich an die Regeln hält, bin ich vielleicht ein bisschen verstimmt über all das, was nicht geht. Dann schaue ich auf andere, die sich an gar nichts halten – und dann werde ich wütend. Das sind alles nicht so schöne Gefühle und Stimmungen, die wir da haben.

Gibt es ein Zuviel an Nachrichten und Informationen?

Wenn ich meinen Fokus zu stark auf das richte, was ich schlecht beeinflussen kann, gerate ich womöglich in eine Sorgenspirale. Es ist viel besser, dosiert seriöse Informationen aufzunehmen. Ich muss wissen, was ab meiner Haustür passiert: Wie sind hier die Zahlen, aha, nun muss ich eine Maske in der Einkaufszone tragen. Dann interessiert mich noch die Gesamtgemengelage in Deutschland und vielleicht der Abgleich mit der EU. Und wie ist NRW eingestellt. Im Groben reicht das doch. Tatsächlich gibt es ja eine unglaubliche Rückkehr zu den öffentlich-rechtlichen Medien und gut recherchierten Tageszeitungen. Ich überlege auch hier: Wie oft am Tag nehme ich etwas auf. Und ich lese nicht jede Push-Nachricht, was Trump schon wieder macht.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

Auch da sollte ich sehr dosiert vorgehen. Ich bin da im Austausch mit Leuten, die manchmal sehr kühne Sachen vertreten. Da wird schnell gewettert und geschimpft. Auch das sind alles ziemlich ungute Gefühle. Oder ich stolpere über etwas, das ich gar nicht einordnen kann. Was mich verunsichert und rausbringt aus meinem Konzept, mit dem ich durch den Alltag komme. Von der Corona-Hotline des BDP weiß ich: Einige Menschen, die nicht arbeiten gehen konnten, hatten plötzlich viel Zeit und wenig Ablenkung. Die haben den ganzen Tag gesurft und waren schließlich im Zustand einer Panikattacke. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto größer erscheint mir auch die Gefahr.

Wo verläuft die Grenze zwischen Meinung und Verschwörungstheorie?

Dieses fieberhafte Recherchieren bis hin zu Verschwörungstheorien – das hat damit zu tun, dass ich die Wahrheit wissen will. Es gibt aber keine Wahrheit. Es gibt eine Wirklichkeit, auf die können wir uns verständigen, wenn es gut läuft. Und dann gibt es noch eine Wissenschaft. Die dient uns als Werkzeug, um mit etwas umzugehen. Ihre Hypothesen sind nie final und gelten nur so lange, bis sie widerlegt sind, mehr behauptet die Wissenschaft auch gar nicht. Damit kann sie aber etwas an die Hand geben, was mehr ist als eine Meinung.

Warum ich Verschwörungstheorien anheim falle, kann viele klinische Ursachen haben. Es kann eine narzisstische Störung sein. Oder ich beuge mich meinem Umfeld. Es ist ein bunter Strauß. Was ihnen gemein ist: Man steigt aus aus dem Common Sense und will recht haben gegen die Mehrheit. Und wenn ich vermeintlich als einziger die Wahrheit kenne – kann ich mir so einen Auserwähltenstatus zurechtlegen.

Sorgt die Dauerbeschäftigung mit Corona für eine Abstumpfung – droht ein Stimmungsumschwung hin zu weniger Akzeptanz für die Maßnahmen?

Die Verknüpfung zwischen Abstumpfung und geringerer Akzeptanz sehe ich nicht. Im Gegenteil haben die meisten Menschen doch ein großes Interesse, dass wir die Krise gut managen. Mangelnde Akzeptanz tritt auf, wo wir den Eindruck haben, dass dies nicht mehr der Fall ist. Wenn Anordnungen als widersprüchlich, wenig sinnvoll und ungerecht empfunden werden – wie beim Beherbergungsverbot. Da entzündet sich jetzt was. Es ist auch keine Frage der Abstumpfung, ob jemand eine Maske trägt oder nicht. Daran kann man eher erkennen, ob sich jemand zur Gesamtheit rechnet und mitspielt oder ob er die anderen ignoriert.

Hat der Gewöhnungseffekt auch positive Aspekte?

Wir haben Routinen entwickelt. Wir halten einen gewissen Abstand, stupsen mit dem Ellbogen, haben immer die Maske dabei – gut, Männer scheinen es oft nicht zu schaffen, die Maske über die Nase zu ziehen, das scheint ein Genderproblem zu sein (lacht). Es gibt natürlich weiterhin die Besorgten, die kaum vor die Tür gehen, und es gibt die zu Sorglosen. Aber in der Mitte hat jetzt eigentlich jeder etwas entwickelt, was für ihn funktioniert. Wir lächeln uns unter der Maske mit den Augen an. Daran kann man auch sehen, wie lernfähig wir sind.

Was können Menschen tun, die sich Sorgen machen? Und müsste man hier differenzieren zwischen wirtschaftlichen und emotionalen Sorgen

?Sorgen sind immer relativ. Egal ob es berufliche sind, gesundheitliche, existenzielle oder die Sorgen um meine Eltern – sie können das Bewusstsein ausfüllen. Was am besten gegen Sorgen hilft, ist tatsächlich, drüber zu sprechen. Bei unserer Hotline, die von März bis Juli lief, konnte man häufig sehen: Es waren oft ängstliche Persönlichkeiten, bei denen es sich nun zugespitzt hatte. Und es hat oft geholfen, ein bisschen zu sortieren und praktische Hilfen zu geben, wo sie eine sichere Information kriegen.

Ab welchem Punkt, ist es denn geraten, sich Hilfe zu suchen?

Wenn ich merke, dass es meinen Alltag untergräbt. Ich kann nicht mehr schlafen oder habe nur noch Albträume. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Kriege es vielleicht nicht mehr hin, mich um andere zu kümmern. Die meisten können diesen Punkt sehr genau benennen. Klar, gibt es manchmal aufreibende Phasen mit schlaflosen Nächten. Aber wenn ich das Gefühl habe, es entgleitet mir, dann macht es Sinn, mir ein Gegenüber zu suchen. Es muss nicht gleich ein Profi sein. Es sollte jemand sein, dem man es erzählen kann und der es mit einem zusammen sortiert.

Was hilft noch gegen den Winter-Corona-Blues?

Dreh- und Angelpunkt dieser Krise sind Kontakte, Kontakte, Kontakte. Das haben viele Leute ja auch sehr gut verstanden. Wenn es nicht anders geht, kann man sich besser virtuell verabreden als gar nicht. Allgemein wissen wir auch: Menschen die Sport machen, sind besser drauf. Nun ist nicht jeder für Sport zu gewinnen. Aber einmal um den Block gehen, hilft schon gegen den Lagerkoller. Und dann gilt es zu gucken: Was mach ich gern? Was macht mich aus? Dabei sollte man immer den Fokus darauf legen, was geht. Und nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren – auf das, was nicht geht.

>> Info: Hier gibt es Hilfe

Die Telefonseelsorge bietet ein durchgehendes Angebot zur allgemeinen Krisenberatung und kann lokale Hilfen empfehlen: 0800 / 111 0 111 (ev.) und 0800 / 111 0 222 (kath.) oder online.

Termine beim Psychotherapeuten bekommt man über die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): 116117 oder kbv.de (Terminservicestellen).

Selbstzahler, privat Versicherte und gesetzlich Versicherte, die eine Zusage für eine Kostenübernahme haben, können den Psychotherapieinformationsdienst (PID) nutzen: 030 / 2 09 16 63 30 (Mo und Di 10-13, 16-19 Uhr, Mi und Do 13-16 Uhr) oder unter psychotherapiesuche.de. Online-Berater sind hier aufgelistet

Tipps und Broschüren finden sich beim BDP, darunter ein ganzer Strauß zum Umgang mit der Corona-Krise.

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