WAZ öffnet Pforten

Kernkraftwerk-Simulator wird Kulisse für Sicherheitstraining

Dr. Matthias Aleff (rechts), Produktmanager von „EKu.Safe“ simuliert für die Besucher einen Störfall im Kernkraftwerk Brokdorf.

Dr. Matthias Aleff (rechts), Produktmanager von „EKu.Safe“ simuliert für die Besucher einen Störfall im Kernkraftwerk Brokdorf.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Essen.  Der Atomausstieg nimmt dem Essener „Simulatorzentrum“ das Kerngeschäft. Doch es gibt Ideen für die nachgebauten Leitstände der Kernkraftwerke.

Wenn im Kernkraftwerk die zentrale Kühlmittelleitung, ein mannsdickes Stahlrohr, platzt wie eine Bockwurst; wenn die halbe Kontrollwand plötzlich im Stakkato blinkt; wenn die Messschreiber ausschlagen im Takt des größten anzunehmenden Unfalls ... ja, was macht man da?

„Erst mal auf die Uhr gucken und sich fragen: Was hab ich gestern um diese Zeit gemacht?“

Man könne auch in einen Apfel beißen, erklärt Bert Poeten. Das kühlt zwar keinen Reaktorkern, aber ein paar Sekunden bewusste Ablenkung machen den Kopf frei. Man wolle ja keine Techniker im Leitstand, die in Schockstarre oder Hektik verfallen, sagt der Leiter der Abteilung Verhaltensstandards im weltgrößten „Simulatorzentrum“ für Kernkraftwerke. Sie sollen streng nach den Sicherheitsvorgaben handeln – und die berücksichtigen den psychologischen Faktor. Ein paar Sekunden Sammeln sind sinnvoll (zumal das Kraftwerk für diesen Störfall ausgelegt ist), dann muss es um Neutronenfluss, Reaktordruck und Kühlmittelbespeisung gehen.

Fast alle haben diese Schule durchlaufen

Die Mannschaften fast aller Atomkraftwerke Deutschlands und Hollands haben diese Schule in Essen-Kupferdreh durchlaufen, die über die Gesellschaften KSG und GfS letztlich von den fünf Energiekonzernen getragen wird, die dort Kernkraftwerke betreiben. Fast jedes ist ein technisches Unikat, darum gibt es für jedes einen eigenen Leitstand im beschaulichen Deilbachtal. Und wir reden nicht von Computersimulationen.

In diesem geklinkerten Bürokomplex stehen tatsächlich originale Kopien der Leitstände, nach den echten Bauplänen, und jeder Knopf ist konventionell verdrahtet (und damit „hochausfallsicher"). Wir stehen gerade im Kernkraftwerk Brokdorf, 1986 erbaut – und der Störfall lässt diesen fast nur aus Armaturen bestehenden Raum so dringlich blinken und surren und piepen, wie keine Bildschirm-Simulation es je vermöchte. Die Kabel hinter all den Kontrollen führen allerdings nicht zu Pumpen, Generatoren und Messgeräten, sondern natürlich in einen Computer mit Spezialsoftware. Per Mausklick können die Schulungsleiter den Störfall auch beenden. Es hat ihn ohnehin nie gegeben. Eine Hauptkühlmittel-Leitung ist noch in keinem Kernkraftwerk der Welt geplatzt. Erst recht nicht in Brokdorf.

Fehler auf höchstem Niveau

Aber das ist der Punkt. In Kupferdreh denken sie sich Fehler auf höchstem Niveau aus. Rechnen mit dem kleinsten und dem größten Unfall, mit dem kompliziertesten und dem dümmsten Versagen. Natürlich ging es am Anfang vor allem um die Technik. Hervorgegangen ist das Simulatorzentrum aus dem Verband der Großkesselbetreiber, nachdem 1920 ein Kohlekraftwerk in Düsseldorf explodierte. Ab den 70ern entstanden die ersten Kernkraftwerkssimulatoren, seit den 80ern mit Computerunterstützung, schließlich rückte das menschliche Verhalten stärker in den Mittelpunkt. Und hier stand das Zentrum 2011, als Fukushima schmolz.

Wenn die deutsche Regierung den Atomausstieg beschließt; wenn ein Kraftwerk nach dem anderen vom Netz geht; wenn das Ausland seine eigenen Simulatoren fährt … ja was macht dann ein Kernkraftwerkssimulatorzentrum noch?

Es baut das „Kerngeschäft“ zurück – und baut neue Felder auf. 13 Leitstände gab es einst in Essen, davon sind nur sieben geblieben. Philippsburg (2019) wird gerade verschrottet. Der zugehörige Simulator hat zwar einmal rund 30 Millionen Euro gekostet – aber nur die wenigsten Geräte haben nun mehr als Schrottwert. Teuer ist vor allem die Software gewesen, die über die Lebensdauer und Weiterentwicklung der Anlage fortgeschrieben werden musste. Grafenrheinfeld (2015) aber haben sie erhalten in Kupferdreh. Vor einem Schaltplan hängt nun die Zeichnung eines Burgers mit drei Frikadellen.

Das neue „Kerngeschäft“

Das ist das neue Geschäftsfeld. Nicht Burger-Braten, sondern Schulungen. Das Diagramm des „Feedback-Burgers“ soll erklären, wie man Kritik schmackhaft macht und brötchenweich verpackt. Es ist auch nur der konventionellste Baustein der Verhaltensschulungen, die unter der neuen Marke „EKu.Safe“ angeboten werden. EKu steht dabei für Essen-Kupferdreh, Safe für die Kernkompetenz: Sicherheit. „Was wir in der Kerntechnik gelernt haben, übertragen wir nun auf andere Bereiche“, sagt Bert Poeten.

Wenn Sicherheitstrainer ins Krankenhaus gehen, die im Hauptjob Standards für Kernkraftwerke setzen, werden sie Ernst genommen. Und sie schulen nicht nur, sie finden Fehler. Zum Beispiel bei der Ausbildung von Krankenhauspersonal war die „Drei-Wege-Kommunikation“ bislang nicht Standard, erklärt Poeten. Doch was, wenn eine Anweisung falsch verstanden wird – Milliliter statt Milligramm? Also: Anweisung wiederholen und der Arzt bestätigt noch einmal die Richtigkeit.

Der Medizinbereich verspricht Wachstum, mehrere Unikliniken gehören bereits zu den Kunden. EKu.Safe denkt über den Bau eines komplett funktionsfähigen Simulations-Operationssaals nach. Auch chemische Betriebe oder eine Brauereikette lassen ihre Teams schulen, um einen anderen Blick für und auf Pannen zu bekommen. In manchen Berufen kosten sie viel Geld, in anderen können sie fatal sein. Wenn Seenotretter im Rollenspiel Körper durch die engen Gänge hinter den Schalttafeln tragen, wird das Kernkraftwerk zur Kulisse – und zum mahnenden Symbol. In seiner Broschüre hat das Simulatorzentrum das gut zusammengefasst: „Machen Sie Ihre Fehler lieber bei uns.“

>> Info: Strukturwandel

2011 haben noch 160 Mitarbeiter im Simulatorzentrum gearbeitet. Nun sind es 95, bis Ende 2022 sollen es noch 65 sein. „Doch wir stellen auch neue Mitarbeiter ein“, erklärt Bert Poeten. „Zuletzt einen Notfallsanitäter und einen Krankenpfleger.“ Zur Diversifizierzung gehört aber auch ein neues hochsicheres Rechenzentrum, nach eigenen Angaben eines der größten im Ruhrgebiet. Zielgruppe Mittelstand.

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