Armut

„Im Ruhrgebiet wird die Zukunft der Kinder verspielt“

Armut in Gelsenkirchen: ein Bild von Harald Hoffmann in der Ausstellung „Parallelwelten“

Armut in Gelsenkirchen: ein Bild von Harald Hoffmann in der Ausstellung „Parallelwelten“

Foto: harald hoffmann / Pixelprojekt Ruhrgebiet

Gelsenkirchen.  Nirgendwo in Deutschland ist die Kinderarmut größer als im Ruhrgebiet. Wie kann man das ändern? Ein Forscher macht der Region große Vorwürfe.

Im Ruhrgebiet sind besonders viele Kinder arm. Und die meisten bleiben auch arm, wie eine Langzeitstudie zeigt. Auch deshalb beschäftigten sich am Donnerstag gleich zwei Tagungen in Bochum und Gelsenkirchen mit dem Thema Kinderarmut. Und der Frage: Wie kommen die Jüngsten heraus aus der Armutsfalle?

Drei Thesen zur Kinderarmut im Ruhrgebiet: 1. „Wir wissen schon alles.“ 2. „Es wird noch viel zu wenig darüber geredet.“ 3. „Das Thema tut weh, jede Diskussion darüber gilt schon als Netzbeschmutzung.“ Alle drei auf Bühnen ausgesprochen am Donnerstag in Gelsenkirchen und in Bochum, wo Akteure aus Sozialwissenschaft und –

arbeit die Armut der Kinder trotzdem zum Thema machten. Und um die 4. Erkenntnis einmal mehr nicht herumkamen: Die Situation ist besorgniserregend und wie so oft im Ruhrgebiet am meisten.

Ernst dreinblickende Kinder

Im Flur hängt die Wäsche, davor stehen Einkaufs- neben Kinderwagen, auf dem Tisch ein leerer Joghurtbecher neben einem angefangenen Paket Zucker. Ist das Armut? Die Herner Fotografin Brigitte Kraemer hat Bilder im Frauenhaus gemacht, sie hängen in einer Ausstellung im Wissenschaftspark Gelsenkirchen. „Parallelwelten“ heißt sie und zeigt vor allem sehr ernst dreinblickende Kinder, wenig Freude und in Schwarz-Weiß häufig noch zusätzliche Tristesse.

So soll Kinderarmut also aussehen, aber was ist das überhaupt? Der falsche Begriff, findet Gelsenkirchens Jugendamtsleiter Wolfgang Schreck, der fragt: „Wer ist da eigentlich arm? Die Kinder werden doch in eine Situation hineingeboren.“ Aus der sie nur schwer wieder herauskommen, wie eine Studie zeigt, die die Arbeiterwohlfahrt zeitgleich in Bochum vorstellt: Ein Drittel der Kinder verlassen die Armutsspirale danach auch im Erwachsenenalter nicht mehr.

Ein unermüdlicher und vergeblicher Kampf gegen Kinderarmut

Der Soziologe und Regionalforscher Volker Kersting liefert in Gelsenkirchen noch mehr wissenschaftliche

Ergebnisse. Über „Sisyphos“ soll er reden und seinen ebenso unermüdlichen wie vergeblichen Kampf, seine neueste Veröffentlichung heißt „Illusion der Chancengleichheit“, was beides scho viel sagt über das Thema. Auf einer Armutskarte Deutschlands, die Kersting mitgebracht hat, ist das Ruhrgebiet dunkelrot. Alle Kurven zeigen: Die Zahlen bei Kinderarmut sinken leicht, nur im Revier steigen sie deutlich an, im Mülheim und Gelsenkirchen am stärksten. Die Hartz-IV-Quote bei Minderjährigen ist nirgends so hoch wie in der Region.

Armut in Duisburg: Verein hilft vernachlässigten Kindern
Armut in Duisburg- Verein hilft vernachlässigten Kindern

Kersting hat auch untersucht, was das mit den Kindern macht: Übergewicht, Sprachauffälligkeiten, schlechte Zähne, fehlende U8-Untersuchungen, Schwächen bei der Motorik. Der Soziologe weiß aber auch: Je früher das Kind in die Kita kommt, desto besser fallen alle diese Werte aus. Auch die Mitgliedschaft in einem Sportverein helfe: „Nicht nur für Bauch und Beine, auch für die Birne.“

„Im Ruhrgebiet wird die Zukunft von Kindern systematisch verspielt“

Es gebe also „eine Menge Stellschrauben, an denen man drehen kann“, und hier und da in den Kommunen auch entsprechendes Engagement, aber „die negative Entwicklung kann man nicht mit Projekten und befristeten Verträgen bewältigen“, glaubt Kersting. Strukturell, sagt er, verändere das wenig. Die Erzählung vom Revier auf der „Überholspur“? „Alles Fake“, findet Kersting. „Im Ruhrgebiet wird die Zukunft von Kindern systematisch verspielt.“

Nun will die Tagung in Gelsenkirchen genau das aber ändern, „Lösungsmöglichkeiten“ stehen im Programm, und auch in Bochum fordert die Awo an diesem Tag ja mehr Hilfen, um Kindern aus der Armutsspirale zu helfen. „Probleme sind genug beschrieben“, meint Prof. Josef Hilbert, Leiter am Institut für Arbeit und Technik, der nach Gelsenkirchen eingeladen hat. „Aber wir müssen endlich ein bisschen mehr probieren als bislang.“

Aber was?

Gelsenkirchen steht in den Statistiken von Volker Kersting weit hinten, trägt „wie immer die rote Laterne“, wie Jugendamtsleiter Wolfgang Schreck sogar sagt, aber es hat Lösungsansätze. Hier, wo der „Import von Armut“ vor allem aus den EU-Ländern Südosteuropas zu „wuppen“ ist, wie man im Ruhrgebiet so sagt, gilt ein Viertel der Bevölkerung als arm, die Armut bei Kindern betrifft mehr als 40 Prozent.

Die Stadt steuert gegen mit Tieren: Erdmännchen, Delfinen, Kängurus, allesamt Programm-Namen für

Sprach- und Leseförderung, für die Stärkung von Konzentration und Motorik schon vor der Grundschule. Den Bedarf hat auch Volker Kersting so formuliert und außerdem den früheren Beginn empfohlen: „Arme Kinder gehen zu spät in die Kita.“ Und das will auch die Awo in Bochum: Mehr Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren! Schon dort werden in Gelsenkirchen dazu die Eltern einbezogen mit Bildung und Beratung, in 17 Kitas arbeiten Heilpädagogen und Krankenschwestern, in 55 Familienzentren knüpft die Stadt direkten Kontakt zu Eltern und Kindern.

Aber trotz allen Engagements, das natürlich auch Geld kostet, trotz aller zukunftsgewandten Debatte – am Ende sagt Jugendamtschef Schreck doch wieder diesen Satz, der nicht als Schlusswort gemeint war, aber doch so klingt: „Es gibt keine Chancengleichheit in diesem Land.“

INFO:

Die Ausstellung „Parallelwelten - Fotoarbeiten zur Kinderarmut ist noch bis zum 9. Mai im Wissenschaftspark Gelsenkirchen, Munscheidstraße 14, zu sehen. 36 Fotografinnen und Fotografen sowie zwei Schulklassen aus Köln zeigen Bilder aus ganz Deutschland, die ein Gefühl dafür vermitteln sollen, „was dieses Schicksal für jeden Einzelnen bedeuten kann“, sagt Peter Liedtke, der die Ausstellung für das „Pixelprojekt Ruhrgebiet“ zusammengestellt hat. Die 129 Fotos sind seit Beginn der 70er-Jahre entstanden, viele zeigen Szenen aus dem Ruhrgebiet.

Der Wissenschaftspark ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr, samstags von 8 bis 15 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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