Stahlproteste

Geplante Tata-Fusion: Die Parallelwelten von Thyssen-Krupp

8000 Stahlarbeiter seien nach Andernach gekommen, um zu protestieren, erklärte die IG Metall.

Foto: Kai Kitschenberg

8000 Stahlarbeiter seien nach Andernach gekommen, um zu protestieren, erklärte die IG Metall. Foto: Kai Kitschenberg

Andernach.   Die Stahlkocher protestieren in Andernach, Hiesinger legt in Essen die Bilanz vor, Laschet besucht die Villa Hügel – ein Konzern im Umbruch.

Recklinghäuser Bus, Duisburg sitzt drin. Gegen halb zehn parkt der erste Bus aus dem Ruhrgebiet beim Thyssen-Krupp-Werk Rasselstein in Andernach ein. Markus Stocker, der hochgeschossene Vertrauensmann, sortiert seine Leute: „Drei nehmen das Transparent, wir wechseln nachher ab.“ „International gemeinsam Kampf der Stahlarbeiter um jeden Arbeitsplatz“, steht darauf. Um 3 Uhr in der Nacht haben sie das Warmbandwalzwerk 1 in Duisburg heruntergefahren, um 7 den Bus bestiegen. „Schön, dass ihr da seid. Wir kämpfen gemeinsam“, begrüßt sie ein Andernacher Kollege.

Essen, Thyssen-Krupp-Quartier

Zu Beginn der Bilanzpressekonferenz applaudieren die Herren aus dem Vorstand den Mitarbeitern. „Das war ein toller Job“, ruft Vorstandschef Heinrich Hiesinger Beschäftigten zu, die sich auf den Balkonen im Atrium versammelt haben. Die Ziele für das vergangene Geschäftsjahr habe Thyssen-Krupp übertroffen. Dank der Beschäftigten, „denn die machen ja die Arbeit, wir als Vorstand können ja nur einen Rahmen setzen.“ Er will Zuversicht versprühen, verweist auf Zuwächse bei Aufträgen, Umsatz und wichtigen Kennziffern. Selbst bei den Kostensenkungen habe man die Ziele übererfüllt. Dennoch: Unterm Strich bleibt ein Fehlbetrag von 591 Millionen Euro – eine Folge der Trennung vom verlustreichen Stahlwerk in Brasilien.

Essen, Villa Hügel

Dunkle Anzüge in der Villa Hügel: So schreibt die Krupp-Stiftung in der Einladung den Dresscode vor, um in feierlichem Rahmen den Alfried-Krupp-Förderpreis zu verleihen. Üppige Flaggen vor dem einstigen Sitz der Familie Krupp begrüßen sie. Stiftungschefin Ursula Gather verteilt am Eingang reichlich Küsschen. Erstmals nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten kommt Armin Laschet (CDU) auf den Hügel. Zum Kampf um den Stahl, Keimzelle des Konzerns, wird er an diesem Morgen kein Wort verlieren.

Andernach

„Rasselstein, das ist Geschichte, das ist Herz“, erzählt Markus Eulenbach, der örtliche IG-Metall-Chef: „Die (in Essen) haben es nie geschafft, hier einen englischen Begriff draufzukleben.“ Weißblech produzieren sie hier, 60 Prozent des Stahls dafür kommt aus Duisburg. „Wenn die euch dichtmachen, kommt bei uns auch der Deckel drauf, logisch“, sagt ein Duisburger. Ein paar Tausend stehen jetzt vor dem Werk. Ein offenes Mikro kreist. „Gibt’s hier auch einen Knopf, um den Vorstand auf den Mond zu schießen?“, fragt einer. Dann kommt eine ältere Frau, hat den Sohn im Betrieb, den Enkel an der Hand: „Es wäre schön, dass der Rasselstein erhalten bleibt. Als Oma muss man auch kämpfen.“

Essen, Thyssen-Krupp-Quartier

Andernach erwähnt Hiesinger nicht. Stattdessen spricht er über Innovationen, autonomes Fahrens, seillose Aufzüge, 3D-Drucker und das Markenversprechen „engineering. tomorrow. together.“ – „gemeinsam innovative Lösungen entwickeln“. Den Geschäftsbericht zieren Fotos von lächelnden Beschäftigten. „Unser Unternehmen wird durch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verändert“, sagt Hiesinger.

Essen, Villa Hügel

Am Stiftungssitz, wo noch am Mittwoch Stahlkocher protestierten, spricht Gather deren Sorgen nur indirekt an: „Mit 21 Prozent ist die Stiftung größte Einzelaktionärin von Thyssen-Krupp. Das Wohl des Unternehmens liegt uns selbstverständlich am Herzen“, betont Gather. „Wir wissen es in guten Händen von Vorstand und Aufsichtsrat.“ 2018 feiert die Stiftung ihr 50-jähriges Bestehen. Auch dieses Jubiläum will Gather „eher leise“ begehen. Es soll einen Bildband vom Kruppschen Krankenhaus geben.

Andernach

Sie ziehen an den Rhein. Vorn der alte Unimog, aus den Lautsprechern kommt: Heavy Metal. Am Friedhof vorbei, an der Grundschule, am Verkehrsschild „Alle Richtungen“ – es zeigt in Gegenrichtung. Es sieht nach richtig vielen Menschen aus, „nahezu 8000“ laut Gewerkschaft. „Man ist bedrückt“, sagt Michael Cors aus Bochum, „wir wollen endlich die Wahrheit hören“. Einer fällt ein: „Heute ist niemand mehr sicher.“

Essen, Thyssen-Krupp-Quartier

Das Stahlgeschäft, ausgerechnet, hat gute Ergebnisse geliefert. Warum er dennoch konsequent bleibe? „Wir freuen uns, dass der Stahl im Moment ein positives Umfeld hat“, sagt Hiesinger. Aber der Stahl bleibe anfällig für Schwankungen. „In sechs Monaten kann man alles gewinnen – oder alles verlieren.“ Das Grundproblem – zu viel Stahl in Europa – sei nicht gelöst. Daher sei eine Fusion mit Tata die „bestmögliche Lösung“. Ihm sei bewusst, dass der Stahl „eine der Wurzeln des Unternehmens“ sei. Aber mit 50 Prozent bleibe Thyssen-Krupp Miteigentümer.

Andernach

Auf der Kundgebung geht es zur Sache. „Herr Hiesinger, lassen Sie die Hosen runter, wir wollen wissen, was Sie vorhaben“, ruft Andrea Nahles, SPD-Fraktionschefin im Bundestag. Metaller Eulenbach sagt: „Kein Vorstand kann die Anlagen bedienen.“ Es gibt viel Beifall für elf Redner. Am Ende wird Eulenbach sagen, er sei „glücklich, dass wir so ein Signal aussenden“. Mittags fahren 35 Busse nach Duisburg zurück, elf nach Bochum, Busse nach Gelsenkirchen und Witten, nach Dortmund, Oberhausen . . .

Essen, Villa Hügel

Laschet verleiht den Förderpreis für junge Hochschullehrer an den Rostocker Physiker Alexander Szameit. Gather applaudiert. Das Geheimnis, ob sie Laschet, von dem die Stahlkocher ebenfalls mehr Engagement fordern, ins Kuratorium der Stiftung berufen wird, lüftet sie heute nicht. Mit dem Ausscheiden von Hannelore Kraft (SPD) ist der Sitz vakant. Die Entscheidung soll wohl Dezember fallen. Zur geplanten Stahlfusion schweigt Gather.

Essen, Thyssen-Krupp-Quartier

Die Pressekonferenz ist beendet, da bittet ein Kollege vom WDR Hiesinger zum Interview. Er spielt dem Konzernchef ein Video von Stahlkochern aus Andernach vor. Hiesinger solle die „Karten auf den Tisch legen“, fordern sie, fragen „welche Standorte müssen schließen?“ Um das beantworten zu können, müsse das Management zuerst mit den Arbeitnehmervertretern verhandeln, sagt Hiesinger. Aber die Obergrenze von 2000 Stellen, die wegfallen sollen, stehe fest. Hiesinger nennt es „den Maximalgrad der Betroffenheit“.

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