Musik

Gebärdenchor inszeniert Verdi mit den Händen

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Essen. Sie singen nicht, sie haben das Lied noch nie gehört: Beim „Day of Song“ präsentiert ein Gebärdenchor das Lied der Gefangenen aus „Nabucco“ vor 80 000 Zuschauern in der Arena Auf Schalke.

Ein Lied kann man nicht sehen. Aber da ist Musik in der Stille dieses Gemeindesaals, ein Gefühl für Takt und Text, obwohl der Chor – schweigt. Sie proben Verdi für den „Day of Song”, aber sie singen nicht, und ihr Lied haben sie noch nie gehört: Diese Menschen sind gehörlos, sie machen Musik mit Händen und nicht einmal Füßen, denn die bleiben so still wie ihre Stimmen. Ein Gebärdenchor.

Das ist „so neu”, dass nicht einmal der Chorleiter damit Erfahrung hat und Peter Rapp aus Mülheim sagen muss: „Ich kann mit Musik nicht viel anfangen, da bin ich außen vor.” Aber trotzdem sind sie da, oder gerade deshalb, weil sie mitwirken dürfen an einem Abend, „von dem man nie denkt, dass sie dabei wären”, sagt die Dortmunder Musiktherapie-Professorin Irmgard Merkt: beim großen Abschlusskonzert des „Day of Song” in der Arena Auf Schalke, vor 80 000 Zuschauern.

30 Menschen ballen die Fäuste

Und dass jene Leute Zuschauer sind und eben nicht nur -hörer, das baut die Bühne für diesen Chor: „Wie ein Schatten” könnte er sein, „auf der einen Seite ein singender Chor, auf der anderen ein gebärdender”, „ein geistiger Doppelgänger”, träumt Regisseur Jonathan Eaton. Das Publikum entscheidet, ob es nur hört oder auch schaut. Und es gäbe da viel zu sehen: wie 30 Menschen die Fäuste ballen und die Handgelenke übereinander legen, wie gestreckte Arme zu Flügeln werden und in den Gesichtern der Männer und Frauen ein Sehnen wächst – der Gefangenenchor! Manchen liegt „Nabucco” auf Zetteln zu Füßen.

„Wir wissen nicht, wie es ist, wenn man Musik nicht hört”, sagt Irmgard Merkt, die sich das alles ausgedacht hat, aber zu sehen ist: Es ist schwierig, einem gemeinsamen Rhythmus zu folgen, der stumm bleibt. Und nicht derselbe ist, den sie in der Gebärdensprache benutzen. Sie müssen ihn auswendig lernen, es gibt nicht einmal Schläge, die dumpf den Boden dröhnen lassen. Tänzerisch sehen die Bewegungen aus, aber es ist kein Tanz, sie nennen es „Poesie”. Vorn steht Tomato Pufhan, ein Dirigent ohne Töne, auch er wirkt eher wie ein Tänzer als wie ein Dichter, wenn er das ganze Leid der Sklaven in eine Geste bringt. Sie brauchen immer so einen vorn, der führt. Neben ihm sieht Jonathan Eaton zu, „ihr seid so nah dran”, jubelt er in die Stille, was niemand hört, und dann sagt er tatsächlich: „Ich hör’s mir nochmal an.”

Musik fließt, bleibt spannend

Später versucht er, Musik zu erklären, wie sie fließt und spannend bleibt, selbst wo sie Pausen hat; er will das sehen. Zeigen sollen sie, „dass ihr das Vaterland vermisst”, und die Mimik nicht vergessen: „In stillen Momenten müsst ihr das Interesse halten”, übersetzt eine Dolmetscherin. Dabei verstehen sie von Stille mehr als der Regisseur, die meisten sind, wie Andrea Zelle aus Essen sagt, „in einer stillen Welt aufgewachsen”. Eatons Stimme hallt in den Saal, „ihr dürft nicht vergessen, was ihr empfinden müsst”! Wer nicht hören kann, muss fühlen.

Gerade ein Gebärdenchor müsste das gut können, glaubt Eaton, den Wunsch nach Freiheit, nach einem anderen Leben mit den Händen umsetzen. Merkt geht es um soziale Akzeptanz: „Die Gehörlosen können sich zeigen in Kompetenz, nicht in ihrem Defizit.” So könnten Nicht-Behinderte ihre „Mitleidsschiene” verlassen: „Nicht, diese armen Menschen können nicht hören. Sie können Musik gestalten!” Taube Menschen haben keine Lieder?

Vor dem Chor hüpft der Regisseur

„Wir können nicht singen, klar”, hat eben eine Frau fröhlich erklärt. Sie steht jetzt da und wiegt die Arme und geht in der Musik auf, von der sie nicht einmal weiß, was das ist. Und vor dem Chor hüpft Regisseur Eaton, winkt, lacht und hebt den Daumen. Gebärdensprache ist das nicht, aber keiner muss hören können, um das zu verstehen: Toll gemacht. Ihr könnt stolz sein. „Es gehört schon Mut dazu”, sagt Tomato Pufhan. „Es ist total fremd”, lässt Peter Rapp übersetzen. „Aber schön.”

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