Integration

Wie der Zauber des Fußballs Flüchtlingsmädchen verwandelt

Bitte den Ball hochhalten! Silva (vorn links) kann auch das am besten.

Bitte den Ball hochhalten! Silva (vorn links) kann auch das am besten.

Foto: Fabian Strauch

Köln.   Das Projekt „Scoring Girls“ will Flüchtlingsmädchen aus dem Abseits holen. Bei Tugba Tekkal vom 1. FC Köln lernen sie, sich zu behaupten.

Autsch, das war ein tüchtiges Foul, aber Silva steht schon wieder. Trotzig, stur, Indianer kennt keinen Schmerz: „Bin ich ein Mädchen?“ Ja, das ist sie, und es ist das Besondere hier. Silva aus Syrien spielt Fußball. Bei den „Scoring Girls“, frei übersetzt: den „Tore schießenden Mädchen“. In dieser Trainingstruppe auf einem Kunstrasenplatz des 1. FC Köln ist die 15-Jährige unter 20 Flüchtlingsmädchen der Kapitän.

Silva sagt, sie hat immer schon gekickt, aber zuhause, da durfte sie nicht. Sie spielte heimlich und „dachte immer, ich mache etwas falsch“. Ihren schweren schwarzen Zopf, der heute hinter ihr herfliegt, versteckte sie unter einer Kappe. Silva verkleidete sich als Junge! Hejin aus dem Irak hat das auch versucht, sie konnte nicht anders: „Es gab keine Fußballmannschaft bei uns, jedenfalls nicht für Mädchen.“ Nach ihrer Ankunft in Deutschland, zwei, drei Jahre ist das her, spielten Hejin und Silva gar nicht mehr.

Bis Tugba Tekkal kam. Die ehemalige Mittelfeld-Spielerin beim FC Köln ist in Hannover geboren, aber sie kennt die Probleme: Als Tochter kurdischer Eltern „durfte ich auch nicht, aber heute habe ich Autogrammkarten“. Für Mädchen, lernte Tugba, gehöre sich Fußball nicht, „die Schrammen an den Knien, die kurzen Hosen“. Nur, „wenn ich auf meine Eltern gehört hätte“, sagt die 33-Jährige, „wäre ich nicht da, wo ich bin“: mit Silva und Hejin auf diesem Platz, die sich geschickt die Bälle hin- und herspielen – und Tugba Tekkal ist die Trainerin.

Sie hat sie zusammengeholt, all diese Mädchen zwischen acht und 18 Jahren, aus Flüchtlingsheimen, Übergangswohnungen, aber auch aus sozial schwachen deutschen Familien in Köln. Sie traf dabei auf Eltern, die zweifelten, aber auch auf solche, die froh waren, „dass ihre Töchter eine Aufgabe haben und nicht rumhängen“. Tugba Tekkal sagt: „Für mich waren meine Fußballschuhe das Tor zur Freiheit.“ Das will sie weitergeben, und ihre Spielerinnen gieren danach. Tekkal könnte jeden Tag trainieren, mit noch mehr Mädchen überall in der Stadt, aber noch mehr Zeit findet sie nicht. Es ist ein Ehrenamt, sie setzt sich außerdem für die Rechte jesidischer Frauen ein, „und Geld verdienen muss ich ja auch noch“.

Janna aus Ghana steht heute im Tor, und die Zehnjährige hält gut

Aber mittwochs ist Mädchentag. Janna steht im Tor, die Zehnjährige aus Ghana, „weil ich nicht rennen will“, aber sie macht das gut. „Ich bin Tor“, hat sie verkündet, geschlechtsneutral, dabei sind die deutschen Wörter für diese Kickerinnen meistens weiblich. „Eine Ball“, „eine Trikot“, „eine Wasser“, es ist ein warmer Tag und eine Frauenwelt. Heute sind Tugbas „Mädels“ zickig, sie kreischen, weil da eine Ameise über ihre Kekse läuft, und eine Spielerin ist gerade verschwunden. „Die holt ihre Handtasche“, stöhnt Trainerin Tekkal, „ich glaub’ es nicht.“ Die Hosen, die sie tragen, sind „alle von Tugba“, erzählen die Mädchen stolz, bloß „guck mal, neue Socken“!

Was aber eigentlich passiert bei den „Scoring Girls“, ist das: „Viele Mädels haben sich verändert“, sagt Tekkal. Ehrgeizig seien sie geworden, selbstbewusster, lauter auch. Janna, die eigentlich längst Kopftuch tragen sollte, darf nach langen Gesprächen mit der Mutter fröhlich kleine Zöpfchen schwingen. Nur Hejin schaut noch ein wenig auf zu ihren Brüdern: „Die können 100-mal den Ball hochhalten. Ich kann nur 30.“ Dreißig!

Und Silva: Die war ein bisschen so wie der Teenager Tugba auch. „Ein Mädchen, das nicht sprach und keine Freunde hatte.“ Sie wollte nicht reden über ihre Familie und ihren toten Vater. „Sie war sehr verschüchtert“, sagt die Trainerin, „und hat sich gar nichts getraut.“ Und dann war sie dieses Talent am Ball, die Beste auf dem Platz, „wie eine Rakete“, sagt Tugba Tekkal. „Ich wusste, ich musste ihr eine Aufgabe geben.“ Silva ist jetzt der Chef, im Team und auch zuhause, selbst sagt sie: „Ich bin klug.“ Und: „Mama ist stolz auf mich.“ Ihre Trainerin weiß, „es gibt nichts Schöneres als Eltern, die hinter mir stehen“. Aber auch wenig Schlimmeres als das, was sie auch erlebt: dass Mädchen nicht mehr kommen dürfen, wenn sie älter werden.

Silva aber spielt jetzt montags, dienstags, donnerstags Fußball „im normalen Verein“, mittwochs mit den „Scoring Girls“ und am Wochenende bei Turnieren. Bald kriegt sie einen Spielerpass, und dann will sie „Fußballprofis“ werden. In der Mehrzahl. Silva glaubt, „in Deutschland darf man alles machen, was man will“. Das nun auch nicht, aber als Mädchen Fußball spielen, das darf man.

SPENDENKAMPAGNE UND BENEFIZSPIEL

Um noch mehr Mädchen auf den Platz holen zu können – und den Eltern zu zeigen, was ihre Töchter gelernt haben, lädt Tugba Tekkal am 14. Juli zu einem Benefizspiel ins Stadion an der Ostkampfbahn in Köln. Auch die TV-Moderatorin Anne Will wird beim Turnier unter dem Motto „#kommstekickste“ die Fußballschuhe schnüren.

Spenden sind erwünscht. Auf der Fundraisingseite www.gofundme.com steht, wie es geht und was es als Gegenleistung gibt.

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