Revier-Geschichte

Fast vergessene Karten: Wie aus Dörfern das Ruhrgebiet wurde

Die preußische Urmessung von 1830 bis 1840 hat das Ruhrgebiet noch vor der Industrialisierung präzise erfasst.

Die preußische Urmessung von 1830 bis 1840 hat das Ruhrgebiet noch vor der Industrialisierung präzise erfasst.

Foto: RUB (Geografisches Institut) / RUB

Bochum/Ruhrgebiet.  Bochumer Geografen zeigen: Das Revier hat wieder so viel Wald wie vor der Industrialisierung. Die preußischen Karten sind nun im Netz verfügbar.

Die alten Preußen waren bestens organisiert. Schon im Jahr 1830 haben sie ihr Königreich nach einheitlichen Kriterien vermessen, und 1890 noch einmal genauer. Der Schatz dieser Urmessung ist bisher kaum inhaltlich ausgewertet worden, doch Bochumer Geografen haben nun damit begonnen – zusammen mit Kollegen in Oberschlesien. Denn auch dort zeichneten die Preußen verantwortlich.

„Der Reiz war, dass mit diesem alten Kartenwerk ein direkter Vergleich möglich war“, erklärt Prof. Frank Dickmann. Das Ruhrgebiet und Oberschlesien sind sich sehr ähnlich, in beiden Regionen führte die Kohle dazu, dass die Dörfer rasant zu einer industriellen Metropolregion zusammenwuchsen. Aber wie viel Wald ist der Industrialisierung zum Opfer gefallen? Auf welchen Strukturen sind die heutigen Städte gebaut? Und wie sahen die Reviere eigentlich vor der Industrialisierung aus?

Letztere Frage beantworten am besten die Karten, die Dickmann und sein Team frei verfügbar ins Netz gestellt haben (hier zu finden). Tatsächlich erscheint Bochum im Jahr 1830 noch als graues Sprengsel, schon Stadt, aber ländlich geprägt, wie die vielen einzelnen Gehöfte zeigen. Nun lassen sich mit der interaktiven Karte die Siedlungen, die Straßen, die Eisenbahnen, Wälder und Flüsse separat einblenden, ebenso wie Seen, Kirchen und Bergbaustandorte – und das auch für 1890 und 2015. Wir sehen Bochum wachsen. 1890 ist der Kern deutlich angewachsen, viele Höfe sind geschlossen oder haben ihre Gebäude versetzt. Die Besiedlung an den Ausfallstraßen wird dichter, greift nach Witten. Den Ist-Zustand kennen wir ja, aber das Ausmaß des Flächenverbrauchs durch Bebauung ist doch enorm.

Die Industrie fraß Äcker, aber kaum Wald

Trotzdem, das ist die überraschendste Erkenntnis, „hat das Ruhrgebiet kaum Wald verloren. Er hat heute wieder fast so viel Fläche wie vor der Industrialisierung“, sagt Dickmann. Genauer: Es sind 96,3 Prozent des Ausgangsniveaus. Selbst in der Phase der Hochindustrialisierung 1890 war der Anteil nur auf 88,7% des Ausgangsniveaus geschrumpft, aber die Zechenbetreiber benötigten viel Holz und sorgten entsprechend früh für Aufforstung. Die Waldflächen haben sich entsprechend verschoben. Aber die Industrialisierung, erklärt Dickmann, ging zu Lasten von Äckern und Weiden. Oberschlesien zum Vergleich hat nur noch vier Fünftel seiner ursprünglichen Waldfläche.

Solche Berechnungen lassen sich nun auch für Straßen und Siedlungen durchführen. Dass die Karten bislang wenig ausgewertet wurden, hat zwei Gründe: Erst mit Beginn der 90er sind die zerstreut gelagerten Karten bei der Staatsbibliothek Berlin zusammengeführt worden. Und die Digitalisierung ist längst nicht abgeschlossen. Will man die Karten mit Computerunterstützung auswerten, muss man zum Beispiel Siedlungen, Straßen (unterschieden nach Typus), Wald und Äcker als separate Ebenen digitalisieren, was bedeutet: von Hand nachzeichnen. Jedes Haus im Ruhrgebiet. Zweimal (für 1830 und 1890).

„Das Problem war die Quantität“, sagt Dickmann. 20 Kartenblätter im Maßstab 1:25.000 umfasste allein die Urmessung des Ruhrgebiets. Tatsächlich hatten damit sechs Studenten und Doktoranden ein Jahr lang ordentlich zu tun. Sie mussten die Karten aus drei Epochen auch neu verortet und vergleichbar gemacht werden. Sind nur Steinhäuser aufgenommen worden oder auch solche aus Lehm? Und wie war früher Wald definiert? Dafür aber haben die Bochumer nun einen Grundstein gelegt, mit dem andere weiterarbeiten können, hofft Dickmann – vielleicht ja sogar um das restliche Preußen digital verfügbar zu machen.

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