Gesundheit

Der lange Weg: Vom Löwenzahn-Lehrling zum Kräuterpädagogen

Die angehende Kräuterpädagogin Michaela Matthey sammelt Pflanzen auf dem Heidhof bei Bottrop.

Foto: Ralf Rottmann

Die angehende Kräuterpädagogin Michaela Matthey sammelt Pflanzen auf dem Heidhof bei Bottrop. Foto: Ralf Rottmann

Bottrop.   Neun Frauen und ein Mann lassen sich in der Kirchheller Heide im ersten Ruhrgebietskurs dieser Art ausbilden. „Blätter sind lanzettisch.“

Ihr Abendessen haben sie gepflückt, gerupft und ausgerissen, nun liegen die Zutaten auf einem Seminartisch bereit: Brennnessel und Schafgarbe, Knoblauchrauke und Löwenzahn, Giersch, Gundermann, Gänseblümchen – und natürlich Weiße Taubnessel. Für die Butter doch!

Zuvor noch hat Kursleiter Yanko Covino jedes Pflänzchen gemustert („Was kann bei Kräutern passieren? Vergiftung!“), doch insgesamt geht es hier sehr friedlich zu: Was die Teilnehmerinnen mit den Kräutern unabsichtlich ins Haus trugen, nämlich zwei Zecken, eine sonstige Spinne, einen Käfer und ein Schneckchen, das wird auf ein Blatt und sodann vor die Tür gesetzt. Unter größter Beachtung von deren körperlicher Unversehrtheit, versteht sich.

Stiefmutter Natur

So. Das ist aber kein „Veganer-Kochkurs Wildnis“ hier, sondern der erste Tag der Fortbildung zum „Kräuterpädagogen“. Die private „Gundermann-Naturerlebnisschule“ bietet den Kurs erstmals im Ruhrgebiet an, im „Heidhof“ des Regionalverbandes im grünen Norden von Bottrop.

Neun Frauen und ein Mann sind gekommen, gerade haben sie draußen in der Natur genießbares Grünzeug unter Covinos Aufsicht gesammelt: „Nichts alleine pflücken, nichts alleine essen, Sie wissen noch zu wenig.“ Man sagt ja auch: Stiefmutter Natur.

„Ich brauche eine Alternative“

Unterwegs haben die Zehn Auskunft gegeben, sich aus der pflückenden Hocke erhebend, warum Sie sich in einem Jahr „Kräuterpädagoge“ wollen nennen können. Da ist die Essenerin, der ihr Bürojob so aus dem Hals hängt, dass sie nicht einmal ihren Namen nennen kann: „Ich brauche eine Alternative, so in Richtung Selbstfindung.“

Andere wollen das Wissen später weitergeben, denken an Führungen oder Kochkurse oder Grüne Klassenzimmer. Jutta Müller dann, die schon mit Kindern Pflanzenprojekte macht, aber „ich brauche mehr Wissen von Wildpflanzen“.

Vor 20 Jahren noch ein Minderheitenthema

Oder Christiane Ricken direkt hier aus Kirchhellen: „Ich lebe sehr naturnah und finde schade, dass ich nicht weiß, was um mich herum wächst.“ Dann bückt sie sich wieder zur Suche von Nahrung in Form von Schafgarbe. Das mit den gefiederten Laubblättern. Geht doch!

Vor 20 Jahren sei der Umgang mit Kräutern ein Minderheitenthema gewesen, meint Roland Siegert, der die Schule leitet. Aber seit Jahren ziehe die Nachfrage nach Kursen wie diesen an: „Bei den Leuten fließt das Thema Umwelt ein und das Thema Gesundheit, der Gedanke an gesundes Essen spielt auch eine große Rolle.“

„Das ist das, worauf ihr später aufbaut“

Und wenn Sie jetzt etwa denken: Klar, die kochen lustig zusammen, und schon nennen sie sich Kräuterpädagogen – das ginge ziemlich daneben. Der Weg zum Kraut führt über die Pflanze als solche, in langen fünf Stunden vor dem besonnten Essenssammeln hat der Luxemburger Yanko Covino sie mit botanischen Grundlagen gemartert.

Welche Funktion haben Kelchblätter? Wo muss Pollen hin? Fruchtknoten, Staubfaden, Bauchnaht, Kronblätter . . . Klatschmohn, Nelkenwurz . . . radiäre und zygomorphe Blütenformen. Erstes Stöhnen im Seminar. Covino: „Aber das ist das, worauf ihr später aufbaut.“

Pflanzenbestimmungsbücher lesen

Und so geht es bei dem Ausflug in die umgebende Kirchheller Heide noch nicht darum, Pflanzen zu bestimmen, sondern Merkmale zu benennen. „Stil gefurcht.“ „Blätter sind lanzettisch.“ „Wenig behaart.“ „Zackiger Rand.“

Die Auflösung, welche Pflanze den Schülern da gerade in die Augen guckt, gönnt Covino ihnen nicht. Herr Siegert, warum macht er das so? Siegert flüstert zurück: „Wenn sie später Pflanzenbestimmungsbücher nicht lesen können, wissen sie nicht, was sie vor sich haben. Aber die Bücher arbeiten mit diesen Begriffen.“

Zugegeben: Das Essen mit Wildpesto und Himbeerblütenbutter ist dann nett. Aber Sonntag geht es wieder so weiter: Nomenklatur, Systematik, Inhaltsstoffe, und zwar primäre und sekundäre. Vermutlich hat Covino nochmal nachgefragt, was „zygomorph“ war. Es ist noch ein harter Weg bis zu der Übung „Pflücken mit Bedacht“ . . .

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