Abwasserkanal

Der Emscherumbau erlebt seinen Durchbruch

Glückauf! Zwei Bohrer schaffen in einer knappen Stunde den Durchbruch ans Tageslicht. Damit ist der unterirdische Vortrieb fertig.

Glückauf! Zwei Bohrer schaffen in einer knappen Stunde den Durchbruch ans Tageslicht. Damit ist der unterirdische Vortrieb fertig.

Foto: Kai Kitschenberg

Oberhausen.   Nach 200 Jahren wird die Emscher wieder ein sauberer Fluss. Der unterirdische Vortrieb für den neuen Abwasserkanal ist seit Montag abgeschlossen.

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Wenn auch bei Tageslicht besehen: Es ist eine Zeitreise in den Bergbau am Montagmittag in Oberhausen. Krachend fressen sich Maschinen durchs Gestein, still legt sich der Staub auf staunende Menschen. Aus dem Loch, 40 Meter tief und drei unter Null, kriecht ein Arbeiter, eine goldene Barbara-Statue in der gestreckten Faust. „Glück auf!“ – Applaus und Jubel. Und oben spielt die Bergmanns-Kapelle das Steigerlied.

Meilenstein für den Emscher-Umbau

Dabei ist dies erst möglich geworden, weil es den Bergbau (bald) nicht mehr gibt: Hier legt das Ruhrgebiet seinen Abwasserkanal tief, damit die Emscher wieder sein darf, was sie seit 200 Jahren nicht mehr war: ein fröhliches Flüsschen mit 35 Bächlein an seiner Seite. Zu graben nach etwas anderem als Kohle war ja lange nicht denkbar – die Bergsenkungen!

Nach dem Ende der letzten Zeche aber kann die Emschergenossenschaft den Drecksfluss nun verstecken. In Oberhausen-Biefang feiert sie in doppeltem Sinne Durchbruch: Zwei gigantische Bohrer nagen sich ins Freie, damit ist der unterirdische Vortrieb für den Kanal abgeschlossen. Der Rest – ist oben, vier Kilometer noch bis zum Klärwerk und weitere sechs bis zur Mündung in den Rhein.

Es rieselt in der Betonwand, es knirscht und kracht. Es bröselt, es bröckelt, dann fällt ein erster Brocken. Wie Donnerhall klingt das in der Baugrube. Die ist 45 Meter tief und 46 breit, und an zwei gelben Kreuzen, die aussehen wie Schlägel und Eisen, will der linke Bohrer zuerst mit dem Kopf durch die Wand. Es riecht nach nassem Stein, stählerne Zähne zermalmen, was Tunnelbauer mühsam errichteten. Aber der Rest wird noch gebraucht: Genau hier, wo zwei riesige Rohre enden, wird ab heute das dritte Pumpwerk für die Emscher entstehen. (Zwei weitere in Bottrop und Gelsenkirchen werden schon im Herbst 2018 fertig sein.)

Und es wird stinken, etwa Ende 2020. Aber das merkt dann niemand mehr, bis dahin kriegt der Unrat einen Deckel. Bis jetzt war und ist es ja bald noch so, wie eine Bürgerinitiative 1882 klagte: „Vollständig verschlammt und voller Morast, eine dunkle, chaotische, jauchige, stinkige Masse kriecht träge durch das Emscherbett dahin, und fortwährend aufsteigende Blasen verpesten mit ihren verderblichen Hauchen die Luft. . .“ Anwohner erzählen noch am Montag davon, wie es stinkt in der Nähe der Emscher, besonders im Sommer, man muss das so sagen: Hier ist das Abwasser von Millionen Ruhrgebiets-Haushalten im Fluss.

Doch das wird nun anders, und es dauert nicht mehr lang. Biefang ist Bauabschnitt 40, vor drei Jahren begonnen in Bottrop-Süd, zehn Kilometer Kanal in einer Tiefe von 25 bis 37 Metern. Stahlbetonrohre haben sie verlegt, bis zu 2,80 Meter dick, mit vier Kilometern in der Stunde soll der Dreck hier abfließen. Und diese ist nicht die einzige Baustelle: 130 hat die Emschergenossenschaft gerade gleichzeitig, investiert nächstes Jahr zwei Millionen Euro – am Tag.

Für Abschnitt 40 wählte sie das „Tübbing“-Verfahren: Die Bohrerzwillinge fraßen sich parallel durch die Erde und spiehen vorn gleich fertige Beton-Ringe aus. 18 126 insgesamt, jeder 6,6 Tonnen schwer. So haben sie das auch in der Schweiz gemacht, als sie den Gotthardt-Tunnel bauten, nur ist der unwesentlich länger und breiter. Nun sind 47 von 51 Kilometern Abwasserkanal fertig, der Rest folgt in „oberflächennaher“ Bauweise – und weiter geht’s nach Dinslaken.

Der letzte Tunnel heißt Sabine

Der Staub ist nicht schwarz am Montag, er ist grau. Der Förderkorb hängt am Kranhaken und ersetzt 200 eigens gebaute Stufen. Die Arbeiter tragen Gelb und Rot. Hier wird, bei aller Ähnlichkeit, eben keine Kohle abgebaut, nur Abwasser, wenn man so will. Aber etwas ist dann doch wieder so wie Unter Tage: Flöze hießen früher Anna oder Gretchen, nach den Gattinnen der Chefs. Die Emschertunnel heißen Petra, Silke und Ottilie. Vorarbeiter-Frauen, wie man hört. Dieser hier trägt den Namen Sabine, gestern gefeiert mit ebenso traditionellem Schnaps. Patin ist Sabine Lauxen, Dezernentin in Oberhausen – für Umwelt.

KOSTEN: 5,266 MILLIARDEN EURO

Seit 1992 plant die Emschergenossenschaft den Umbau „ihres“ Flusses. Innerhalb von kaum 30 Jahren sollen 5,266 Milliarden Euro investiert werden, 2020 soll alles fertig sein.

Dann fließt das Abwasser unterirdisch, der Fluss soll renaturiert sein. Zeit- und Finanzplan seien zu halten, hoffen die Verantwortlichen.

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